ESCH/ALZETTEPATRICK WELTER

Ein Gespräch mit Eschs Bürgermeisterin Vera Spautz über ihre Stadt

Sie gilt als beinharte Sozialistin, als aufrechte Linke und streitbare Politikerin. Das Gespräch mit Vera Spautz, die seit zwei Jahren Bürgermeisterin von Esch/Alzette ist, hatte also alle Chancen etwas härter zu werden. Umso größer war die Überraschung, in der Stadtchefin eine ausgesprochen freundliche und für alle Themenbereiche offene Gesprächspartnerin zu finden. Nur die rot gestrichene Wand in ihrem hellen Eckbüro im Escher Rathaus gibt einen Hinweis auf die politische Ausrichtung. Vera Spautz gehört dem Schöffenrat seit dem Jahr 2000 an und wechselte Ende 2013 als Nachfolgerin von Lydia Mutsch, die mit dem Regierungswechsel Ministerin wurde, auf den Sessel der Bürgermeisterin.

Universitätsstadt Esch

Unser Gespräch beginnt mit der Feststellung von Vera Spautz „Jetzt sind sie da“ - die Studenten der neuen Universitätsstadt Esch. Womit wir gleich beim ersten Problem angekommen sind. Wie bringt man das neue Esch in Belval und das alte, das gewachsene Esch unter einen Hut? Für Vera Spautz ist klar, dass beide Teile der Stadt zusammenwachsen müssen. Die Universität sei - viele Jahre nach der Stahlkrise - eine Chance für Esch und den ganzen Süden. Außerdem Chance und Herausforderung für die Escher Geschäftswelt, sich auf die neue studentische und akademische Kundschaft einzustellen. Die Universität und ihre Studenten seien auch deshalb gut für die Stadt weil sie den Altersdurchschnitt der Bevölkerung deutlich senken. Um der Nachfrage gerecht zu werden, sei die Stadt dabei weitere Studentenwohnungen zu planen. Ein weiterer Nebeneffekt der Universität sei auch, dass nun mehr deutsch- oder englischsprachige Menschen zuwandern.

Für Vera Spautz ist es wichtig, dass sich die Stadt aktiv für ihre Bürger einsetzt. So versucht man das Problem der Jugendarbeitslosigkeit mit einem Jugendkommunalplan anzugehen. Auf der anderen Seite des Altersspektrums steht ein Seniorenkommunalplan, ab Januar 2016 wird sich der neue Escher „Club Senior“ um Angebote für die älteren Bürger der Stadt kümmern.

Esch/Alzette hat einen Ausländeranteil von 53%, zurzeit steht der Zähler bei 117 verschiedenen Nationalitäten, so die Bürgermeisterin. „Gestern habe ich die erste Mexikanerin in Esch kennen gelernt“. Um die Integration der ausländischen Bürger zu erleichtern, setze die Stadt schon seit Jahren auf spezifische Umfragen, die den Dialog fördern sollen.

Die wirtschaftliche Situation von Esch war lange prekär, nicht zuletzt gab es Probleme durch den immer wieder verzögerten Umzug der Universität. Vera Spautz betont, dass man auch in Wirtschaftsfragen auf den Dialog setzt und in einer Arbeitsgruppe mit dem Geschäftsverbund nach Lösungen sucht: Was kann man tun? Was muss man ändern? Welche Angebote sind gefragt. Obwohl Esch immer wieder „mies“ gemacht wird, könne sie feststellen, dass es keine Geschäftsschließungen gibt und in der Alzette-Straße kein Laden leer steht. In einem Jahr sei viel erreicht worden. Durch die Arbeitsgruppe, einzelne Geschäftsleute und die Universität habe sich vieles positiv entwickelt. „Esch ist nun Universitätsstadt, das ändert vieles.“

Das unbekannte, das grüne Esch

Eine ganz andere Seite von Esch scheint Vera Spautz besonders am Herzen zu liegen - das unbekannte grüne Esch. Den meisten Luxemburgern seien die grünen Ecken von Esch unbekannt. Der „Galgebierg“ sei ein Naherholungsgebiet ersten Ranges, das dazu noch über die „Passerelle“ fußläufig von der Innenstadt aus zu erreichen sei, so Spautz. Dort gebe es alles: Einen öffentlichen Tierpark, einen Campingplatz, Gärten, ein Pétanque-Feld, einen Fitnessparcours und eine Waldschule. Esch verfüge über ein enormes grünes Potenzial, auch auf ungenutzten Industriebrachen, aber kaum jemand weiß es. „Es ist leider so, Esch hat ein Imageproblem“ antwortet Vera Spautz auf eine entsprechende Frage. Dabei sollen die Grünzonen helfen, Esch auf die touristische Landkarte des Großherzogtums zu setzen.

Zum neuen Image von Esch gehört auch, dass die Stadt jetzt „proper“ bleibt - unter anderem dank vieler Hundetoiletten - und auch in Sachen Sicherheit tut sich vieles. Auch hier auf dem Wege öffentlicher Konferenzen. Die Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen sei hervorragend, so Spautz. Die Polizei habe viel unternommen und unter anderem, durch eine interne Umorganisation, die Präsenz in Esch verstärkt. Die Polizei verstehe sich wieder stärker als Ansprechpartner der Bürger und die Bevölkerung habe ausgerechnet positiv darauf reagiert. Es habe massive Änderungen im Sicherheitsempfinden gegeben. Stadt und Polizei setzten mehr auf Prävention, denn auf Repression. So gehe die Polizei in die Schulen, während die Stadt bald den zweiten hauptamtlichen Streetworker bekommt. Sozialdienste und gemeinnützige Einrichtungen leisteten darüber hinaus ihre unterstützende Arbeit.

Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit

Die hohe Jugendarbeitslosigkeit könne man nicht auf gewesene Krisen abschieben, sie sei ein Ergebnis des inkohärenten luxemburgischen Schulsystems. Außerdem habe Esch eine andere Bevölkerungsstruktur als andere Gemeinden im Land. Viele Portugiesen lebten in Esch weil der Wohnraum - früher - in Esch preiswerter war. Leider sei es in einigen Gemeinden immer noch gängige Praxis, Sozialfälle nach Esch abzuschieben. Es besteht ein echtes Solidaritätsproblem, so Spautz. Im Etat seien eine Million Euro für soziale Maßnahmen vorgesehen.

Die Stadt Esch versuche mit eigenen Mitteln gegen die Jugendarbeitslosigkeit vorzugehen. Entweder durch Zusammenarbeit mit konventionierten Beschäftigungsgesellschaften oder durch Ausbildungsangebote in den kommunalen Werkstätten und Diensten. Man biete so viele Lehrstellen an, wie es für die Stadt möglich sei. Leider könne man später nicht alle Ausgebildeten übernehmen. Ihrer Meinung nach, so Vera Spautz, stehlen sich die Privatbetriebe beim Thema Lehrstellen aus der Verantwortung.

Die Finanzsituation von Esch ist nicht rosig. Daher habe sie bei ihrem Amtsantritt zunächst in Sachen Budget gebremst und den Ist-Zustand der Finanzen überprüft. Esch hofft auf die von Innenminister Kersch angegangene Gemeindefinanzreform.

Auf der Investitionsseite setzt Esch in der Hauptsache auf den Bau von Schulen, auch um dem Bevölkerungswachstum gerecht zu werden. Man sei sich aber auf kommunalpolitischer Ebene einig, die Lebensqualität der Stadt bewahren zu wollen und sie auf nicht mehr als 40.000 Einwohner wachsen zu lassen. Die Stadt brauche weiterhin Industrie, die sich an aufgegeben Standorten etwa von ArcelorMittal ansiedelt. Hier stelle sich auch die Frage nach dem wie und was.

Das „Südspital“ kommt - was passiert mit dem CHEM-Gebäude?

Ein ganz großes Projekt wird das „Südspital“, das in Nachbarschaft des TICE-Geländes angesiedelt werden soll. Das neue Großkrankenhaus wird laut der Bürgermeisterin weitere Arbeits- und Ausbildungsplätze bringen und möglicherweise auch eine medizinische Fakultät an der Universität möglich machen. Die Frage die sich daran anschließt, lautet was wird aus dem Gebäude des CHEM. Ein riesiges Haus mit einem großen Potenzial - was kann man damit machen. Vera Spautz ist für Vorschläge und Ideen offen, nur für eines nicht - den Abriss.