CORDELIA CHATON

Das Coronavirus beherrscht das Leben aller, die Schlagzeilen, die Sorgen, die Zukunft. Wie konnte es nur so weit kommen? Warum hat keiner gewarnt? Niemand? Doch, Bill Gates, Mitgründer von Microsoft und Ex-Verwaltungsratsmitglied der legendären Berkshire Hathaway. Dort ist er gerade ausgetreten, genau wie aus dem Verwaltungsrat von Microsoft, nicht zuletzt, um mehr Zeit für die Stiftung zu haben. Sie kümmert sich unter anderem um Gesundheitsfragen.

Schon 2014 hielt Gates eine interessante Rede darüber, welche Lehren man aus der Ebola-Krise ziehen müsse. Er zog einen Vergleich zwischen den hohen Ausgaben für militärische Zwecke und den geringen Ausgaben für Gesundheitsforschung. Waffen sind angesagter als Viren, stellte er schon damals fest. Und das sei nicht gut. „Was wäre wenn wir einen Virus hätten, der anders als Ebola über die Luft übertragbar wäre?“, fragte Gates. Etwa wie die Spanische Grippe, die weltweit Millionen Menschenleben kostete. Was wäre, wenn es ein Virus wäre, der im Rahmen von Bioterrorismus gezüchtet worden sei? Er forderte ein globales Gesundheitssystem, die Einbeziehung des Militärs, mobile Einheiten und Gesundheitsreservisten. Damals klang das nach Salonsprüchen vor dem Cocktail, die die Zuschauer ein bisschen amüsieren, bevor sie zum Alltag übergehen. Jetzt klingt es furchtbar weitsichtig.

Wir befinden uns alle in einer Situation, die wir vor zwei Wochen noch für komplett unmöglich gehalten hätten. Ein Virus-Albtraum, der Menschen in die Verzweiflung und den Tod treibt, Länder in die Krise und die Welt mit grundsätzlichen Fragen konfrontiert, wie und ob ihre Bewohner es überhaupt so weit hätten kommen lassen dürfen.

Einiges wissen wir: In den nächsten zwei Wochen passiert nur jenen nichts, die sich an die Auflage halten, bei sich zu bleiben. Tausende werden sich infizieren, viele sterben. Was dann kommt, weiß kein Mensch. Sicher, alle Regierungen wollen ihrer Wirtschaft helfen. Aber haben sie das Geld dazu? Wohl kaum. Welche Finanzmärkte verleihen dann noch etwas? Müssen wir die Regeln ganz neu fassen? Wie sieht eine Wirtschaft aus, die Solidarität und Gesundheit viel höher bewertet als bislang? Darauf weiß keiner eine Antwort. Derzeit versuchen Regierungs-Chefs und –Chefinnen rund um die Welt – meist mit gesteigertem Pathos – die Menschen zu mehr Disziplin, Verantwortung und Miteinander aufzurufen. Ausnahmen gibt es natürlich; siehe Brasilien oder Mexiko. Auch Trump, der das natürlich jetzt vergessen will, hat anfangs alles kleingeredet.

Um seine Landsleute kümmert sich jetzt die Bill and Melinda Gates Stiftung. Sie hat schon vergangenen Monat 100 Millionen Dollar im Kampf gegen den Coronavirus zugesagt und finanziert Test-Kits für zuhause. Da in den USA ein Test in der Klinik 3.000 Dollar kostet und rund 28 Millionen Amerikaner keine Krankenversicherung haben, ist das ein sehr wichtiges Element. Ohnehin ist es bemerkenswert, dass jene Staaten am besten zurechtkommen, die sich auf ein einigermaßen funktionierendes Gesundheitssystem verlassen können. „Der Feind der Menschheit“, wie die Weltgesundheitsorganisation den Coronavirus nennt, könnte Gates Ideen von 2014 wieder auf die Agenda bringen. Zumindest rechtzeitig vorm nächsten Virus.