LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Wie Luxemburg auf den Ausbruch des Krieges reagierte

Gespanntes Unbehagen. So lässt sich die Atmosphäre in Luxemburg nach der Aggression Polens durch Hitler-Deutschland beschreiben. Allerdings wuchs dieses Unbehagen bereits in den Jahren zuvor, insbesondere seit der Sudetenkrise 1938, sagt Dr. Christoph Brüll, “Assistant Professor“ am „Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C²DH) » der Uni Luxemburg. Die Regierung Dupong hatte bereits vor Ausbruch des Krieges eine Reihe von Maßnahmen in Vorbereitung eines Angriffs auf Luxemburg oder einer Verletzung seiner Neutralität getroffen.

Ausdehnung der Macht

Dazu gehört die Ausdehnung ihrer Macht.  So hatte sie bereits während der Septemberkrise 1938 über ein Gesetz abstimmen lassen, das ihr ausgedehnte Befugnisse bei der Gewährleistung der Versorgung und der Sicherheit der Bevölkerung sowie der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung erteilte, während Teile der Freiwilligenkompanie zum Grenzschutz beordert wurden.
Die “Chambre des Députés” gab am 29. August 1939 – wieder einstimmig – grünes Licht für eine Verlängerung dieser Befugnisse und erlaubte es der Regierung zudem, Wahlen auszusetzen. “Zwei Jahre nach dem Scheitern des Maulkorbgesetzes hat sich die Regierung hier vom Parlament, das übrigens einstimmig dafür war, ihre Macht in erheblichem Ausmaß stärken lassen”, erklärt der Historiker.

Blick nach Belgien

Auch war bereits 1938 eine Regierungskommission eingesetzt worden, die untersuchen sollte, wie das Land weiter funktionieren sollte im Fall, wo die Exekutive sich aufgrund einer Invasion absetzen müsste. “Dieser Ausschuss lässt schon die Verwaltungskommission erahnen, die nach der Besetzung im Mai 1940 tätig wurde und es finden sich darin auch einige der späteren Beamten dieser Kommission wie Albert Wehrer”, sagt Christoph Brüll. “Man hat damals viel nach Belgien geschaut”, fügt er bei. So wurde Wehrer im März 1940 nach Brüssel geschickt, um auszuloten, welche Vorkehrungen die Nachbarn für eine Invasion getroffen und wie sie diese Maßnahmen juristisch verankert hätten.
Dass man sich so an Belgien orientierte – das übrigens bereits ab dem 25. August 1939 seine Armee mobilisierte –, habe auch mit den Erfahrungen aus dem 1. Weltkrieg zu tun, erklärt der Historiker. Das Nachbarland hatte nämlich seine Neutralität beispielhaft verteidigt, während bei weiten Teilen der luxemburgischen politischen Klasse die Vorwürfe der Alliierten aus dem Ersten Weltkrieg, die fast zum Verlust seiner Unabhängigkeit geführt hätte, nur allzu präsent waren. Diese Erfahrungen und die Unsicherheit über die Pläne Nazi-Deutschlands erklären auch, dass die Verteidigung der Neutralität als hehres Ziel im Jahr 1939 – das sich zudem durch die Feierlichkeiten zum 100. Jubiläum zur Unabhängigkeit Luxemburgs auszeichnete – einen sehr breiten Raum in der Öffentlichkeit einnahm.

„Man rechnete jeden Moment mit einem Angriff“

“Man hat alles getan, um nicht in den Verdacht zu geraten, die Neutralität in irgendeiner Art und Weise aufs Spiel zu setzen”, erklärt Brüll und führt als Illustration an, dass Radio Luxemburg ab dem 2. September 1939 angewiesen wurde, lediglich offizielle Mitteilungen der Regierung zu verlesen. Auch die Zeitungen druckten diese Mitteilungen und brachten Artikel mit Aufrufen an die Bevölkerung, sich voll und ganz für die Neutralität einzusetzen und den öffentlichen Anweisungen zu folgen.
“Man rechnete jeden Moment mit einem Angriff”, sagt Christoph Brüll. Aber bis Ende des Jahres 1939 geschah wenig, um das Land darauf vorzubereiten. Ein Grundsatzplan für die Evakuierung von Staatsoberhaupt und Regierung nach Frankreich wurde erst Anfang 1940 aufgestellt, wobei dies nur eine von mehreren Optionen darstellte. Die Maßnahmen für die Weiterführung der Verwaltung des Landes für den Fall, dass die Regierung dazu nicht mehr in der Lage sei, waren zum Zeitpunkt des deutschen Einfalls noch nicht in legale Formen gegossen worden. “Die Unsicherheit im Angesicht der Bedrohung war groß”, erklärt der Historiker, der noch viel Forschungsbedarf für die Zeit vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs sieht.