LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Gibt es fremdes Bewusstsein?

Was wäre, wenn das, was sie als rot wahrnehmen, von ihrem Nachbarn als gelb wahrgenommen würde? Dann wird er auf die Frage, welche Farbe Tomaten haben, sicherlich antworten, dass sie die gleiche Farbe haben als Stopschilder oder Clownsnasen. Er verwendet also das Prädikat „rot“ korrekterweise für die roten Gegenstände, da sie ja auch für ihn die Farbe haben, die er mit „rot“ bezeichnet. Nur dass das, was er als rot wahrnimmt, für uns so aussieht, als ob es gelb wäre. Oder stellen Sie sich vor, Sie sitzen mit ihrem kleinen Bruder in der Eisdiele und gönnen sich ein schmackhaftes Vanilleeis. Sie beide genießen objektiv gesehen das gleiche kühle Dessert, woher können Sie aber sicher sein, dass Vanilleeis für Ihren Bruder den gleichen Geschmack hat, den es auch für Sie hat? Was wäre, wenn für ihn „Vanille“ eher nach „Banane“ schmeckt? Kostet er an Ihrem Eis wird es für ihn so schmecken, wie Vanille für ihn immer schmeckt: nach Banane. Probieren Sie jedoch bei ihm, sind Sie sich sicher: ganz klar Vanille.

Die Frage, die diesen vielleicht zunächst etwas verwirrend erscheinenden Gedankengängen zu Grunde liegt, lautet wie folgt: Ist es möglich, Erlebnisse oder Gefühle direkt mit denen anderer Menschen zu vergleichen? Können wir von unserem bewussten Erleben (Vanillegeschmack) darauf schließen, dass das Erleben des Bruders identisch zu demjenigen ist, das wir haben (also auch Vanillegeschmack)? Alles, was wir mit Sicherheit sagen können – und selbst dies kann vom Skeptiker angezweifelt werden – ist, dass wir gewisse Erlebnisse auf eine gewisse Art und Weise wahrnehmen. Wir können unsere eigenen Reaktionen beobachten und beschreiben, denn sie sind die einzigen, die wir wirklich haben.
Beobachten wir den Anderen, können wir vielleicht etwas bezüglich dessen physischer Verfassung sagen, seine Reaktionen auf die Umwelt beschreiben, was er von sich gibt, was er zu mögen scheint. All dies gelingt uns aber nur, indem wir ihn mit uns vergleichen, sodass wir eigentlich nur sein Erleben mit dem beschreiben, was wir durch das unsrige als Erleben erleben.  Es sind also unsere Annahmen, anhand derer wir denken, Farbgebungen oder Geschmäcker als objektiv handeln zu können. Worauf gründen wir die Annahme, dass für unsere Mitmenschen Vanille genauso nach Vanille schmeckt, wie für uns? Was rechtfertigt meine Behauptung, dass ein Vanilleeisessender ein ähnliches Erlebnis haben muss, wie ich, wenn ich Vanilleeis esse? Woher weiß ich überhaupt, dass der andere einen Geschmack hat, wenn er Vanilleeis isst, und nicht vielleicht einen anderen sensorischen Reiz? Oder er schmeckt einfach gar nichts, und isst halt einfach so ein Eis? Vorhang auf, Eintritt Skeptiker: „Woher weiß ich eigentlich, dass es außer mir überhaupt Bewusstsein gibt?“ Thomas Nagel, einer der wohl bekanntesten noch lebenden Philosophen, spitzt das Problem noch weiter zu. Es könnte ja auch sein, dass Ihr Gegenüber eine komplexe biologische Maschine ist, die Ihnen genau so erscheint, wie Ihnen auch ein Mensch aus Fleisch und Blut erscheinen würde? Die Maschine wäre nicht mehr als ein geistloser Roboter, programmiert nach Analogien, der sich aber genau so verhält, wie Sie es bewusst selber tun. Er zieht die Hand zurück, wenn er sich einer heißen Herdplatte nähert, schunkelt, wenn er Schlager hört; kurz, er zeigt ein äußeres Verhalten auf, das dem Ihrigen ähnelt, wenn Sie innere Erfahrungen haben und auf diese reagieren. Dass er diese Erfahrung aber tatsächlich hat, ist nicht zu beweisen – oder zu widerlegen.

Nach Thomas Nagel gehen wir instinktiv davon aus, dass unser Gegenüber ein Bewusstsein hat, durch welches es sich reaktiv auf äußere Einflüsse zeigt. Die meisten von uns sehen Säugetiere oder Vögel auch als Tiere mit Bewusstsein an. Doch was ist mit Insekten? Amöben und Pantoffeltierchen? Diese Wesen scheinen doch auch auf externe Reize zu reagieren, doch tun sie das nun bewusst oder unbewusst? Oder tun sie das vielleicht sehr wohl bewusst, nur auf eine andere Art, als die unsrige? Haben Pflanzen ein Bewusstsein? Autos? Bergseen? Zigaretten? Wie finden Bäume es, wenn ihnen Äste abgeschnitten werden? Geht es ihnen etwa so, wie wenn man uns einen Arm amputiert? Oder fühlen sie sich gut, von Lasten befreit? „Woher wissen wir, dass ein Kleenextuch nichts fühlt, wenn wir mit unserer Nase in uns hineinschneuzen?“, fragt Nagel weiter.

Natürlich muss man da erst mal schmunzeln, aber im Grunde genommen müssen wir zugeben: Wir wissen es nicht! Nur weil Gegenstände oder Lebewesen anderer Verfassung sind, als wir, heißt das ja noch nicht, dass sie kein Bewusstsein haben. Im Umkehrschluss heißt es aber auch nicht, dass unser Gegenüber, dessen Wesenheit unserer so ähnlich zu sein scheint, auch tatsächlich in einer solchen Art bewusstseinsbegleitet lebt, wie wir es selbst erleben.