NIC. DICKEN

Luxemburg hat ein Problem, das, wie Finanzminister Pierre Gramegna kürzlich feststellte, die meisten der EU-Partnerstaaten sicherlich gerne mit uns teilen würden. Luxemburg kennt ein beispielhaftes Wirtschaftswachstum, das längst schon die Landesgrenzen gesprengt hat und deshalb auch immer mehr Menschen im Lande erregt, weil ihnen die daraus resultierenden neuen Belastungen zunehmend zu schaffen machen.

Auch wenn am vergangenen Samstag in der RTL-Background-Runde keine(r) der teilnehmenden Parteivorsitzenden das Wachstum grundsätzlich in Frage stellen mochte, so offenbarten sich doch unterschiedliche Vorstellungen darüber, was Wachstum bewirken und wie Wachstum gestaltet werden soll. Dass dabei auch der eine oder andere Widerspruch zutage trat, mag nur jene wundern, die sich in der luxemburgischen Politik nicht so gut auskennen.

Wachstum als Grundorientierung der Wirtschaftsentwicklung und die Interessen der Menschen fest im Blick, das war die Botschaft von Corinne Cahen, „inklusives“ Wachstum, das allen Menschen zugute kommt und die gewachsenen Strukturen des Landes respektiert, so lautet die Vorstellung von LSAP-Präsident Claude Haagen, nachhaltiges Wachstum, das Ressourcen, Lebensbedingungen und Landschaft gleichermaßen berücksichtigt, das war die Message des Grünen-Vorsitzenden Christian Kmiotek, während sich CSV-Präsident Marc Spautz für ein „selektives“ Wachstum aussprach, das auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes ausgerichtet ist und nur solche Branchen visieren soll, die dem Landescharakter entsprechen.

Vor knapp zwei Menschengenerationen musste in den Stahlstandorten im Süden des Landes die zum Trocknen ausgehängte Wäsche oft wieder in die Maschine gesteckt werden, weil man im benachbarten Stahlwerk außerplanmäßig eine zusätzliche Charge gefahren hatte. Sich darüber aufzuregen kam damals niemandem in den Sinn, schließlich bestimmte der Rhythmus der Stahlbetriebe über Wohl und Wehe tausender Familien. Von allen derzeitigen Parteipräsidenten in Luxemburg weiß das niemand besser als der amtierende CSV-Vorsitzende Marc Spautz. Wo gehobelt wird, da fallen auch Späne.

„Qualitatives Wachstum“, so lautet das gemeinsame Zauberwort, das forthin den Menschen in unserem Lande wirtschaftlichen Erfolg und Fortschritt eher als Segen denn als Fluch vermitteln soll. Weniger zur Geltung kamen am Samstag Überlegungen zu den Voraussetzungen, die erforderlich sind, um dem auch für Luxemburg geltenden schnellen Wandel in der globalen Wirtschaft besser Rechnung zu tragen: Gezieltere Ausbildung, klarere Vorgaben für alle Unternehmen, effizientere Nutzung der Bodenfläche, kostengünstigere Wohnungsbedingungen, leistungs- und zielgerechtere Verkehrs- und Transportpolitik sind wesentliche Faktoren, um wirtschaftliches Wachstum besser mit den Ansprüchen der Menschen vereinbaren zu können und damit die grundsätzliche Forderung nach gleichzeitigem Wachstum und Wohlbefinden gerecht werden zu können.

Offenbar soll ja auch die CSV-Fraktion bei den nächsten Parlamentswahlen wachsen. Ob der Parteipräsident dabei die gleichen Qualitätsansprüche wie in der Wirtschaft applizieren will, bleibt abzuwarten.