LUXEMBURG
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Neue Anpassungsstrategie zum Klimawandel und Extremfall-Studien vorgestellt

Nach den extremen Wetterbedingungen und Überschwemmungen der vergangenen Wochen zog es Umweltministerin Carole Dieschbourg gestern vor, die neue nationale Klimawandel-Anpassungsstrategie im Kontext der Fluten gemeinsam mit der Wasserwirtschaftsamt vorzustellen. „Der Klimawandel zeigt ganz klar auch seine Auswirkungen im Großherzogtum“, meinte sie daher einleitend. Höhere Durchschnittstemperaturen und immer stärker schwankender Niederschlagsmengen seien inzwischen auch in Luxemburg keine Seltenheit mehr, und es sei töricht zu glauben, dass sich solche Notfälle nicht wiederholen könnten.

Die im April beschlossene neue Strategie fußt dabei auf den im Regierungsprogramm von 2013 bereits visierten Anpassungsmaßnahmen und den in den Pariser Klima-Abkommen verpflichteten nationalen Richtlinien, setze aber den bestehenden Maßnahmen eine Reihe neuer Schritte hinzu, statt diese nur punktuell zu ersetzen.

Potenziellen Folgen vorbeugen

Am Ende stehen so 41 Klimafolgen, auf die sich vorbereitet werden müsse. „Dafür haben wir für 13 Sektoren konkrete Beispiele angefertigt und anhand einer Feldermatrix die nötigsten Schritte ausgemacht“, erklärt die Ministerin. So seien etwa im Bereich der Wasserwirtschaft die Sicherstellung des Trinkwassers, die Zunahme der Trockenperioden und selbstverständlich die Zunahme der starken Niederschläge als konkrete Probleme zu nennen.

Die 13 Sektoren des Bauwesens („wie leben wir in Zukunft“), Energie („wie fit ist unser Netz“), Forstwirtschaft, Infrastruktur („ist diese vorbereitet auf Naturkatastrophen“), das Notfall- und Katastrophenmanagement, die Landesplanung, die Landwirtschaft, das Gesundheitswesen, die Biodiversität, der Tourismus, die urbanen Räume, der Wasserhaushalt und die Wirtschaft erhalten so insgesamt 40 neue Maßnahmen. „Wir nennen diese ,No Regret‘-Maßnahmen, weil wir diese sowieso umsetzen müssen“, meint Dieschbourg.

So sollen gemeinsam mit den Gemeinden konkrete Starkregenkonzepte ausgearbeitet werden, die sich etwa auf die Abwasser-Planung und die Regelungen für den Bau in Ausgewiesenen Hochwasser-Risikozonen befasst, aber auch auf Starkniederschlag-Modelle und -Simulationen setzt, um mit neuen Erkenntnissen bewaffnet besser auf die Extremfälle vorbereitet zu sein. Ein „Starkregenereignis“ sei dabei ein natürliches Event, das leider nicht vollständig verhindert werden könne. „Es ist aber immer dann ein Problem, wenn es auf Einrichtungen und Nutzungen trifft, die empfindlich gegenüber Überflutungen sind, und auf solche Zwischenfälle nicht vorbereitet sind“, meinte die Ministerin.

Deshalb werde es keine auf bestimmte Risiko-Monate vorgesehen Maßnahmen geben, sondern eine langfristige Risikoreduktion angestrebt werden. „Wir setzen auf detaillierte Bestandsaufnahmen, auch von den rezenten Zwischenfällen, bei denen wir uns per Polizeihelikoptereinsatz ein klares Bild verschaffen konnten.“ Mittels kombinierter Daten aus Pegelmessgeräten, Niederschlagsradar- und Niederschlagsmessungsstation-Werten werde auf diese Weise eine Auswertung von Starkniederschlagssituation von der Wasserverwaltung auf die Beine gestellt. Die neuen Niederschlagsmodelle sollen dann in Entscheidungen einfließen, etwa bei Projekten von

Dass die neue Strategie ausgerechnet jetzt kommt, sei dabei aber Zufall: „Hinter den Kulissen läuft in diesem Gebiet seit Jahren sehr viel. Das neue Extremevent kam natürlich überraschend, aber wir sind seit Jahren bei der Sache. Das zaubern wir deshalb jetzt nicht aus dem Hut“, gab Dieschbourg Entwarnung.

So sei bereits in den Anpassungen am Wassergesetz vom Juli 2017 mehr Prävention und mehr gezielte Maßnahmen für Gemeinden und Betroffene vorgesehen worden. Eine stärkere Renaturierung der Bäche und ein besserer Hochwasserschutz fand sich damals wie heute in den vorgeschlagenen Maßnahmen, zudem würden 90 Prozent der Kosten der Baumaßnahmen und bis zu 100 Prozent der Auswertungskosten vom Staat getragen. „Das wird auch in Zukunft wichtig bleiben“, versichert sie. „Wir werden nie einen Punkt erreichen, mit dem wir alles vermeiden, aber die Gefahren und Risiken können reduziert werden.“

Dazu bedürfe es dann auch mehr Solidarität, um die nötigen Projekte verwirklichen zu können. Da fehlt es manchmal noch an der nötigen Fläche. Etwa zur Kompensierung in Hochwassergebieten: „Grundsätzlich sollte vermieden werden, in Hochwasser-gefährdeten Gebieten zu bauen. Um aber das Schadenspotenzial in den betroffenen, bereits bebauten Gebieten zu reduzieren, muss bewusster (aus)gebaut werden und ein Volumenausgleich stattfinden, damit das Hochwasserniveau dasselbe bleibt“, erklärt die Ministerin. Wenn dann auch noch auf Ablaufrinnen, Sammelbecken, Gründächer und andere Maßnahmen gesetzt werden kann, könne das Risiko zunehmend minimiert werden. „Zu diesem Zweck binden wir die Gemeindeplaner stark in unsere Diskussionen ein.“

Aber längst nicht alle Maßnahmen kümmern sich um Starkregen; die neuen Vorschläge für den Forstbereich beschäftigen sich etwa mit Forstinventur, der langfristigen Förderung von resilienteren Arten und der nachhaltigeren Forstwirtschaft. Der Klimawandel bedeute weltweit Artenveränderung, eine Verschiebung von Lebensräumen, neue Krankheitserreger, Extremwetter, Trockenperioden - „eine lange Liste an Auswirkungen“, mahnte Dieschbourg.

Die Zahlen belegen derweil, dass der Klimawandel auch vor dem Großherzogtum nicht Halt gemacht hat. So sei ein Temperaturanstieg von einem Grad im Vergleich zu der Periode bis 1990 zu beziffern. „Das äußert sich in immer mehr heißen Tagen, immer mehr Sommertagen und immer mehr ,tropischen‘ Nächten mit mehr als 20 Grad“, meint Dieschbourg. Die Niederschlagsmenge bleibe derweil dem Anschein nach im Jahresschnitt normal, aber ein genauerer Blick verrate mehr: „Wir haben immer mehr Extreme“, meint die Ministerin. „Im Winter nimmt es zu, im Sommer nimmt es ab, die Starkniederschläge nehmen zu.“ Derart extreme Ereignisse seien daher prinzipiell ineffizient, weil das Wasser dann nicht ins System geht - sich also Quellen nicht füllen und Pflanzen nicht davon profitieren können. „Dann mag der Durchschnitt für das Jahr zwar stimmen, das Gesamtbild passt aber nicht.“

Die Nächsten Schritte bei der Umsetzung der Strategie werden eine Veröffentlichung der Starkregengefahrenkarte bis 2019 und die Fertigstellung und Veröffentlichung der wissenschaftlichen Analyse des Hochwassers seit 2016 sein; diese Studie soll bis August stehen. Zudem soll es eine öffentliche Präsentation samt Workshop zur Anpassungsstrategie in den Örtlichkeiten des MDDI geben, dies am 12. Juli um 17.00. Hier soll der Öffentlichkeit die neue Strategie vorgestellt werden; bei der Gelegenheit sollen Bürger auch Bedenken äußern und weitere Anpassungen einbringen können. Die Dokumente werden über die Webseite des Wasserwirtschaftsamtes waasser.lu zur Verfügung stehen. Der Leitfaden zu Bauvorhaben in Überschwemmungsgebieten findet sich dort bereits seit gestern.