MARCO MENG

Russland, Ukraine, Krim. War da was? Ach ja. Auch wenn er aus den Schlagzeilen verschwand: Den Konflikt im Osten der Ukraine gibt es nach wie vor - und als Folge davon die immer frostiger werdenden Beziehungen Russlands zu fast dem gesamten Rest der Welt. Wird jedenfalls in der Ukraine nicht endlich eine Lösung gefunden, könnte es bitter enden. Und zwar nicht nur für die Ukraine oder Russland.

Die paar Schießereien und Tote im Osten der Ukraine sind freilich gegenüber dem, was sonst noch auf der Welt passiert, fast nebensächlich. Putins Partner Assad tobt sich im syrischen Gemetzel aus und hat bislang mehr Leute umgebracht als die Affen vom „Islamischen Staat“ - derweil melden russische Medien, Europa würde unter der Flüchtlingslast zerfallen, Polen gar zwischen den „Mächten“ Deutschland und Ukraine aufgerieben. Wen will man mit solch verdummenden Schauermärchen glücklich machen? Munter marschiert das Land, das glaubt, gegen den Faschismus zu kämpfen, selbst in Richtung Faschismus. Folgerichtig sperrte Moskau auch jüngst Wikipedia als „Quelle westlicher Propaganda“. Das Abschalten hatte aber wenig genützt. Denn prompt waren als Antwort drei Spiegel-Server mit russischem Wikipedia online - also Kopien des abgeschalteten. Ob Wladimir auf die blöden Amis mit ihren noch blöderen Erfindungen wie Internet schimpfte, ist nicht bekannt. Aber weiter kein Zeichen von De-Eskalation. Statt dessen wird der ukrainische Regisseur Oleg Senzowim im russischen Rostow am Don zu 20 Jahren Lager verurteilt, weil er in seiner Heimat, der Halbinsel Krim, geplant habe, Leninstatuen in die Luft zu sprengen. Ebenfalls geht in Russland der Farce-Prozess gegen die über der Ukraine abgeschossene ukrainische Militärpilotin Nadija Sawtschenko weiter wie der gegen einen estnischen Geheimdienstmitarbeiter, der - so Estland - von estnischem Staatsgebiet aus verschleppt wurde. Prozesse fürs Volk: Einschüchterungsprozesse, Schauprozesse. Der Direktor des Büros für Menschenrechte der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), äußerte sich gestern besorgt. Die Lügenflatulenz, die über russische Medien verbreitet wird, zeigt dennoch Wirkung. Laut Meinungsumfrage sind heute Russen überwiegend nicht mehr auf das Volk wie vor zehn Jahren stolz, sondern auf Wladimir Putin. Er hat uns isoliert, er lässt sich von niemandem etwas sagen, er hat den schönsten blanken Oberkörper aller Staatschefs, hurra! Realistisch sind Russen allerdings: Auf Russland Demokratie (welche?) sind zwei Prozent stolz, auf die bürgerlichen Freiheiten (welche?) drei Prozent. Darauf ein dreifaches Hurra. Als der ukrainische Präsident Pedro Poroschenko jetzt mit François Hollande und Angela Merkel zusammentraf, nörgelte mancher, warum denn Putin nicht eingeladen wurde. Dabei behauptet doch gerade der, Russland habe nichts mit dem Krieg im „Donbas“ zu tun. Wie jetzt von den dortigen Separatisten erklärt wurde, will man sich wenigstens ab September an die vereinbarte Waffenruhe halten. Da sind wir ja mal gespannt. Wie Niederlande bekannt geben, wird der Endbericht zum Abschuss von Flug MH17 am 13. Oktober veröffentlicht. Auch da sind wir gespannt. Und ob Europa den Flüchtlingsansturm meistert? Die Spannung kennt keine Grenzen.