LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

„ID - Home“: Gemeinschaftsprojekt mehrerer Lyzeen in den Rotondes auf der Bühne

Aufgeregtes Durcheinander herrscht an diesem Morgen in den Rotondes. Auf dem Bühnenboden lümmeln rund 40 Jugendliche, die lautstark miteinander reden. Schwarz bekleidet mit neonfarbenen Details. In wenigen Minuten heißt es Vorhang auf für die Generalprobe des Stücks „ID - Home“. Mit etwas Mühe verschafft sich Fábio Godinho, einer der Regisseure, Gehör: „Wir proben jetzt ein letztes Mal, bevor wir dann morgen vor Publikum auftreten. Wir setzen alles so um, wie wir es gelernt haben. Und: Wir amüsieren uns.“ Dann wird es still. Jeder ist bereit. Ein letztes „Pssst“, dann wird das Licht ausgeschaltet.

Langsam erwacht die Teenager-Truppe im fahlen Scheinwerferlicht zum Leben, reibt sich die Augen, steht auf. „Mais où est Johnny?“, fragt ein Mädchen. Alle suchen, doch er bleibt verschwunden. Was ist passiert? Genau das versuchen die Jugendlichen nun herauszufinden, indem sie die Party nachstellen, die am Vorabend eben bei diesem Schüler zuhause stattgefunden hatte. Klebestreifen werden auf dem Boden angebracht, um die einzelnen Räume - Badezimmer,
Küche, Gaming-Bereich, Tanzfläche - einzugrenzen, in denen sich das Party-Geschehen abspielt. Nach und nach trudeln die Gäste ein, verteilen sich, tanzen, plaudern, zocken.

Beeindruckende Rap- und Gesangseinlagen

„Pak lo deng Saachen a schléiss dech eis un, vergiess all däi Stress a looss dech goen. All deng Suerge muss du haut net erdroen, sou wäert et sinn, och wann s du dech wonners, feier duerch d’Nuecht, hei ass d’Party vum Joerhonnert“: Der Aufruf erfolgt in gerappter Form von zwei talentierten Jungs, die damit gleich für einen gewissen Gänsehaut-Moment sorgen. Es wird nicht der letzte an diesem Morgen sein, denn auch die weiteren Rap-, Gesangs- und Beatbox-Einlagen überzeugen.

Das Geschehen nimmt seinen Lauf. Es wird gelästert, es wird geflirtet. Der Alkohol fließt und Gruppenzwang macht sich breit. Das Publikum lacht. Doch dann kippt die Stimmung, die Feier läuft aus dem Ruder und endet in einer Schlägerei. Licht an. Applaus. Erleichterung bei den jungen Schauspielern und Sängern. Die Premiere kann kommen.

Das professionelle Team gibt letzte Tipps: laut und deutlich reden, nicht zu schnell agieren… Piera Jovic, Fábio Godinho und Amandine Moutier, zuständig für Konzept, Inszenierung und die pädagogische sowie künstlerische Umrahmung der „Groupes scène“ finden natürlich auch reichlich lobende Worte. Eric Bintz und David „Fluit“ Galassi, die die musikalische Gruppe leiten, sind ebenfalls zufrieden. „Nach der Generalprobe soll man nicht mehr zu viel sagen, sonst verunsichert man sie nur. Jetzt liegt es sowieso in ihren Händen“, wird uns später Amandine Moutier erklären.

Im Kollektiv entstanden

Zuerst wollen wir den Jugendlichen selbst etwas auf den Zahn fühlen. Wie erleben sie das Ganze? Und wie sind sie da überhaupt reingerutscht? „Unsere Klassenlehrerin hat uns gefragt, ob wir mitmachen wollen, und da nur ein paar dagegen waren, war es dann so“, erzählt der 16-jährige Sascha aus dem „Lycée Bel-Val“. Das klingt nun nicht wirklich nach einer freiwilligen Sache. „Ich wollte eigentlich am Anfang nicht. Jetzt bin ich die Discokugel“, sagt Sven (15) aus der gleichen Klasse. Wie wird man denn zur Discokugel? „Michel, Tiago und ich haben den Text dazu geschrieben und uns überlegt, dass Sven als Discokugel auftreten könnte“, lacht Sascha. Sven zuckt mit den Schultern. Zumindest müsse er da nicht so viel machen. Inzwischen sind aber alle mit Spaß bei der Sache, vor allem weil sie jetzt erkennen, was sie da gemeinsam auf die Beine gestellt haben.

Pit (16) ist Schüler im „Lycée Michel Lucius“ und einer der Sänger beziehungsweise Rapper. „Das macht mir total Spaß. Ich bin mega motiviert und will weiterbilden, um weitere Projekte zu machen. Und wer weiß, was daraus einmal wird“, überlegt er. Die Songs haben die jungen Leute übrigens selbst geschrieben. Eigentlich ist das ganze Stück im Kollektiv entstanden. „Wir haben alles selbst gemacht, uns alles selbst ausgedacht, die ganzen Dialoge und so“, betont Christophe (15) aus dem „Lycée Bel-Val. „Der musikalischen Gruppe wurde auch nur grob gesagt, dass es um eine Party geht. Dann haben wir überlegt, welche Themen wir konkreter behandeln könnten und dazu eigene Songs geschrieben, die wir dann regelmäßig geübt und immer weiter verfeinert haben“, beschreibt Pit. „Es ging nicht nur darum, Themen zu finden, die junge Leute beschäftigen, sondern auch um die Botschaft, dass etwas nicht eskalieren muss, dass man nicht die Kontrolle verlieren muss, dass man es mit dem Alkohol nicht übertreiben muss. Man kann auch anders Spaß haben“, erfahren wir.

Mehrere Lyzeen eingebunden

Der ganze Entstehungsprozess hat sich über zwei Jahre gezogen. Von Anfang an dabei war das „Lycée Bel-Val“. Dort hat „ID - Home“ während mehrerer Workshops Form angenommen, bevor schließlich auch Klassen aus dem „Lycée Technique de Bonnevoie“ und dem „Lycée Technique du Centre“ dazustießen. Die Rapper, Sänger und Beatboxer wurden über einen Projektaufruf in weiteren Schulen gefunden. Alle haben dann regelmäßig in ihren jeweiligen Gruppen an den einzelnen Parts gearbeitet. „Wir hatten anfangs nur ganz grob ein Thema vorgeben, nämlich Mitläufer-Attitüden, das sich dann aber relativ schnell etwas verloren hat. Es ist wirklich ein Stück für Jugendliche von Jugendlichen“, bemerkt Projektkoordinatorin Amandine Moutier. Seit drei Wochen proben alle zusammen in den Rotondes. „Es ist sogar noch besser, als ich es mir vorgestellt hatte“, freut sich Christophe. Dem stimmen auch die anderen zu. „Wir wussten ja vorher nicht, wer im Endeffekt alles mitmachen würde, nur welche Schulen beteiligt sind“, meint Sascha. „Gerade eben sind zwar zwei Jungs kurz aneinander geraten, aber sonst lief alles gut. Das ist wohl auch durch den Druck vor dem Auftritt. Es ist klar, dass man da etwas mehr unter Stress steht“, weiß Pit.

Vier Vorstellungen haben die 40 Schüler und Schülerinnen nun vor sich, zwei davon sind öffentlich. Die Aufregung ist groß. Die Vorfreude aber auch.


Öffentliche Vorstellungen am 29. Februar um 19.00 und am 1. März um 17.00. Infos und Reservierung: www.rotondes.lu