LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

CNL-Direktor Claude D. Conter über das Buch und seine Zukunft

Die Lesegewohnheiten haben sich geändert. Daran besteht kein Zweifel. Nicht selten wird das Buch als bedrohtes Medium dargestellt. Der Rückgang an Käufern beunruhigt die Branche weltweit. Im Rahmen des heutigen Welttags des Buchs haben wir beim Direktor des Merscher „Centre national de littérature“ (CNL), Claude D. Conter, nachgefragt, wie er die Situation sieht und wie es im Besonderen um die Luxemburger Literatur bestellt ist.

Wie steht es um den Stellenwert des Buchs in Luxemburg?

Claude D. Conter Wenn ich diese Frage auf die literarischen Werke beziehe, die zuletzt diesseits der Grenzen entstanden sind, kann meine Antwort nur folgende sein: sehr gut. Unsere Literatur ist qualitativ gut, differenziert, alle Genres sind vertreten, die Werke sind sprachlich und konzeptuell gut, dies unabhängig von der jeweiligen Sprache. Die älteren Autorengenerationen wie Anise Koltz und Pol Greisch veröffentlichen weiterhin Bücher auf dem allerhöchsten Niveau. Und auch Schriftsteller wie Nico Helminger, Jean Back oder Guy Rewenig sind nach wie vor enorm produktiv. Die jüngeren Generationen schreiben ebenfalls regelmäßig und auf einem hohen Niveau. Im Resümee bedeutet dies also, dass wir in Luxemburg eine gute Literatur lesen können.

Werden diese Bücher denn auch gelesen?

Conter Nun ja, wir kommen nicht umhin, festzustellen, dass die Bücher heute in weniger hohen Auslagen gedruckt werden, als dies noch vor Jahren der Fall war. Auf der anderen Seite ist aber auch das Angebot an Luxemburger Literatur sehr gewachsen. Vor 20 oder 30 Jahren gab es noch sehr viel weniger. Die einzelnen Bücher haben jedoch nicht mehr den gleichen Einfluss wie damals. Mittlerweile teilt sich die Literatur die Aufmerksamkeit in unserer Gesellschaft ja auch mit viel mehr Medien, wodurch der Stellenwert des Buchs natürlich gelitten hat. An der Qualität der heutigen Veröffentlichungen liegt das aber nicht. Das gilt aber selbstverständlich nicht nur für die Literatur in Luxemburg, in anderen Ländern ist die Tendenz ähnlich.

Was wiederum daran liegt, dass sich die Lesegewohnheiten geändert haben?

Conter Das stimmt natürlich, bezieht sich aber nicht nur auf die Literatur sondern genauso auf die Zeitungen. Gelesen wird aber immer noch viel, wenn nicht sogar wieder deutlich mehr, nur eben auch in anderen Medien. Für die Literatur ist die Konkurrenz daher groß geworden. Dass allerdings die jungen Generationen kaum noch Bücher lesen, stimmt nicht. Besonders Fantasy - mit all seinen Sub-Genres - liegt im Trend. Viele junge Autoren schreiben Fantasy-Bücher. In der Vergangenheit war es der Krimi - der aber natürlich immer noch seine Leser hat -, heute ist Fantasy die Modeliteratur. Bestimmte traditionellere Genres haben vielleicht etwas an Attraktivität verloren, allerdings machen wir Lesen auch oft nur an den Verkaufszahlen der Bücher fest.

Dass weniger Bücher verkauft werden, bedeutet also nicht, dass das Interesse an Literatur und am Lesen abgenommen hat?

Conter Das muss man etwas relativieren. Nie zuvor gab es in Luxemburg beispielsweise so viele Literaturveranstaltungen. Es vergeht fast keine Woche, in der man nicht mit Literatur konfrontiert wird, in der nicht irgendwo eine Lesung oder ein Gespräch mit einem Autor stattfindet. Diesbezüglich ist der Literaturmarkt momentan sehr dynamisch. Nehmen wir zum Vergleich das Beispiel der Musik: Nicht jeder, der ein Konzert besucht, kauft eine CD, trotzdem mag er Musik. Das Interesse an Musik macht man auch nicht ausschließlich an den Verkaufszahlen der CDs fest. In der Literatur ist es nicht anders. Sie hat durchaus ihr Publikum, auch wenn es vielleicht ein kleiner Kreis geblieben ist.

Hat es unsere Literatur inzwischen in die Schulen geschafft?

Conter Unser Schulsystem bereitet mir in der Tat Sorgen. Seit einiger Zeit arbeiten wir nun schon didaktisches Material aus. Bald kommt das fünfte pädagogische Dossier heraus. Viele Lehrer zeigen Interesse. Dennoch wird die Luxemburger Literatur im Sprachenunterricht unserer Schulen immer noch mehr wie ein Luxus angesehen. Wenn es uns nicht gelingt, die vielen interessanten Texte in unsere Schulen zu integrieren, dann können die Anstrengungen vom Kulturbetrieb noch so groß sein, dann kommen wir nicht weiter.

Woran liegt es?

Conter Es hängt an zwei Sachen, die zusammenkommen müssen. Das eine ist der politische Willen, um ganz klar zu sagen, dass eine deutsch- beziehungsweise französischsprachige Literatur aus Luxemburg Bestandteil der Deutsch- und Französischkurse sein sollte. Auf der anderen Seite sind die Programmkommissionen gefordert. Von einigen würde ich mir mehr Mut erwarten. Unsere Gesellschaft verändert sich, unsere Bildungsvorstellungen ebenso, dennoch arbeiten wir immer noch mit literarischen Texten, die schon vor 40 Jahren auf dem Programm standen. Es könnte durchaus Platz für neue Texte gemacht werden, Texte von Luxemburger Autoren, mit Luxemburger Bezug.

Sehen Sie das Buch - im Besonderen die nationale Literatur - denn nun in Gefahr oder doch nicht?

Conter Eigentlich bin ich bei allem optimistisch, habe aber eine große Angst und die wird momentan etwas vergessen. Innerhalb des Literaturbetriebs wird es für zwei Akteure immer schwieriger: für die Buchhändler und die Verleger. Auch der Stand der Druckereien ist in der Vergangenheit sehr schwer geworden. Viele Verleger lassen nicht mehr in Luxemburg drucken. Auch das schwächt die Buchkette. Was nun die Buchhandlungen anbelangt, so ist mit der „Libo“ unlängst eine der größten Ketten aus der Stadt verschwunden. Ohne die Buchhändler - historisch gesehen werden es immer weniger - wird es schwierig, den Verkauf der Bücher an das breite Publikum zu gewährleisten. Auch die Verlagslandschaft ist brüchiger geworden, als es nach außen hin den Anschein gibt. Wohl sind in den letzten Jahren neue Verlage wie „capybarabooks“, „Kremart“ „Hydre Editions“ oder „Black Fountain“ entstanden, andererseits produzieren aber die traditionellen Verlagshäuser momentan ohne Sicherheitsnetz. Ihre Situation ist weniger rosig, als man es als Außenstehender vermuten könnte. Im Moment steht der Sektor gut da, doch der Blick hinter die Kulissen bereitet doch etwas Sorge.

Und trotzdem bleiben Sie optimistisch?

Conter Das gedruckte Buch wird nicht verschwinden. Es gibt immer Verdrängungsprozesse, gleichzeitig entstehen aber neue Gleichgewichte, und mit jeder medialen Veränderung hat die Literatur als Medium hinzugewonnen. Die Zeitung hat dem Buch nicht geschadet: der Feuilletonroman entstand. Das Radio bedeutete auch nicht sein Ende: das Hörspiel entstand. Das Kino konnte das Buch ebenfalls nicht verdrängen: die Literaturverfilmung entstand. Auch durch das Internet sind letztlich neue Literaturformen entstanden. Man sollte das Gewicht der Tradition nicht unterschätzen.

Zum Welttag des Buches

Eine ganze Woche in Luxemburg

In Katalonien wurden zum Namenstag des Volksheiligen Sankt Georg Rosen und Bücher zu verschenkt. Diese regionale Tradition ist zu einem internationalen Ereignis geworden: 1995 erklärte die UNESCO den 23. April zum „Welttag des Buches“, dem weltweiten Feiertag für das Lesen, Bücher und die Rechte der Autoren. Zudem ist der 23. April der Todestag des englischen Dramatikers William Shakespeare. Weltweit wird dieser Tag mit verschiedenen Veranstaltungen gefeiert, in Luxemburg sogar während einer ganzen Woche, so etwa im Café Rocas, wo auf Einladung des „Institut Pierre Werner“ um 20.00 einer Lesung und einem Gespräch mit dem deutschen Autor Jakob Nolte (Buch: Schreckliche Gewalten). Pol Greisch liest um 16.00 im „Porheem“ in Steinsel aus seinem Werk „Tëscht Kaz a Kueder“. Um 20.00 ist Mike McQuaide mit seinem Buch „An American in Luxembourg“ im „Aalt Stadhaus“ in Differdingen zu Gast. Infos zu weiteren Veranstaltungen im Rahmen der „Journées  du Livre et du Droit d’Auteur“, die diesmal unter dem Motto „Grouss Nimm – Grouss Geschichten: ënnerwee mam geschriwwene Wuert zu Lëtzebuerg“ stehen, unter www.liesen.lu