LUXEMBURG
LIZ MIKOS

Ein Kollektiv aus Freunden präsentiert seine künstlerische Vielfalt

Wenn 16 Künstler sich für eine Ausstellung zusammenfinden, entsteht ein bunter Mix aus Sozialkritik, Philosophie, Weltanschauung und unterschiedlichsten Farben und Arbeitsmethoden. Es geht von Malerei über Skulptur, Fotografie bis hin zu Installationen. Doch trotz unterschiedlicher Stile sollen die Werke in der Rue Adolphe Fischer natürlich auf eine gewisse Weise harmonieren. Lis Prussen, Organisatorin und Künstlerin des Events, hat sich mit Florence Hoffmann zusammengetan, um Aussteller zusammenzutrommeln, die sich bestenfalls schon kennen und mehr oder weniger dieselben Prinzipien vertreten. Jeweils zu zweit teilen sich die Künstler einen Raum im ehemals besetzten Haus, das nach Ende der Ausstellung, am 15. Dezember, renoviert wird. Am Mittwoch feierten die Künstler mit Freunden und Besuchern die Vernissage der „temporary art exhibition“.

Raum der Erinnerungen

Gleich im ersten Stockwerk entführen Edgar Kohn und Rafaël Springer die Besucher auf eine nostalgische Reise in ihre Vergangenheit und Kindheit. Während Edgar Kohn auf seine Kindheit der 70er Jahre zurückblickt, wird Rafaël Springer allein durch den Ausstellungsraum zurück ins Jahr 1982 katapultiert. Sein Schaukelpferd aus Murmeln blickt durch das Fenster in das gegenübergelegene Gebäude - Springers erstes Atelier. „Auch wenn es eine harte Zeit war, war es dennoch eine schöne Zeit, auf die ich gerne zurückschaue“, schwelgt der Künstler in Erinnerungen. Passend zum spielerisch gestalteten Schaukelpferd, schmücken Edgar Kohns bunte Gemälde die Mauern des Raums. Die Inspiration des Malers ändert stetig, je nachdem was ihm gerade durch den Kopf geht, doch eines bleibt immer gleich: Bunt muss es sein! „Wenn man auf den ersten Blick gleich etwas Positives empfängt, statt gleich schockiert zu werden, geht man beim zweiten Blick vielleicht etwas tiefer ins Bild hinein und denkt eher über das Dargestellte nach“, erklärt er. Sein Ziel ist es nicht politisch zu sein, sondern die Welt durch Kinderaugen zu präsentieren.

Kraft der Natur

Gleich nebenan trifft man auf Lis Prussen, die ihre ganz persönliche Kirche „This is my church“ illustriert. Mit Religion an sich hat dies aber nichts zu tun. Das Projekt sollte ursprünglich mit Flüchtlingen durchgeführt werden, die darstellen sollten, was dieser Satz für sie bedeutet. Leider konnte dies nie fertiggestellt werden, also beschloss die Künstlerin weiter darauf aufzubauen und die Idee für sich selbst weiter auszubauen. „This is my church: Für mich sind das der Wald, die Natur und die Tiere. Das reicht mir. Ich will nichts aufgezwungen bekommen“, erklärt sie. Daher stammt auch die Idee der erfundenen Schrift auf ihren Bildern. Sie ist an die asiatische Schrift angelehnt, die wiederum von der Natur abgeleitet ist, anders als unsere, von Gott gegebene und vorgeschriebene Schrift. Wer sich die Gemälde anschaut denkt wahrscheinlich erst: „Ach wie schön: Tiere!“. Doch die Tiere auf ihren Werken haben eine ganz andere Funktion, als nur schön zu sein. Sie stellen Storyteller dar, die ihre tragischen Geschichten erzählen. Eine schreiende Herde, die uns den Spiegel vorhält und uns zeigt, dass die Natur sich alles zurücknimmt.

Auch Patricia Lippert und Pascale Behrens griffen das Thema der Natur auf und bauten für diese Ausstellung bereits bestehende Projekte aus. Mit ihrer „Greta 2051“, die eine Gasmaske trägt, haben sie bereits beim Pangea Festival für Aufmerksamkeit gesorgt. Nun haben die beiden Künstlerinnen ihre Ideen weitergeführt und inspirieren sich vorwiegend an Douglas Hardings Theorie der Kopflosigkeit.

Ein Rezept der besonderen Art

Höhepunkt der Vernissage war aber wohl die Live-Darbietung von Patricia Lippert alias Codi, eine Art immanenter „Gott“, der eine Bibel ohne Fake News geschrieben hat. Im Rahmen der Show wurde den Besuchern das Rezept „la mer 2.0 dix-neuf“ vorgeführt - ein sehr skurriler, unterhaltsamer und sozialkritischer Kochkurs. Eine ganze Palette an Schadstoffen hier, ein paar Fäkalien da und Plastik darf natürlich auch nicht fehlen. Nachdem alle möglichen Gifte ins kleine Becken geworfen wurden, war die widerlich aussehende Suppe fertig angerührt. Neben tränenden Augen vor Lachen regte die Performance die Zuschauer aber auch zum Nachdenken an, denn trotz allen Humors behandelte Codi ein sehr aktuelles Thema, das uns wohl alle betrifft. „Codi hält den Leuten den Spiegel vor und sagt ihnen, was sie vielleicht besser machen können“, fügt der bunte Gott mit Clownsnase hinzu.

Masken zum Lesen

Ihr ganzes Projekt „BREATHE“, stellt Florence Hoffmann zurzeit zusammen mit Marc Modert in der Galerie Wallis Paragon aus. Zwei Köpfe mit Masken haben aber nun auch ihren Weg in die Rue Adolphe Fischer gefunden, wo Besucher sich an bestimmten Terminen von der Künstlerin mit einer ihrer Masken fotografieren lassen können, um somit selbst Teil des Kunstwerks zu werden. „Die Leute können die Masken so aufsetzen, wie sie wollen. Es geht darum, den Moment, den Gedanken der Leute einzufangen. Ich bin zwar keine Fotografin, aber ich sehe dieses Projekt als etwas, das ich immer weiterführen kann. Etwas, das nicht enden muss.“ Doch warum Bücher? Für die Künstlerin dienen Bücher als Skulpturmaterial. Es handelt sich hierbei um ein konzeptuelles Projekt, das den Facettenreichtum von Büchern darstellt. Genauso ist dieses Werk aber auch ein Symbol. Wenn Florence Hoffmann an Masken denkt, denkt sie auch an die Menschen in Hong Kong, die man unter ihren Masken gar nicht mehr erkennt und an die Luftqualität an sich.