LUXEMBURG
DANIEL OLY

Volkswagens neuer Polo wächst über die Erwartungen hinaus

Die Zeiten, als der Polo als kleinster Spross im VW-Konzern das untere Einstiegssegment bediente sind zwar längst vorbei. Das Mini-Gölfchen ist mit den Jahren immer weiter gewachsen und macht inzwischen mit Leichtigkeit den Mittelklassemodellen Volkswagens der Neunziger Konkurrenz - wenig verwunderlich, die Zeit steht schließlich nicht still. Trotzdem ist der neue Polo eine Gratwanderung zwischen peppigem Kleinwagen für Jugendliche und bierernstem Transport für Menschen mit (nicht mehr ganz so kleinem) Geldbeutel.

Der neue Polo ist um einiges größer als der direkte Vorgänger: Neun Zentimeter wuchs der Radstand zum abgelösten Modell, sechs Zentimeter breiter ist er auch. Trotz geringerem Überhang, sodass er auch noch immer in normale Parklücken passt. Trotzdem ist er merkbar größer geworden. Das schlägt sich direkt auf den Innenraum nieder, der wesentlich geräumiger ausfällt und selbst größeren Zeitgenossen problemlos Platz bietet - ob im Fahrersitz oder auf der Rückbank, wie ich mit einem etwas groß gewachsenen Freund passend proben konnte. Und tatsächlich: Selbst mit meinen langen Stelzen passe ich nicht nur in den Fahrersitz, ich muss letzteren nicht einmal bis zum Anschlag nach hinten stellen, um hinter das Lenkrad zu passen.

Frischzellenkur

Der Wachstumsschub macht den neuen Polo außenrum auch wohlproportioniert. Der etwas kantigere Look lässt das Auto zudem sportlicher, aggressiver wirken - und durch die Basis mit dem Modularen Querbaukasten profitiert letztendlich auch das Fahrverhalten. Die breitere Spur hält das Auto sicher und erlaubt ein etwas zügigeres Fahren, ohne dabei jemals in Bedrängnis zu kommen. Dazu trägt auch die Motor-Auswahl bei: entweder findet sich unter der Haube ein 1.0-Liter-Dreizylinder-Benzinmotor (wahlweise mit Turbolader) oder ein 1.6-Liter-Turbodiesel (vier Zylinder, 95 PS) zurück. Mehr als 115 Pferdestärken haben die Motoren in keiner Version, der Testwagen war aber bereits mit seinen 95 PS mehr als ausreichend versorgt.

Gerade in den kleineren Gängen reagiert der Polo spritzig und agil, im richtigen Drehzahlbereich klingt er sogar regelrecht aggressiv-sportlich. Wie man es von einem kleinen Benzinmotor erwarten kann, geht ihm natürlich gerade bei höheren Geschwindigkeiten, zum Beispiel auf der Autobahn, irgendwann die Puste aus. Da hilft kein Jammern und kein Zetern: Von 110 auf 130 km/h beschleunigt der kleine Flitzer nicht so schnell, wie von Null auf fünfzig. Das ist aber eher Gemecker auf hohem Niveau, und für rasantere Gemüter bietet Volkswagen ohnehin die GTI-Variante mit 200 Pferdestärken aus dem altbewährten 2.0-Liter-Vierzylinder-Benziner. Sparsam ist der kleine Benziner aber auch: Im Test standen im gemischten Betrieb knapp sechs Liter auf hundert Kilometer auf der Uhr, im Sparbetrieb sogar „nur“ 4,2 Liter. Trotz Automatikgetriebe. Nicht schlecht für Benzin.

Technik-Paradies im Innenraum

Bequem ist auch die Sitzposition im Innenraum. Hier punktet der Polo mit gutem Komfort und einer Abwesenheit von in der Preisklasse überflüssigem Luxus und Voll-Leder. Selbst gegen Aufpreis; stattdessen überzeugt der Innenraum mit schicken Design-Details wie einer eingelassenen Beleuchtung und serienmäßig ergonomisch geformten Sitzen.

Einmal drin, erwartet den Fahrer ein übersichtliches Armaturenbrett und eine optional erhältliche volldigitale Instrumententafel. Auch hier versucht sich der Polo im Spagat zwischen „nice to have“ und „notwendige moderne Konnektivität“, ohne jedoch in die Falle zu laufen, zu viel Schnickschnack auf einmal zu bieten. Eine der Stärken des Polos ist es damit etwa, sinnvolle moderne Assistenzsysteme wie Tempomat mit Abstandshalter (ACC) als optionales Extra zu bieten, ohne zwingend einen Spurhalteassistenten voraus zu setzen. Der aktive Bremsassistent ist sogar Standard-Ausstattung. Andere clevere Assistenten wie „Park Assist“ funktionieren als optionale Extras ebenfalls gut, sprengen aber nie den Rahmen dessen, was man sich von einem vernünftigen Kleinwagen erwarten würde. Der Polo vereint die sinnvolle, derzeit mögliche Technik und verzichtet also auf unnötigen Tand und Trödel.

Das spart zumindest theoretisch Kosten und Gewicht - und Knöpfchen auf dem Armaturenbrett und dem Multifunktionslenkrad. Insgesamt ist der Innenraum des Polos nochmal eine Spur aufgeräumter, Funktionen sind auf den üblichen Stellen zu finden; wer sich in der VW-Flotte zumindest schon mal umgesehen hat, findet sich schnell zurecht. Das gilt auch für das Infotainment-System, das Dank einem riesigen Touchscreen alle nötigen Informationen immer griffbereit hat. Puristen stören sich natürlich daran, dass außer zwei Drehknöpfen kein echter, guter, alter Knopf zu finden ist. Aber die jugendliche Zielgruppe erfreut sich an einer vollständigen Bluetooth-Integration und an der Ladebucht, um das eigene Smartphone schnurlos aufzuladen. Gegen Aufpreis, versteht sich.

Und darin liegt schlussendlich die einzige große Schwachstelle des neuen Polos. Der neue Kleine kann viel mehr als seine Vorgänger, sieht fescher aus, fährt sich prima und bietet genau das richtige Maß an Technik, ohne hoffnungslos verloren zu sein. Aber dafür zahlt er einen hohen Preis - oder besser gesagt, der Kunde. Denn der Spaß fängt zu Preisen an, die im Vergleich zur Konkurrenz dann doch etwas höher ausfallen. Und auch zum Vorgänger wurde der Preis leicht angehoben, auch wenn diesmal ein paar Extras als Standard mit verpackt wurden, wie die serienmäßigen fünf Türen. Besonders die „höheren Klassen“ wie „Highline“ punkten mit serienmäßigen Parksensoren. Den Aufpreis macht der Polo jedenfalls garantiert wett, sobald es um (im-)materielle Werte wie die Verarbeitung geht; da knarzt und knackst kein Panel, alle Spaltmaße passen perfekt, kein störendes Klappergeräusch zu vernehmen. Das ist in dem Preissegment leider noch immer keine Garantie.

Vielmehr drängt sich die Frage auf: Warum überhaupt noch Golf fahren, wenn der Polo inzwischen eine derartige Hausnummer geworden ist? Volkswagen sollte besser darauf Acht geben, sich nicht in dem eigenen Hause Konkurrenz zu machen. Der neue Polo dürfte für viele Fahrer schon haarscharf daran vorbeischlittern.