LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

„Panorama social 2015“ analysiert soziale Bedingungen in Luxemburg

Die Ungleichheiten in der Gesellschaft nehmen weiter zu. Das geht aus dem inzwischen 5. „Panorama social“ hervor, den die Arbeitnehmerkammer (CSL) gestern vorstellte. Ziel dieser Publikation, die ab Ende April auch im Buchhandel erhältlich sein wird, ist es, verschiedene soziale Parameter zu analysieren, um einen Überblick über die soziale Lage des Landes zu bekommen.

Anhand mehrerer Indikatoren zeigt sich dabei, dass sich die Einkommen ungleich entwickelt haben. Zum Beispiel das S80/S20-Verhältnis, das das Einkommen der reichsten 20 Prozent der Bevölkerung mit dem der ärmsten 20 Prozent vergleicht, und das 2013 von 4,1 auf 4,6 gestiegen ist: In den 15 EU-Gründungsstaaten rutscht das Großherzogtum damit von Platz 5 auf 9 und damit von einer leichten zu einer mittleren Einkommensungleichheit. Es gibt eine „ganz klare Tendenz nach oben“, sagte der stellvertretende Direktor der CSL, Sylvain Hoffmann.

Ein anderer Indikator ist der Gini-Koeffizient, der die Verteilung der Einkommen mit einem Wert zwischen null und eins misst. Liegt er bei null, hätte jeder Haushalt das gleiche Einkommen, eins würde hingegen bedeuten, dass ein Haushalt alles hätte. Auch wenn sich dieser Wert nach den Sozialtransfers von 0,48 auf 0,28 verbessert, sei auch hier in den vergangenen Jahren eine Tendenz zu wachsenden Ungleichheiten festzustellen.

Auch die Einkommensentwicklung zeugt von dieser Entwicklung. Während die niedrigen Einkommen von 1997 bis 2013 um rund 42 Prozent gestiegen sind, sind es bei den mittleren und hohen Einkommen jeweils 58 und 61 Prozent.

Geringer Abstand zwischen Armutsrisiko und Mindestlohn

Die Differenz zwischen dem Armutsrisiko, das in Luxemburg in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist, und dem Brutto-Mindestlohn fällt hierzulande wesentlich geringer aus als etwa bei unseren Nachbarn. Netto liegt der „Salaire social minimum“ sogar unter der Armutsschwelle, was eine „strukturelle Reform bei der Höhe des Mindestlohns auf jeden Fall rechtfertigt“, sagte Jean-Claude Reding, Präsident der CSL. Weil das Armutsrisiko durch Sozialtransfers um rund 46 Prozent verringert wird, sei es insgesamt wichtig „das hohe Niveau bei den Sozialtransfers beizubehalten oder noch zu verbessern“. Reding fügte hinzu, dass man Ungleichheiten auch über eine Steuerreform beheben könnte, indem man geringe und mittlere Einkommen entlastet. Außerdem erinnerte der CSL-Präsident daran, dass die Regierung einen Anpassungsmechanismus beim Kindergeld einführen wollte und dass es an der Zeit sei, diese Arbeiten zu konkretisieren.

Aus dem CSL-Bericht geht weiter hervor, dass Alleinerziehende unter den 15 EU-Staaten in Luxemburg dem höchsten Armutsrisiko ausgesetzt sind. Allgemeiner betrachtet sei die Armutsrisiko für Familien mit Kindern höher, auch wenn Sachleistungen, auf die allerdings nicht jeder Anrecht habe, nicht berücksichtigt seien, sagte Hoffmann. Das „Panorama social“, aufgeteilt in drei Kapitel über Ungleichheit und Armutsrisiko, Arbeitslosigkeit und Beschäftigung, Arbeitsbedingungen und Qualität der Arbeit, beschäftigt sich in einem von zwei Schwerpunkten auch mit der Wohnungssituation. In Luxemburg ist der Unterschied zwischen der Armutsgefährdung von Mietern und Eigentümern sehr stark ausgeprägt. Für rund 40 Prozent der Haushalte stellen die Kosten fürs Wohnen eine bedeutende finanzielle Belastung dar.

18,7 Prozent teilzeitbeschäftigt

Was die Arbeitsbedingungen angeht, zeigt sich: Mit rund sieben Prozent arbeiten vergleichsweise wenige Menschen in befristeten Verträgen. In der EU-15 liegt der Prozentsatz bei 15,9 Prozent. Von 2003 bis 2013 ist allerdings ein Anstieg um beeindruckende 126,6 Prozent zu verzeichnen. Die Teilzeitbeschäftigung liegt indes bei 18,7 Prozent, knapp unter dem EU-15-Durchschnitt von 22,9 Prozent. Der Anstieg liegt hier höher als im europäischen Vergleich bei 3,4 Prozent. Nur 10,6 Prozent arbeiten in Luxemburg unfreiwillig in Teilzeit. Das ist vergleichbar mit der Situation in Belgien oder den Niederlanden. In Deutschland liegt der Prozentsatz bei 15,6 Prozent. In Ländern wie Italien oder Spanien bei über 60 Prozent. In diesen Zahlen sind Grenzgänger nicht berücksichtigt.