Eine kürzlich der breiten Öffentlichkeit bekannt gewordene EU-Studie offenbart, dass beim Menschenhandel in Europa immer mehr Opfer registriert werden, während immer weniger Täter überführt werden. Die Opfer werden durch Zwangsarbeit, Prostitution und Organhandel missbraucht, und Presseberichte belegen, dass die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die Menschenhändlern zum Opfer fallen, verheerend ist. Die Europäische Union hatte aus diesen Gründen 2011 eine neue Richtlinie gegen Menschenhandel erlassen. Erst sechs der 27 EU-Mitglieder haben diese Richtlinie auch ins nationale Recht umgesetzt, was von EU-Kommissarin Cecilia Malmström kürzlich kritisiert wurde. Laut EU-Studie wurden zwischen 2008 und 2010 in Europa offiziell 23.623 Opfer von Menschenhandel gezählt.

62% werden sexuell ausgebeutet, 25% müssen Zwangsarbeit leisten, und 14% sind Opfer des illegalen Organhandels, respektive des Kinderhandels. 61% stammen aus Europa selbst, vorwiegend aus Rumänien und Bulgarien; jene aus Drittstaaten kommen vor allem aus China oder Nigeria, einige auch aus Südamerika. 68% sind Frauen, 12% Mädchen, 17% Männer und 3% Jungen. Allerdings wird die Dunkelziffer der in der EU versklavten Menschen auf 880.000 geschätzt.

Wer sich näher mit den grausamen Facetten des Menschenhandels befasst, die zum Beispiel ausgezeichnet in dem Film „Die Unbekannte“ (La sconosciuta) von Guiseppe Tornatore dargestellt werden, versteht, dass es hier in Europa Hunderttausende gibt, für die Menschenrechtserklärungen nicht gelten, die eingesperrt leben, und oft ununterbrochen sexuelle Brutalitäten über sich ergehen lassen müssen.

„La Sconoscuita“ erzählt die Geschichte einer Ukrainerin, die über Jahre in Italien eingesperrt lebt und sich prostituieren muss, von ihrem Zuhälter brutal behandelt und traumatisiert wird und 9 Kinder in die Welt setzt, die alle weiterverkauft werden. Irgendwann befreit sie sich und macht sich auf die Suche ihres letztgeborenen Kindes, das in Italien adoptiert wurde.

Die Tatsache, dass 880.000 Menschen in der EU solche und ähnliche Schicksale erleiden, zeigt, dass sich um diese Opfer ein weitreichendes Netz von Tätern, organisierten Banden, aber auch Kunden und Nutznießern spinnt. Wenn Kinder und Erwachsene, Männer und Frauen derart viel Geld im Menschenhandel einbringen, hat dies damit zu tun, dass Prostitution in Europa ohne Rücksicht auf das Schicksal der Menschen, die hier sexuelle Dienste leisten, konsumiert wird. Es bedeutet auch, dass Familien und Unternehmen Menschen zu sklavenähnlichen Bedingungen einstellen. Es bedeutet, dass brutalste Perversität an Menschen ausgeübt wird, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass diese Menschen keine anderen Überlebensmöglichkeiten für sich selber in der Welt gefunden haben. Der Mangel an Einsatz der EU-Staaten, der EU-Richtlinie Folge zu leisten und die Bestimmungen in nationales Recht umzusetzen, dokumentiert eine politische Gleichgültigkeit gegenüber völlig entrechteten Menschen in der europäischen Gesellschaft.