TRIER
MARCUS STÖLB

Wolf Haas und seine „Verteidigung der Missionarsstellung“

Die Liebe nimmt ihren Lauf vor einer Burger-Bude am Greenwich Market; 1988, dem Jahr, als die Rinderseuche um sich greift. „Verrate mir bitte nicht deinen Namen“, lässt Benjamin Lee Baumgartner die Frau im Imbiss-Container, auf die er ein Auge geworfen hat, wissen. „Denn wenn man den Namen von einem Menschen weiß, ist der Zauber schon zerstört“. Trocken kontert die Angesprochene: „Ich hatte nicht vor, dir meinen Namen zu sagen“.

Herrlich-groteske Story

Es dies der Auftakt zu einem gleichsam skurrilen wie fulminant komponierten Roman, den der mit seinen Krimis um den Privatdetektiv Brenner bekannt gewordene Schriftsteller Wolf Haas geschaffen hat. Der Protagonist der herrlich grotesken Story, Benjamin Lee Baumgartner, hat ein Problem - er verliebt sich immer dann, wenn eine Seuche auf den Plan tritt. So ist es in London und auch viele Jahre später, als sich der vaterlos aufgewachsene und angeblich von einem Hopi-Indianer abstammende Romanheld in China am Rande eines Kongresses in eine Frau verguckt.

Gerade grassiert dort die Vogelseuche, die auch ihn und seine frische Liebschaft zeitweilig außer Gefecht setzen wird. Als Lee Baumgartner sich schließlich auf die Suche nach den vermeintlichen Wurzeln seiner Existenz aufmacht - auf der anderen Seite des großen Teichs - wird er zum ersten registrierten Opfer der Schweinegrippe.

Buchgestalterisches Kunstwerk

Einmal mehr überzeugt Haas mit seinem unvergleichlichen Sprachwitz, den er bereits in seinen Brenner-Krimis, aber auch in seinem vor sechs Jahren erschienenen Dialog-Roman „Das Wetter vor fünfzehn Jahren“ so meisterhaft unter Beweis gestellt hat. Doch „Verteidigung der Missionarsstellung“ ist auch ein buchgestalterisches Kunstwerk, in dem der Schriftsatz wiederholt wechselt; und eine ebenso selbstbezogene wie selbstironische Collage. Selbstbezogen in dem Sinne, dass Haas wiederholt Regieanweisungen in den Text einstreut: „Beschreibung des Blicks von der Brücke und der Leute auf der Brücke einfügen“ -solche und ähnliche Einsprengsel brechen zwar den Lesefluss, machen die Lektüre aber umso amüsanter.
Wolf Haas, Verteidigung der Missionarsstellung, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2012, 239 Seiten