ZERMATT/CHAMONIX/NARVIK
KARIN WILLEN (DPA)/LJ

Europas außergewöhnlichste Seilbahnen

Seilbahnen an sich sind spektakulär. Sie schweben weit über dem Boden durch die Luft oder kraxeln auf steilen Rampen Hänge hinauf. Manche Konstruktionen aber stechen heraus - weil sie höher fahren als jede andere Bahn ihrer Art oder an einem einzigartigen Ort gebaut wurden. Wo sind in Europa die außergewöhnlichsten Bahnen unterwegs? Eine Auswahl.

Die höchste Dreiseilumlaufbahn der Welt

Der Glacier Ride im Schweizer Zermatt bringt stündlich bis zu 2.000 Menschen hin-auf zum Klein Matterhorn in den Walliser Alpen. Dort liegt die höchste Bergstation Europas auf mehr als 3.800 Metern Höhe, wo sich ein hochalpines Panorama mit 38 Viertausendern und 14 Gletschern auftut. Während die normalen Kabinen unter anderem geheizte Sitze bieten, kann man in den vier „Crystal“-Kabinen die Umgebung sogar durch den gläsernen Boden betrachten. Neben Europas höchstgelegenen Sommerskigebiet lockt im Inneren des Berges ein mit Licht und Musik inszenierter Gletscherpalast. (www.zermatt.ch, www.matterhornparadise.ch)

Im Doppeldecker mit Frischluft

Der erste offene seilbahngeführte Doppeldecker der Welt trägt den passenden Namen „CabriO“ - und fährt ausschließlich im Sommer von der Talstation Kälti im Schweizer Kanton Nidwalden auf den Gipfel des Stanserhorns mit Blick auf den Vierwaldstättersee. In ihrem Zubringer aus dem Ort Stans, der nostalgischen Standseilbahn mit Holzkabinen aus dem Jahre 1893, erfahren Passagiere hautnah ein Stück Seilbahngeschichte.

Anders als bei klassischen Pendelbahnen werden die beiden Cabrio-Gondeln nicht oben, sondern seitlich zwischen zwei Seilen geführt. 60 Personen passen unten in die vollverglaste Kabine, 30 weitere können sich auf dem Oberdeck alpine Luft um die Nase wehen lassen. Auf 1.900 Metern Höhe wartet bei klarem Wetter ein Rundumblick auf 100 Kilometer Alpenkette und zehn Seen. (www.stanserhorn.ch/de)

Um die eigene Achse auf den Gletscher

Mit der Titlis-Rotair hat der Branchenriese Doppelmayr/Garaventa 1992 oberhalb von Engelberg im Schweizer Kanton Obwalden schon die erste Luftseilbahn der Welt mit rotierendem Kabinenboden gebaut. Seit 2014 schrauben sich von der Station Stand sogar komplett drehbare Gondeln in fünf Minuten einmal um die eigene Achse. Sie passieren auf dem Weg zur Bergstation am Kleinen Titlis eine einzige schrägstehende Stütze. Beste Sicht also auf steile Felswände, Gletscher und Gipfel. (www.titlis.ch)

Im Seilbahn-Oldie

Die nach eigenen Angaben älteste im Original erhaltene Großkabinenseilbahn der Welt fährt in Bad Reichenhall. Bei der Inbetriebnahme 1928 galt sie als Muster einer vollendeten Luftseilbahn - was Ästhetik, Geschwindigkeit, Lautlosigkeit und Sicherheit anging. Die Bahn auf den 1.614 Meter hohen Predigtstuhl steht unter Denkmalschutz. Noch immer arbeitet ein Maschinist in der Bergstation, damit die beiden roten zwölfeckigen Kabinen des bayerischen Oldies den Höhenunterschied von 1.140 Metern überwinden.

Ein kleines Museum auf dem Berg zeigt die Anfänge der Predigtstuhl-Bahn im Stil der Neuen Sachlichkeit. Die Sonnenterrasse des ebenfalls denkmalgeschützten Bergrestaurants bietet einen schönen Blick auf die Kurstadt. (www.bad-reichenhall.de)

Von Frankreich nach Italiendurch das Mont-Blanc-Massiv

Während der Fahrt mit der „Téléphérique de l’Aiguille du Midi“ von Chamonix ins französische Bergsteigerparadies rauschen in 20 Minuten etliche Dreitausender vorbei. Auf der zweiten Teilstrecke hat die Südtiroler Firma Leitner Ropeways das Seil 2.742 Meter weit ohne Zwischenstützen bis zur steilen Nordwand der 3.842 Meter hohen Felsnadel gespannt. Nach dem Stopp in der dünnen Luft des felsigen Vorpostens auf dem Mont-Blanc-Massiv eröffnet sich ein schöner Blick auf Europas höchsten Berg, bei guter Sicht bis zum Genfer See. Mutige genießen auf dem „Skywalk“ den Rundumblick in einem Ausguck mit Glasboden mehr als tausend Meter über dem Boden.

Über die Gletscherwelt geht es mit der Kleinkabinenbahn „Vallée Blanche“ fünf Kilometer weiter zur Helbronner Spitze auf der italienischen Seite. Wer dann noch mit der rotierenden Pendelbahn „Skyway Monte Bianco“ nach Courmayeur im Aostatal herunterfährt, hat eine innereuropäische Grenze überquert und am „Pavillon du Mont Fréty“ zwischen Juni und September den höchstgelegenen Alpengarten gesehen. (www.chamonix.com, www.montebianco.com)

Von der Innenstadt in den Naturpark

Mit Standseilbahnen fährt man an vielen Orten auf den Berg. Doch keine ist so schön und vielfältig wie die Hungerburg-Bahn in Innsbruck nach Plänen der Architektin Zaha Hadid. Die geschwungenen Dächer der Bahnstationen erinnern in Form und Farbe an fließende Gletscherzungen und Moränen. Die Bahn bringt Passagiere in knapp zehn Minuten von der Innenstadt über die Inn an Europas höchstgelegenen Zoo vorbei in den Stadtteil Hungerburg. Von dort kann man mit Gondelbahnen die Nordkette hinauf zur Seegrube und zum 2.300 Meter hohen Hafelekar fahren. (www.nordkette.com)

Auf den Vulkan

Nicht immer sind die Ausbrüche von Europas höchstem und aktivstem Vulkan Ätna harmlos. 2002 hat es die Seilbahn erwischt - sie wurde zerstört. Inzwischen steht an dieser Stelle aber eine neue Bahn. Die „Funivia dell’Etna“ bringt ihre Passagiere in etwa 15 Minuten von der Station „Rifugio Sapienza“ an der Südseite des Vulkans auf 2.500 Meter Höhe. Von der Bergstation „La Montagnola“ geht die geführte Exkursion in Allradbussen über die Lavafelder.

Dann beginnt die Wanderung durch die bizarre Landschaft zum Kraterrand, wo die Gäste nah an der dampfenden Urgewalt stehen. Zudem bietet sich ein schöner Ausblick auf das Mittelmeer. In der „Rifugio Sapienza“ kann man einen Vulkanausbruch im 7D-Simulator mit allen Sinnen erleben. (www.funiviaetna.com, nur italienisch)

Über wilden Tieren schweben

In den Bergen von Kantabrien, 20 Kilometer von Santander entfernt, schweben Touristen im Naturpark „Cabárceno“ gemächlich in Achterkabinen hinweg über Bären, Elefanten, Gorillas, Löwen oder Nashörner und andere, teils gefährliche Tiere. Die Bahn deckt über einen dreieckigen Verlauf die Höhepunkte dieser Landschaft mit spitzen Felsen, idyllischen Seen und Schluchten im Norden Spaniens ab. Mehr als hundert Tierarten aus fünf Kontinenten leben hier. Zwei Kabinen haben einen Glasboden und bieten damit besonders gute Sicht auf die Tiere. Der Ausblick reicht bis nach Santander, den Golf von Biskaya und bei gutem Wetter zum Kalkstein-Massiv Picos de Europa. (www.parquedecabarceno.com, nur spanisch)

Im Schein der Mitternachtssonne

Nicht viele Seilbahnen fahren nachts. Mit der komplett erneuerten Seilbahn in der nordnorwegischen Hafenstadt Narvik genießen Touristen von Anfang Juni bis Mitte Juli Meerblick in der Mitternachtssonne und im Frühherbst und Spätwinter tagsüber das legendäre Polarlicht.

Auf der 650 Meter hohen Aussichtsplattform im Gebiet Narvikfjellet eröffnet sich der Ofotfjord in seiner ganzen wilden Schönheit. Der Schweizer Seilbahnbauer Bartholet hat die windstabilen Kabinen so ausgerüstet, dass neben Skiern auch Mountainbikes mitkönnen. Die Bahn soll erweitert werden und bald vom Stadtzentrum aus fahren.