CLAUDE KARGER

Absolut lesenswert und zum Nachdenken anregend sind die Zahlen, die das nationale Statistikinstitut diese Woche zu verschiedenen Themenbereichen veröffentlichte, die es uns erlauben, tiefer in unsere Gesellschaft hinein zu blicken. Da ist zunächst das Werk „La société luxembourgeoise dans le miroir du recensement de la population“, eine erste umfassendere Analyse der 36. Volkszählung in der Geschichte des Landes. Daraus geht beispielsweise hervor, dass die Bevölkerung im 169-Nationen-Staat Luxemburg zwischen 2011 und 2011 um 72.814 Bürger angestiegen ist. Dass die Bevölkerung ausländischer Abstammung in dem Zeitraum um 35% zugelegt hat und die Zahl der Luxemburger um 5,3%.

Dass trotz eines Ausländeranteils von mehr als 43%, 70,5% der Bevölkerung bei der Arbeit, in der Schule und zuhause Luxemburgisch sprechen, aber mehrere Sprache im Alltag gebrauchen. Dass durch die Bank mehr als zwei Drittel der Einwohner Hausbesitzer sind, in der Hauptstadt aber weniger als die Hälfte. Dass 14% der Gesamtbevölkerung über 65 ist, Tendenz steigend. Dass 46,9% der jungen Luxemburger im staatlichen und parastaatlichen Bereich arbeiten, während ihre Kollegen „mit Migrationshintergrund“ weit stärker in der Privatindustrie vertreten sind. Dass 2001 19,6% der Einwohner ein Hochschuldiplom in der Tasche hatte, der Prozentsatz 2011 aber bereits bei 27% lag. Dass mittlerweile in 59,3% der Haushalte mit Kindern beide Eltern arbeiten... Die Veröffentlichung führt den gesellschaftlichen Wandel vor Augen und die Volksbefragungen belegen, dass in verschiedenen Bereichen langsam zur Regel wird, was früher die Ausnahme war. Das erste Bild im Werk von Statec und Uni Luxemburg stellt eine Erdbeere in verschiedenen Phasen ihrer Entwicklung dar.

Am Ende steht die reife rote Frucht, die zum Reinbeißen einlädt. Wie mag sie 2021 aussehen, wenn die nächste Volkszählung ansteht? Sind wir eigentlich reif, um dem gesellschaftlichen Wandel zu begegnen? Ist die Politik reif dafür. In einem Land, in dem immer noch vieles auf traditionelle Familienmuster ausgerichtet ist und das Beschreiten neuer Wege in den letzten Jahrzehnten zusehends zäher geworden zu sein scheint. Dabei ist klar: Richtungsänderungen sind immer mit Risiken behaftet, aber in der globalisierten Wirtschaft ist Stillstand mittlerweile ein weit größeres Risiko.

Für Wirtschaft und Gesellschaft wäre es jedenfalls ein Risiko, wenn wir nach schweizerischem Vorbild die Offenheit, die Diversität, die Multikulturalität, die in unserem Land so einzigartig ist, als Bedrohung statt als Chance begreifen würden. Man hat den Eindruck, dass die „Schotten dicht“- Mentalität vor dem Hintergrund des durch die Krise angeheizten Drucks auf dem Arbeitsmarkt - die Zahl der Arbeitslosen brach im Januar schon wieder einen traurigen Rekord - auch hierzulande verstärkt um sich greift. Zum Glück sind die Reihen der Kurzsichtigen, die fürchten, die kleine Luxemburger Erdbeere werde am Ende in einem Riesenpott Marmelade untergehen, dünn gesät. Damit das so bleibt, braucht es aber einer erfolgreichen Integrationspolitik, basierend auf Offenheit, Verständnis, Toleranz und Respekt. Da ist täglich jeder Bürger gefordert.