LUXEMBURG
SVEN WOHL

Der neue nationale Plan zur sexuellen Erziehung visiert die breite Bevölkerung an

Als wollten sie die Wichtigkeit des Themas unterstreichen, sind zur gestrigen Präsentation des nationalen Programmes zur „Promotion de la Santé affective et sexuelle“ (PAN-SAS) in Walferdingen gleich vier Minister anwesend gewesen. Der neue Pan-SAS baut auf seinem Vorgänger, der unter anderem das „Centre national de référence pour la promotion de la santé affective et sexuelle“ (CESAS) etablierte, auf, soll jedoch in verschiedenen Aspekten Verbesserungen einbringen. So wurde von Beginn an klar gemacht, dass es beim PAN-SAS nicht nur um die Aufklärung, die sexuelle wie auch affektive Bildung von Kindern und Jugendlichen geht, sondern man sich an jeden richtet. Hierbei waren sich die Ministerinnen und Minister allesamt einig: Sexualität geht jeden etwas an. Auch, weil es eine Angelegenheit des Respekts darstellt.

Unabhängig von Geschlecht,Herkunft oder sozialer Schicht

Gesundheitsminister Etienne Schneider (LSAP) unterstrich bereits zu Beginn: „Die affektive und sexuelle Gesundheit ist ein fester Bestandteil des Wohlbefindens, der Lebensqualität und der globalen Gesundheit“. Dies stimme unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder sozialer Schicht. Dabei spielten auch die Gefühle sowie der Respekt eine enorme Rolle. Weil dies ein solch komplexes Themenfeld darstelle, sei die interdisziplinäre Herangehensweise von solch großer Wichtigkeit.

„Es ist Aufgabe der Gesellschaft, die sexuelle Erziehung wahr zu nehmen“, meinte anschließend Bildungsminister Claude Meisch (DP). Nicht nur in der Bildung, also in den Schulen Luxemburgs, müsse das Thema ihren Platz finden, sondern auch die Gesellschaft, in erster Instanz die Eltern, müsste hier ihre Verantwortung übernehmen. Die Bildung und Aufklärung soll wissenschaftlich fundiert sein und den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geben, eigenständige Entscheidungen zu treffen.

Oftmals würde gefragt werden, ob heutzutage überhaupt noch eine sexuelle Aufklärung notwendig wäre. Doch die Kampagne rund um #metoo hätte bewiesen, dass es hier noch viel zu tun gäbe. Der Minister unterstrich zusätzlich die kulturelle Komponente, mit einem Verweis auf das Theaterstück „Ein Känguru wie du“: Die Reaktionen gewisser Personen habe gezeigt, dass es noch einiges zu tun gäbe. Auch, weil gerne verkannt wird, dass es im Theaterstück nicht ausschließlich um Homosexualität, sondern vorwiegend um den gegenseitigen Respekt und Toleranz geht. Man dürfe nicht vergessen, dass sämtliche Ansätze, Kindern und Jugendliche eine sexuelle Aufklärung zukommen zu lassen, altersgerecht präsentiert werden müssen.

Dadurch erklärt sich auch, dass im PAN-SAS eine Verbesserung der Kompetenzen der involvierten Professionellen anvisiert wird. Die Grundausbildungen sollen angepasst und in weiterführenden Formaten erweitert werden. Es soll in Zukunft auch zu einer engeren Zusammenarbeit zwischen den Sektoren kommen.

Diversität der Gesellschaft spiegeln

Im Aktionsplan versuche man, jeder Situation Rechnung zu tragen, erklärt die Familienministerin Corinne Cahen. „Man soll nicht darauf achten, wie viele Menschen es sind. Eine Person genügt, damit wir uns für sie einsetzen.“ Man müsse also auch an die Behinderten, an Immigranten und an nicht-Heterosexuelle denken. Der Aktionsplan trage der Diversität unserer Gesellschaft Rechnung. Ein Beispiel, bei dem man aktiv werden würde, seien intergeschlechtliche Kinder, bei denen die geschlechtsdefinierende Operation nach der Geburt laut Koalitionsabkommen verboten wird. Die intersexuellen Personen sollen später ihre Entscheidung treffen können, welches Geschlecht sie haben wollen.

Taina Bofferding beschreibt indes Sexualität als „die intimste Form der Kommunikation“. Die Gleichstellungsministerin unterstreicht, dass im Dasein der aktuellen sexuell gesättigten Medienlandschaft es umso wichtiger sei, Stereotypen aus dem Weg zu räumen. Hier müsse man unter anderem die Medienkompetenz in den Mittelpunkt stellen. Die sexuelle und affektive Bildung sei eines der wichtigsten Mittel im Kampf gegen häusliche Gewalt, so die Ministerin. Auch dürfe man nicht vergessen, dass Kinder durch die Medien früher sexuellen Inhalten ausgesetzt werden, weshalb eine angepasste Bildung und Aufklärung dieser Realität entsprechen müsste.

Bei der kurzen Vorstellung des am 1. Januar diesen Jahres in Kraft getretenen PAN-SAS wurde klar, dass man im Bildungssystem von der Perspektive „Sex als Gefahrengut“ abweicht. Auch wenn die Vorbeugung von Ansteckungen mit sexuell übertragbaren Krankheiten immer noch eine wichtige Rolle spiele, genau so wie die Vermeidung von ungewollten Schwangerschaften wie auch de sexualisierten Gewalt, so wolle man doch eine holistischere Herangehensweise bevorzugen. Sexualität berühre zahlreiche Lebensbereiche und jene Personen, mit denen in diese Hinsicht kommuniziert werden müsse, kämen aus den unterschiedlichsten Schichten, hätten verschieden Bedürfnisse, denen Rechnung getragen werden muss. Der Zugang zu Informationen müsse für jeden erleichtert werden. Dies betreffe sowohl sprachliche wie auch kulturelle, geografische oder sozioökonomische Faktoren.