DÜDELINGEN
CLAUDE KARGER

Hinter den Kulissen der rechtsmedizinischen Abteilung des „Laboratoire national de santé“

Am 1. April sind es fünf Jahre her, dass Luxemburg eine rechtsmedizinische Abteilung bekam. „Das ist kein teures Spielzeug, sondern eine wesentliche Hilfe für die Justiz“, hatte der damalige Generalstaatsanwalt Robert Biever unterstrichen. Eine langjährige Forderung der Justiz ging in Erfüllung. Sie hatte stets auf die Verzögerungen hingewiesen, die sich etwa aus dem Umstand ergaben, dass sie seit den 1980ern Autopsien von Obduzenten aus der Universitätsklinik Homburg im Saarland durchführen lassen musste, die jedesmal extra anreisten. Aber wie funktioniert die Rechtsmedizin im „Laboratoire national de santé“ genau? Ein Blick hinter die Kulissen.

95 Leichen wurden hier im vergangenen Jahr obduziert Foto: Editpress/Isabella Finzi - Lëtzebuerger Journal
95 Leichen wurden hier im vergangenen Jahr obduziert Foto: Editpress/Isabella Finzi

Rund 100 Autopsien jährlich


Rund 100 Autopsien jährlich werden in der forensischen Abteilung durchgeführt. „Davon sind fünf bis zehn Tötungsdelikte“, erklärt Dr. med. Andreas Schuff, der Leiter der Rechtsmedizin im nationalen Gesundheitslaboratorium. Auf den Seziertisch schickt die Staatsanwaltschaft meistens Opfer von Unfällen, von Suiziden oder von Todesfällen, deren Ursache nicht klar ist. Es gilt herauszufinden, welche Verletzung genau zum Tode geführt hat und wann genau der Tod eingetreten ist. „Bei Mordfällen ist es natürlich von besonderer Bedeutung, das zu wissen, denn mit diesen Erkenntnissen können dann potenzielle Täter oder Zeugen konfrontiert werden“, erklärt Schuff. Es geht um die Belastbarkeit von Alibis. Und es geht darum, ob der Tod absichtlich herbeigeführt wurde oder nicht. Aber wie geht der Obduzent an eine solche Aufgabe heran? „Wir haben ein festes Schema, nach dem wir in jedem Fall vorgehen, und welches wir je nach Fragestellung ergänzend erweitern“, erklärt Schuff.
Häufig hat der Obduzent vor dem Eingriff bereits die Resultate einer Computertomographie vorliegen, die im „Centre Hospitalier de Luxembourg“ durchgeführt wurde. „Diese Zusammenarbeit ermöglicht es uns, schneller und noch präziser zu arbeiten“, sagt der Leiter der Abteilung, die rund 30 Mitarbeiter zählt. Sie ist rund um die Uhr erreichbar, denn es kann sein, dass eine Obduktion umgehend durchgeführt werden muss, auch am Wochenende oder sogar in der Nacht. Weil die Ermittler die Resultate sofort benötigen, um einen Täter dingfest zu machen. Oder um Schäden für weitere Personen zu vermeiden. Man stelle sich vor, eine Person ist durch gepanschte Drogen zu Tode gekommen. Dann müssen Wege gefunden werden, um etwa Konsumenten zu warnen. Bei jeder Obduktion wird auf jeden Fall auch eine toxikologische Analyse durchgeführt, um herauszufinden, welche Substanzen der Tote konsumiert hat. Rund zwei Stunden dauert eine Autopsie, die Auswertung der Resultate kann ein paar Tage bis ein paar Wochen in Anspruch nehmen. Das LNS braucht also entsprechende Aufbewahrungskapazitäten. Die Leiche frei gibt immer die Staatsanwaltschaft.

„Unité médico-légale de documentation des violences“

Gewalt dokumentieren

Ende Juli 2018 wurde in der Rechtsmedizin des LNS die „Unité médico-légale de documentation des violences“ geschaffen. Sie richtet sich an erwachsene Personen, die Opfer körperlicher und/oder sexueller Gewalt wurden, aber nicht gleich Klage führen möchten. Die Opfer können sich ganz im Vertrauen an speziell ausgebildete Ärzte wenden, welche die Spuren der Gewalt dokumentieren und archivieren, damit sie später als Beweise dienen können. Laut Andreas Schuff haben bereits 16 Personen die „umedo“ seit ihrer Schaffung in Anspruch genommen.
Foto: Editpress/Isabella Finzi - Lëtzebuerger Journal
Foto: Editpress/Isabella Finzi

Was Haare erzählen können


Was Sie in den letzten Monaten konsumiert haben, verrät Ihr Haar. „Je länger es ist, desto weiter kann man zurückgehen“, erklärt Dr. Sc. Michel Yegles und zeigt auf seine Locken: „bei mir ist die Geschichte länger als bei Ihnen“. Um etwa einen Zentimeter monatlich wächst das Haar. Darin lagern sich Medikamente, Drogen oder Alkohol ab.
 Yegles kann so zum Beispiel feststellen, ob eine Person ein chronischer Konsument von Rauschmitteln oder von Alkohol ist. Erkenntnisse, die entscheiden können, ob man den Führerschein zurückbekommt oder abgeben muss. Der Toxikologe, der empfindliche Methoden für die Aufspürung von Rauschmitteln in den Haaren und für einen speziellen Biomarker für Alkoholkonsum entwickelt hat, ist ein international renommierter Experte in seinem Feld. So wird die toxikologische Abteilung der Rechtsmedizin am LNS auch regelmäßig aus dem Ausland mit Analysen beauftragt.
Aber nicht nur Haare, auch Blut- und Urinproben landen bei Yegles. Viele kommen von der Polizei, die nach ersten Schnelltests auf Alkohol oder Drogen feststellen lässt, welche Konzentration dieser Substanzen der betroffene Autofahrer wirklich im Blut hatte. Das kann darüber entscheiden, ob sein Fall vor Gericht landet oder nicht. Ein ganz besonders spannendes Feld ist die Leichen-Toxikologie. „Das ist sehr komplex, denn mit dem Tod verändert sich der Körper“, erklärt Michel Yegles. „und viele zusätzliche Paramater müssen für die Interpretation der nachgewiesen Konzentrationen berücksichtig werden “.

Le travail d’identification génétique requiert une extrême précision et doit se faire dans un environnement minimisant les contaminations Photo: LNS - Lëtzebuerger Journal
Le travail d’identification génétique requiert une extrême précision et doit se faire dans un environnement minimisant les contaminations Photo: LNS

ADN: «L’ennemi numéro un, c’est la contamination»


Impossible de prendre des photos au sein du laboratoire d’identification génétique du LNS. Ce n’est pas parce qu’on y garderait un grand secret: «l’ennemi numéro un, c’est la contamination», explique la responsable de service, Elizabet Petkovski. En entrant dans le labo, nous aurions pu laisser nos traces génétiques quelque part. Perdre quelques cellules de peau, laisser une trace digitale quelque part suffirait à ce que notre ADN se retrouve au bout du compte sur des échantillons que le Dr. Sc. Petkovski et son équipe analysent dans le cadre d’affaires judiciaires. Nous n’avons pas insisté....
Depuis fin 2011, le LNS dispose d’un service d’identification génétique. L’an dernier, il a réalisé quelque 9.500 analyses. Sur des fluides corporels comme la salive, le sang ou le sperme, mais aussi sur des traces apposées sur des objets ou des personnes. Si retrouver de quel individu proviennent des fluides est assez facile, savoir par exemple qui a manipulé un objet l’est beaucoup moins. «Souvent, on a plusieurs ADN sur l’objet», explique Elizabet Petkovski, «cela rend l’interprétation évidemment difficile». L’interprétation consiste également à évaluer la compatibilité des résultats avec les hypothèses du comment un ADN a pu arriver sur un lieu – ou sur une personne. «Par exemple, dans le cadre de rixe, nous analysons souvent en premier lieu les parties du corps avec lesquelles la victime s’est défendue et sur lesquelles peuvent se retrouver des traces ADN de l’assaillant», raconte l’expert.
En complément de l’identification de suspects par l'enquête, l'identification génétique peut s’appuyer sur un réseau de bases de données international de profils génétiques de personnes connues pour avoir déjà commis des crimes ou des délits, de profils génétiques de personnes disparues, mais également de profils génétiques traces non identifiés à ce jour. Les affaires en relation avec des homicides sont relativement rares. Ce sont les affaires de cambriolage qui tiennent le haut du pavé. Le défi, c’est de déceler des ADN qui n’ont en principe pas lieu d’être présents à un endroit déterminé et de soutenir ainsi les enquêteurs dans leur travail par la preuve génétique.

Foto: Editpress/Isabella Finzi - Lëtzebuerger Journal
Foto: Editpress/Isabella Finzi

Das Rennen gegen die Chemiker


Im Labor für analytische Toxikologie und pharmazeutische Chemie des LNS stapeln sich braune Säcke voller Proben. Tausende von ihnen landen jährlich hier, damit das Team um Dr. Sc. Serge Schneider ihrer chemischen Zusammensetzung auf die Schliche kommt. Das meiste kommt von der Polizei, vieles aber auch vom Zoll und besonders vom Flughafen, wo jährlich tausende Tonnen Güter umgeschlagen werden, davon einiges, von dem man nicht weiß, was genau es enthält. Bei Schneider landen sowohl Päckchen mit Kokain, chinesische Tees mit verdächtigen Inhaltsstoffen oder nicht genehmigte Medikamente. Der Spezialist hat schon vieles gesehen: blaue Potenzpillen, die nur einen Bruchteil der versprochenen potenzfördernden Substanz enthalten, viel zu hoch dosierte Drogen und Ernährungszusatzstoffe mit null Wirkung.
Auch tauchen immer neue Substanzen auf dem Markt auf. „Es ist wie beim Doping, man hängt immer einen Schritt zurück im Rennen gegen die Chemiker“, sagt Serge Schneider, der Experte beim Europäischen Drogenobservatorium ist und Polizisten sowie Zollbeamte in der Erkennung von Substanzen ausbildet, sowie Ärzte bei der Verschreibung von medizinischem Cannabis. Wird eine neue Substanz oder eine besonders gefährliche Mischung aufgespürt, wird der Drogenbeauftragte im Gesundheitsministerium alarmiert, der dann über die notwendigen Schritte entscheidet, um Konsumenten über das Risiko zu informieren. Apropos Risiken: In einer Welt, wo es trotz Verboten und Strafen immer noch leicht ist, an Rauschmittel zu kommen, wünscht sich Schneider mehr Aufklärung, schon für Kinder. In diesem Sinne begrüßt er auch regelmäßig Schulklassen in seinem Labor.