DELHI
VANESSA BAUNACH

Erlebnisse im Goldenen Dreieck Indiens

Viele Freunde und Bekannte habe ich vor Beginn meiner ersten Indienreise um Rat gefragt.Worauf muss ich achten? Was darf ich tun, was besser lassen? Nun beginnt das „Abenteuer Indien“ für mich auf der Fahrt von Delhi nach Agra. Unser Fahrer hält an einem Shop am Expressway (indische Autobahn), um ein kleines Frühstück einzunehmen, das aus zwei Roti (Pfannkuchen) besteht, einer kleinen Tasse Büffelmilch mit Kardamom und einer kleinen Schale Dal (Hülsenfrüchtebrei), ein Curry sozusagen. Ich merke, dass ich von indischen Frauen verstohlen betrachtet werde und die Männer meine Nähe suchen. Eine schnelle Prüfung, ob mein Kleid auch Schultern, Knie und Dekollete ausreichend bedeckt, doch schnell wird mir klar: ich kann tragen, was ich will. Diese Art der Aufmerksamkeit liegt an meiner für dieses Land ungewöhnlichen Hautfarbe.

Zurück auf dem Expressway sehe ich Kühe frei umherlaufen. Die Fahrzeuge müssen halten, Kühe sind hier heilig. Der erste offizielle Stopp ist das Taj Mahal. Männer und Frauen gehen getrennt durch die Sicherheitsschleusen. Endlich steht der strahlend weiße Marmorbau vor mir. Der schöne Moment wird gestört durch Menschenmassen, Kameras, Selfiestäbe, Reisegruppenschirme. Arif, unser Guide für die ersten beiden Tage, meint, wir hätten Glück. Montags seien nur wenige Touristen da. Danach geht es weiter zum roten Fort. Schönes Bauwerk, noch mehr Touristen. Nachmittags besuchen wir eine Moschee, die hauptsächlich von Indern frequentiert wird. Barfuß in bereitgestellten Filzpantoffeln laufen wir durch Taubenexkremente und versuchen, bettelnde Kinder und Ramschverkäufer abzuwehren. Ein starker Kontrast zu den Touristenmagneten.

Lëtzebuerger Journal

Holifest - das Original

Am Vorabend des Holifest-Höhepunktes wird in den Straßen sonnengetrockneter Kuhdung gestapelt, zusammen mit Ästen und was sich sonst noch finden lässt. Symbolisch wird später die Dämonin Holika verbrannt. Am folgenden Morgen wird mit Farbpulver geworfen. Für einen Tag sind dann alle Gesetze aufgehoben, alle Menschen sind gleich, ungeachtet Kaste, Religion, Alter oder Geschlecht. Was ich bisher noch nicht wusste: Holi ist hier auch ein Erntedankfest. Denn zu Frühjahrsanfang und zum Herbstende (Diwali-Lichterfest) wird im Norden des Landes geerntet, so dass die Bauern genügend Geld haben, um zu feiern. Deshalb sehen wir unterwegs bemalte Gesichter und Tiere, geschmückte Erntefahrzeuge und Farbe auf den Straßen. Machmal wird getrommelt und getanzt. Der ohnehin schon chaotische Verkehr wird noch unübersichtlicher. Mopeds und Autos fahren in Gegenrichtung, kreuzen ohne Vorwarnung die Fahrbahn und das obligatorische Hupkonzert bleibt auch nicht aus. Hier wird nämlich gehupt, um den anderen Verkehrsteilnehmern anzuzeigen, dass man vorbei möchte. Bei mehreren tausend Fahrzeugen auf einer Straße im Vorort eine akustische Herausforderung.

Die Mogulstadt Fatehpur Sikri besticht vor allem durch seinen indo-islamischen Baustil. Die Plätze und Tempel wiederum zeigen chinesische Einflüsse. In Jaipur erzählt uns Vikram, der nächste Guide, aus der Zeit der Maharadschas. Muslime durften mit Schmuck und Edelsteinen arbeiten, Hindus mit Textilien und Teppichen. Beide Religionsvertreter waren auch im Handwerk tätig. Aus dieser Zeit haben sich viele Geschäfte gerettet, die auch heute noch indische Diamanten, Rubine, Saphire usw. in Jaipur schleifen lassen und verkaufen. Ebenso die vielen bunt gemusterten Stoffe, die mit Pflanzenfarben in der Freizeit nach der Feldarbeit unter anderem zu Kleidungsstücken verarbeitet werden.

Lëtzebuerger Journal

Bollywood-Flair und Verkehrschaos

Das Besondere am bekannten Amber Fort ist für mich vor allem die eingebaute natürliche Klimaanlage, die auch der Wasserversorgung diente. Zisternen, mit Wasser aus einem nahe gelegenen See gefüllt, wurden mithilfe von Schaufelrädern und Elefantenzugkraft in weitere fünf Zisternen auf verschiedener Höhe des Forts befördert. Von dort aus gelangte das Wasser in Rinnen durch die Innenräume und brachte ihren Bewohnern Kühlung.

Mit der Elektrorikscha fahren wir zu unserem nächsten Halt. Nach dem Aussteigen besteht die große Herausforderung darin, zu Fuß unbeschadet durch den fließenden Mittagsverkehr auf die andere Straßenseite zu gelangen. Da bekommt man schon mal Herzklopfen, wenn von allen Seiten Fahrzeuge auf einen zukommen und niemand Anstalten macht, anzuhalten.

Unsere letzte Station ist im Südosten Rajasthans. Wir fahren in einem offenen Jeep in den Ranthambore-Nationalpark für unsere erste Tigersafari. Etwa drei Stunden lang bewegen wir uns auf einem von zehn festgelegten Routen durch die karge Wildnis, ein paar Tiere, kein Tiger. Auf dem Weg zum Ausgang dann die Überraschung: ein Tigerpärchen hat sich zum Entspannen in 20 Metern Entfernung zum Wegrand in den Schatten gelegt. Die Tiger registrieren zwar unsere Anwesenheit, lassen sich aber nicht stören. Aussteigen ist selbstverständlich verboten.

Auf der Rückfahrt durch den Ort erlebe ich den wohl typischsten indischen Alltagswahnsinn. Wir stehen im Stau und sind durch den offenen Jeep (mit Schal und Sonnenbrille gegen Abgase und Staub) sehr nahe am Geschehen. Links von uns steht ein voller Schulbus mit Passagieren, die auch auf dem Dach noch Platz gefunden haben. Dessen ungewöhnliche Hupmelodie beschallt die Szene. Rechts von uns versuchen hupende Mopedfahrer, sich einen Weg durchs Chaos zu bahnen. Hunde und Kühe laufen zwischendrin. Weiter vorne kaufen sich Einheimische einen Snack an der Garküche und betrachten das Ganze kauend. Am rechten Straßenrand überreicht ein Mopedfahrer sein Baby seiner am Rand stehenden Frau. Daneben wühlen Schweine im Dreck der Straßenrinne nach Essbarem. Was übrigbleibt, wird mit entzündeten Kuhfladen an Ort und Stelle verbrannt. Trotz der für mich ungewöhnlichen und anstrengenden Szenerie muss ich lachen, so dass mir fast die Tränen kommen. „Go with the flow“ ist wohl der beste Rat, den man Indienreisenden mitgeben kann.