SIMON LAROSCHE

Etwas wird an diesem Donnerstagabend, Freitag während der Nacht europäischer Zeit, im US-Fernsehen sicherlich nicht passieren: Lance Armstrong wird nicht auf Oprah Winfreys bekanntem Sofa rumspringen, wie es 2005 Tom Cruise tat, als er grotesk euphorisch seine Liebe zu seiner damaligen Ehefrau Katie Holmes mit der ganzen Fernsehnation teilte. Der unter sehr starkem, fast eindeutigem Dopingverdacht stehende Radsportler gibt in der Talkshow der afro-amerikanischen Starmoderatorin das Interview, auf das ein Großteil der Sportinteressierte seit Jahren wartet. Gestern meldete die Zeitung USA Today, dass Armstrong in der vorab aufgezeichneten Sendung jahrelanges Doping zugeben wird. Davor wurde auch schon auf der Internetseite von Oprahs eigenem Sender angekündigt, der gefallene Star des Radsports werde konkret auf die gegen ihn vorliegenden Vorwürfe wegen Doping und Meineid eingehen. Es ist fast nicht zu glauben, dass der Texaner nach all diesen Jahren jetzt doch systematisches Doping zugeben wird. Zu viel hat er seit den Enthüllungen der französischen Sportszeitung L’Equipe während der Tour 1999 in dieser Angelegenheit gelogen, zu oft hat er dementiert, sogar Journalisten wegen Verleumdung verklagt. Zu felsenfest schien Armstrongs Alibi all die vergangenen Jahre, zu einfallsreich seine PR-Maschinerie, die es immer wieder schaffte ihn als den ungerecht Gejagten darzustellen. Es sieht also danach aus, als würden wir einer der spektakulärsten Eingeständnisse der Sportgeschichte erleben. Allerdings ließen die ersten Vorzeichen zum Wünschen übrig. Vorgestern entschuldigte sich der ehemalige US-Postal und Radioshack-Fahrer zwar gegenüber den Mitarbeitern seiner Livestrong-Stiftung, ein Dopingzugeständnis gab es freilich aber nicht. Es bleibt also noch zu sehen, wie ehrlich Lance Armstrong tatsächlich ist. Das bevorstehende Interview könnte nämlich genauso gut dem zweiten Oprah-Interview mit Tom Cruise aus dem Jahre 2008 gleichen, welches als einen verzweifelten PR-Stunt rüberkam. Das Konzept: Der reumütige Star lädt Oprah mit einer Fernsehcrew zu sich nach Hause und öffnet der gutmütigen und neutralen Talkshow-Königin sein Herz.

Das eigentliche Rätsel besteht nun darin, herauszufinden warum der gefallene „Boss“ überhaupt irgendetwas eingestehen will. Es heißt, er sei bereit mit den Anti-Doping Ermittlern zusammenzuarbeiten, um Details über die Verstrickung des Welt-Radsportverbandes (UCI) in seinem komplexen Dopingsystem mitzuteilen. Während die Sportwelt mit Hochspannung auf das Interview aus Armstrongs Ranch in Austin wartet, müssen der ehemalige UCI-Präsident Hein Verbruggen (1991-2005) sowie sein Nachfolger Pat McQuaid zu Hause vor dem Bildschirm zittern. Für diese beiden Herren könnte die Luft ab Freitag dünn werden. Denn genau wie Armstrong haben auch sie jahrelang vehement bestritten, bei Dopingvergehen weggeschaut zu haben. Es sieht so aus, als wolle Lance Armstrong den stinkenden Stab der Schuld an die UCI weiterreichen. Ob er danach die weiße Weste des unschuldigen Opfers anziehen darf, ist unwahrscheinlich.