LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Das Leben in die Enge treiben

Der Alltag rennt, und wir ziehen mit. Wer hat schon noch Zeit dafür, sich damit zu beschäftigen, was sein Leben eigentlich ist... Wer fragt sich denn, ob er wirklich lebt, oder doch nur existiert, der Eintagsfliege gleich, die sich nach abgelaufener Zeit dem Ende des Jetzt und Hier entgegensiechend wiederfindet. Wie erfährt man das eigentliche Leben denn? Die Frage aller Fragen auf die es, wie so oft, keine allgemeingültige Antwort zu geben scheint. Und doch gibt es Menschen, die fernab der alltäglichen Hetze dem Leben in seiner bloßesten Form nähergekommen sind. Unter anderem die Geschichten von Henry David Thoreau (1817-1862), US-amerikanischer Philosoph und Schriftsteller, Frank Wild (1873-1939), britischer Polarforscher und Reinhold Messner (*1944), italienischer Bergsteiger und Schriftsteller, haben meine Ansichten bezüglich der Intensität der Lebenserfahrung wesentlich geprägt.

Was trieb Thoreau an, sich zum Leben in den Wäldern zu entschließen? Warum kann Wild der antarktischen Hölle nicht widerstehen, und fährt immer wieder zu lebensgefährlichen Expeditionen, bei denen das Überleben mehr als einmal auf dem Spiel aller Spiele stand? Wohl das Gleiche, wie Messner auch, den es regelmäßig zur Besteigung der höchsten Gipfel der Erde, und dies ohne Flaschensauerstoff, zieht.

Es ist bei allen Dreien das „Zuviel“ des Alltäglichen. Ja, sogar Thoreau und Wild konnten sich mit dem Überfluss der Zivilisation damals bereits nicht anfreunden. Und Messner würde dies wohl auch unterschreiben. All das, was unser Leben intensiver machen soll, unter anderem Unterhaltungs- und überhaupt Alltagstechnik, verhelfen im Eigentlichen eher dazu, dass wir uns von dem Gefühl des echten Lebens und auch des Er-lebens weiter entfernen. Selten gibt es im westlichen Lebensstil noch die Gelegenheit zu Momenten des Nichts, des in sich Kehrens, der Langeweile. Warum auch? Kann man sich doch ständig auf allerlei möglichen Bildschirmen sattsehen, und sich mit dauerhaftem Informationszugang über alles und jeden auf dem Laufenden halten, besser gesagt, ablenken. Um es zu schaffen, sich dennoch selbst zu finden, gehen wir in teure Yogakurse oder heuern Achtsamkeitstrainer an.

Für Thoreau, Wild und Messner war schnell klar, nur in kritischen Situationen erfährt der Mensch noch, was es eigentlich heißt, zu leben. Erst dann kommt es auf Charakter und Willensstärke an, auf das wahre Vertrauen in sich selbst oder auch in sein Gegenüber. Schauspielern kann dann keiner mehr, sagt Messner in einem rezenten Interview, alle meine Fähigkeiten und Fehler kommen dann zum Vorschein. Auch Thoreau beschreibt dies in ähnlicher Weise. Er berichtet über seinen Versuch, das Leben in die Enge zu treiben, um das Leben zu fühlen und ihm auf den Grund zu kommen. Er wolle tief leben, hart und spartanisch, sodass alles in die Flucht geschlagen werden konnte, das nicht Leben war! Wenn nun alle Ressourcen auf ein Minimum reduziert werden, müssen wir wieder aktiv die Verantwortung für unser Leben übernehmen und selbst die Leistungen vollbringen, die wir mittlerweile der Technik übergeben haben. Ein äußerst beeindruckendes Beispiel hierfür liefert die Geschichte einer Antarktisexpedition von Frank Wild. Wild und 21 seiner Männer mussten monatelang in widrigsten Umständen zusammengepfercht im antarktischen Winter ausharren, ihr Schiff am Eis zerschollen, die Nahrung mehr als knapp und die Männer von Hoffnungslosigkeit gefoltert. Hier hing alles an Wild. Für ihn waren es diese Situationen, in denen seine Fähigkeit zur Selbstüberwindung das Überleben von sich und seinen Mitmenschen garantierte. Dadurch, dass der Sinn des Lebens dann nicht mehr einem fernen Dogma oder hochgesteckten Ambitionen anhängt, sondern das nackte Überleben selbst darstellt, kommt es zu einer neuen Form der Selbstbestimmung. Wollen wir leben? Schaffen wir es, die Gefahr auszublenden und uns nur vom Überlebensdrang leiten zu lassen? So hat Wild es nämlich fertiggebracht, seine gesamte Mannschaft vor dem Durchdrehen zu bewahren und das Vertrauen in die Retter nicht zu verlieren. So groß die Leiden auch waren, die Männer gingen nahezu meditativ ihren Beschäftigungen nach, an denen das minimale Erhalten der eigenen Vitalität abhing. Sie schafften es tatsächlich, die extremen Ängste zu überwinden und sich mit dem Leben als solchem auseinanderzusetzen. Einige Zeit nach der Rettung zog es Wild dann wieder in die Antarktis, gleich als ob die Nahtoderlebnisse der Expedition davor ihn zur Rückkehr drängten. Messner erwähnt in diesem Kontext das Wagnis der Selbstverschwendung. Das ist im zivilisierten Alltag nicht möglich. Erst wenn wir wirklich dahingehen, wo wir umkommen könnten, um dennoch nicht umzukommen, gelingt es uns, unseren Selbsterhaltungstrieb bis an seine Grenze zu treiben. Erst dann haben wir uns das Leben wieder selbst gegeben, formuliert es Messner. Erst wenn wir uns ohne Kompromisse dazu entschließen müssen, tatsächlich leben zu wollen, können wir uns das schönste Geschenk machen, das es gibt: Wir schenken uns das Leben.

Diese Sätze sollten Sie nicht dazu bewegen, ihr Hier und Jetzt aufzugeben, und ihr Leben zu einer ständigen Extrembedingung zu machen. Doch was mich an den Geschichten dieser Männer so fasziniert, ist diese Sehnsucht nach dem Gefühl des Lebendig-Seins und die Erfahrung der eigenen Stärke, die einen über große Qual und Anstrengungen erhaben sein lässt. Dies stellt mir bereits Anreiz genug dar, mein alltägliches Gerenne in Frage zu stellen, und mich willentlich auch mal Momenten der Abschottung hinzugeben oder große Mühen nicht zu scheuen. Ich will mich nicht mehr ständig ablenken lassen, ich will das Leben spüren, so bestimme ich mein Sein.