AGUAS CALIENTES
SIMONE ANDREA MAYER (DPA)

Der Machu Picchu hat ein Problem mit den Besuchermassen - Sogar ein neuer Flughafen soll in der Nähe der berühmten peruanischen Touristenattraktion entstehen

Wenn es in Machu Picchu so etwas wie den Zauber der Inkas gibt, dann nicht um 8.00 morgens. Im Minutentakt tuckern die Busse den Berg hinauf zu Perus wichtigster Sehenswürdigkeit und spucken laute Touristen aus. Sie schnattern in vielen Sprachen, suchen einander, aber vor allem den nächstbesten Spot für das perfekte Instagram-Bild.

Die ersten Stufen hinter dem Eingangstor verwirren. „Wo ist denn jetzt Machu Picchu?“, fragt eine Amerikanerin. „Geht es hier nicht los?“ Ein schmaler Gang, begrenzt von dichtem Grün, führt nach oben. Es ist nicht weit, doch hier in den Anden auf rund 2.400 Metern sind solche Aufstiege anstrengend. Das Herz rast.

In Zweierreihen schieben sich die Gruppen schwer atmend weiter. Ältere Männer mit Krücken werden hochgeführt, Eltern mit Kleinkindern weitergedrängelt. Jemand beschwert sich über den fehlenden Aufzug, mitten in den peruanischen Bergen. Man stolpert über die ersten Menschen, die sich eine Verschnaufpause am Boden gönnen.

Dann das erste Schild: Eine Kamera ist darauf, ein Pfeil darunter. Fast alle biegen hier nach rechts ab zum ersten Fotospot. Es bildet sich eine Schlange - vorne der Instagramer in Pose, hinter ihm die wartende Masse. Lohnend ist der Ausblick aber nicht. Nur wenige Stufen weiter oben öffnet sich der Pfad hin zu den ersten breiteren Terrassen, die auf dem Hang gegenüber der Inka-Zitadelle Machu Picchu liegen. Es sind nur wenige Meter, aber man sieht mehr und hat mehr Platz für Porträts vor den Ruinen.

Es ist das typische Fotomotiv, jeder kennt es, und jetzt will es jeder haben. Hier knutschen Pärchen vor der Linse, einer macht einen Handstand. Omas, Opas und Freunde werden per Video-Telefonie zugeschaltet. Es gibt einen Heiratsantrag. Das Jubeln der Umstehenden hallt durch die sonst so friedliche Ruhe der Berge.

Flughafen geplant

Für die Inkastadt Machu Picchu gibt es verwirrende, geradezu abstrus klingende Pläne. Die imposante Ruine aus dem 15. Jahrhundert steht bei vielen Reisenden auf der Einmal-im-Leben-Liste. „Peru ohne geht nicht“, hört man immer wieder in Gesprächen. Da die ganze Region viel Geld mit den Touristen verdient, hat sie eine für Peru gute Infrastruktur geschaffen, um die Massen nach Machu Picchu zu karren. Und man will noch besser werden. Es wird der Bau eines internationalen Flughafens in der Nähe vorbereitet, zusätzlich zum Airport von Cusco. Außerdem wurde kürzlich die Zuganbindung verbessert: Reisende kommen inzwischen direkt von Cusco zur Ortschaft Aguas Calientes, dem Ausgangspunkt für einen Besuch von Machu Picchu.

Zugleich ist die Anbindung ein Problem geworden. Experten der Unesco warnen seit Jahren vor den Schäden durch die steigenden Touristenzahlen und der damit einhergehende Ansiedlung von Menschen. Die Behörden reagieren inzwischen. So ist seit Juni 2019 der Zugang zu drei wichtigen Sehenswürdigkeiten innerhalb der Stadt begrenzt: Der Sonnentempel, der Tempel des Kondors und der Intihuatana-Stein sind nur stundenweise zugänglich.

Machu Picchu selbst ist beeindruckend - keine Frage. Es gehört zu den neuen sieben Weltwundern. Die auf künstlich angelegten Terrassen gebaute Zitadelle liegt auf einem Bergrücken und besteht aus mehr als 200 Bauten, die bis auf die Dächer voll erhalten sind - eingebunden in ein spektakuläres Bergpanorama. Unwirklich und abenteuerlich fühlt sich der Blick auf die Stadt an.

Doch zu einem Besuch vom Machu Picchu gehört unweigerlich auch ein sehr gegensätzlicher Aufenthalt: In Aguas Calientes landet jeder Besucher, auch die Wanderer des Inka-Trails auf der Rückreise. Es ist der Ausgangspunkt für den Ausflug zur Festung, der nur aus wenigen Straßen besteht. Man könnte ihn aber auch als erweiterter Bahnhof sehen - nur gemacht, um die Touristen herzubringen und kurz zu beherbergen.

Die Waggons halten direkt vor den Hotelfenstern und den Tischen der Restaurants. Standard auf der Karte sind Pizza, Burger, chinesische Nudeln, Mailänder Schnitzel und das Angebot „vier Pisco für einen“. Dazwischen spielt eine Band immer wieder „Despasito“ - auf Flöten. Den Hauptplatz zieren lange Girlanden, ganz viel Leuchtreklame und kitschige Inka-Figuren. Der Unterschied zum Ballermann: Die Reisenden gehen früh schlafen, denn die meisten wollen früh auf den Berg.

In der Dorfmitte befindet sich die Bushaltestelle. Gerade am Morgen staut sich hier eine lange Schlange Touristen auf. Jeder besitzt eine Eintrittskarte mit fester Einlasszeit - und viertelstündlich fährt einer der 26 Busse die Serpentinen nach oben. Je nachdem, wann man dort ankommt, geht es erstmal weiter in die nächste Schlange am Einlasstor.

Straff organisierter Ablauf

An diesem Tag in der Nebensaison ist wenig los, versichert der Reiseführer. Und tatsächlich: Nach den ersten Fotospots verläuft sich die Menge auf dem weiten Gelände. Trotzdem ist das Programm der meisten Guides streng: Sie schleusen gerade am Morgen ihre Gruppen in nur einer Stunde hindurch, weil sie danach Einlasskarten für die beiden angrenzenden Berge, den gleichnamigen Berg Machu Picchu oder den Huayna Picchu, haben. Immerhin: Wer später noch Zeit und nach dem Aufstieg Energie hat, kann nochmal in die Stadt.

Zwar gibt es auch noch das Machu Picchu für Reisende, die individuellere Erlebnisse suchen. Sie wandern über den Inka-Trail und erreichen die verlassene Stadt bei Sonnenaufgang zu Fuß. Aber die tagelange Wanderung ist beschwerlich, und man muss vorher mehr Zeit in den Anden einplanen, um sich an die große Höhe zu gewöhnen. Sonst drohen gesundheitliche Probleme.

Alternativ kann man sich eine Eintrittskarte für den allerersten Slot sichern - und zu Fuß die Stätte von Aguas Calientes aus erklimmen. Der Weg dauert rund eine Stunde und führt über steile Treppen. Die Belohnung: Man erreicht die Kultstätte in der Dämmerung und vor den Bussen. So oder so bleibt es aber ein überhasteter Besuch. Und der Eindruck, dass man Teil eines Problems ist.