LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Die frühe mehrsprachige Bildung hat viele positive Effekte - Für das Sprachenlernen bedeutet sie Einschränkungen

Erst Frühförderung durch zweisprachige Kinderkrippen und jetzt nur noch eine mehrsprachige Bildung? Mit einer Methodik, die beim Französischen stark auf den „Eveil aux langues“ setze, lernen Kinder eine Offenheit gegenüber anderen Sprachen und Kulturen sowie ein Gefühl für Sprachen zu entwickeln. „Um eine Sprache zu erlernen eignet sich diese Methode aber kaum“, sagt die Assistenzprofessorin und frühere Lehrerin Dr. Claudine Kirsch. Sie äußert sich deshalb skeptisch, ob die an das Sprachenkonzept in den Kinderkrippen geknüpften politischen Erwartungen im Hinblick auf das Französische realistisch sind - und umgedreht für das Luxemburgische in französischsprachigen Einrichtungen - und spricht vielmehr von einem ersten Schritt auf einem sehr langen Weg - auf dem es um nicht weniger geht als die Vorbereitung der Zukunft des Landes.

Vom Konzept der bilingualen Kinderkrippen weit entfernt

Ab September läuft das Programm für eine mehrsprachige Erziehung für Kinder im Alter zwischen einem und vier Jahren an, das für alle Kinderkrippen und -betreuungseinrichtungen gilt, die an das „Chèques-services-accueil“-System angeschlossen sind. Doch über die vergangenen Jahre stellt Kirsch eine Entfernung vom Konzept bilingualer Betreuungseinrichtungen, wo es um die Förderung der luxemburgischen und französischen Sprache geht, hin zu einer frühen mehrsprachigen Bildung fest. Eine Entwicklung, die in der Öffentlichkeit nur zum Teil wahrgenommen worden sei, aber ihre Folgen hat.

Das verdeutlicht die Forscherin folgendermaßen: „In einer bilingualen Herangehensweise lernen Kinder unter anderem Französisch, weil sie im ständigen Kontakt mit Personen sind, die oft nur Französisch sprechen“. In den Überlegungen für bilinguale Kinderkrippen war das Konzept ein Erzieher/ eine Sprache vorgesehen. In der jetzigen Herangehensweise sollen Kinder Luxemburgisch lernen, mit Französisch dank der Herangehensweise der Sprachbegegnung in Kontakt kommen und ihre Familiensprachen valorisiert sehen. Umgedreht sollen Kinder in französischsprachigen Einrichtungen mit dem Luxemburgischen in Berührung kommen. Was nicht heißt, dass „Eveil aux Langues“ per se schlecht sei. „Wir leben in einem mehrsprachigen Land. Um ein harmonisches Zusammenleben zu ermöglichen, ist es sehr wichtig, die Sprache des anderen zu kennen und zu respektieren“. Positiv findet die Forscherin, dass das Konzept der mehrsprachigen Bildung die Berücksichtigung und Wertschätzung der Familiensprachen von Kindern vorsieht. Angesichts der Tatsache, dass 65 Prozent der Kinder zuhause nicht Luxemburgisch sprechen, sei es „sehr wichtig, die Kinder dort abzuholen, wo sie sind, nämlich mit ihrer Sprache und Kultur. Unsere Nachbarländer beneiden uns um diese Haltung in frühkindlichen Einrichtungen. Damit setzen wir uns von anderen Ländern ab.“

„Eine Sprache lernt man nur über den Dialog“

Wolle man aber erreichen, dass Kinder später auch weniger Schwierigkeiten im Französischunterricht haben, dann müssten auch Kompetenzen aufgebaut werden. Was die Politik als Ziel angibt, unterscheidet sich also von der angewandten Methode. Für die Erziehungswissenschaftlerin steht indes eindeutig fest: „Eine Sprache lernt man nur über den Dialog“. Ein Dialog, der reich, bedeutungsvoll und regelmäßig, nicht nur punktuell, sein müsse. Außerdem müsse es viele Dialogpartner geben, also auch ein Austausch mit anderen Kindern stattfinden. „Durch den Dialog nehmen Kinder Sprache auf, sie imitieren und transformieren Sprache“, erläutert Kirsch. Ein „Eveil aux Langues“ werde dem nicht gerecht. Darüber hinaus gebe es auch keine Erfahrungswerte, was der „éveil“ bei Kleinkindern bringt. Das ist ein Grund dafür, warum Kirsch die in der öffentlichen Diskussion geäußerten Bedenken hinsichtlich des frühen Sprachenkontakts nur bedingt nachvollziehen kann.

Noch ein anderes Problem sieht Kirsch: Zwar sei es grundlegend eine positive Sache, dass den Einrichtungen Freiheiten bei der Ausarbeitung eigener Konzepte zugestanden werden, allerdings bestehe dadurch auch das Risiko eines Wildwuchses. In diesem Fall sei es schwierig eine Progression zu gewährleisten, die für den Spracherwerb wichtig sei.

In die Pädagogik investieren

Schlechtreden will die Forscherin die Idee des flächendeckenden Konzepts nicht. „Wir stehen jetzt am Anfang eines Weges“, sagt sie und sieht das Land vor allem vor einer großen pädagogischen Aufgabe. „Damit ein reicher Dialog mit Kindern zustande kommen kann, muss viel Aus- und Weiterbildung betrieben werden“, sagt sie und meint damit neben der Ausbildung zum Erzieher auch die Lehrergrundausbildung, die sich beide ausführlich - vielleicht sogar in Form einer Spezialisierung - mit dem Lernen von Sprachen beschäftigen müssen. „Immerhin sind das jetzt die wichtigsten Leute, da sie die Weichen für unsere Kinder setzen“.

Eine pädagogische Aufgabe aber auch im Sinne einer Auseinandersetzung mit unserem Selbstverständnis von Sprachen. „Wenn wir von Mehrsprachigkeit reden und wir anerkennen, dass wir mehrsprachig sind, dann müssen wir dem Kind diese auch zeigen. Denn Kinder nehmen Mehrsprachigkeit im Alltag wahr“, sagt Kirsch. Eine Puppe, die schlimmstenfalls nur eine Sprache spricht und dadurch einen parallelen Monolinguismus fördere, werde in einer solchen Überlegung eher zum Hindernis. Auch wenn die Familiensprache der Kinder aufgegriffen werden soll, muss es zunächst eine Offenheit in den Köpfen der Erwachsenen - also Eltern wie Erzieher und Lehrer - geben.

Dazu gehöre auch ein Verständnis dafür, dass es bei einer mehrsprachigen Kompetenz darum geht zu wissen, wann mit wem welche Sprachen eingesetzt bzw. welche Sprachen nicht eingesetzt werden dürfen. Im Übrigen sei es ganz normal, im Prozess des Sprachlernens - der auch nicht im Alter von fünf Jahren abgeschlossen ist - sprachliche Ausdrücke zu vermischen. Etwas, das sich ohnehin in Unterhaltungen unter mehrsprachigen Kindern (oder Erwachsenen) situationsbedingt beobachten lässt. Kirsch weist auch darauf hin, dass Kinder sehr früh zwischen Sprachen unterscheiden können, aber erst ab etwa drei oder vier Jahren Sprachen benennen können.