PATRICK VERSALL

Spät abends renne ich gerne durch die Wälder, speziell dann, wenn es aus Eimern schüttet. Dann kann ich mir ziemlich sicher sein, dass mich hinter irgendeiner Waldlichtung keine spielfreudige Bulldogge erwartet, die mich mit ihrem Spiel-Karnickel verwechselt, oder deren Herrchen, das felsenfest davon überzeugt ist, dass das Zähnefletschen des Hundes nur als eine Art Liebesbekundung interpretiert werden kann. Kurz: Wenn ich keinen Bock auf meine Mitmenschen oder aber auch Kommunalpolitiker habe, ziehe ich mich gerne an Orte zurück, wo sich Fuchs und Hase nicht nur sprichwörtlich „Gute Nacht“ sagen, um auch einmal über all den paradoxen Schwachsinn nachzudenken, über den man im Alltag stolpert. Letztens bin ich beispielsweise an einem stattlichen staatlichen Anwesen vorbei gelaufen - tolle Architektur, vor ein paar Jahrzehnten rundum restauriert -, das aber meistens leer steht. Es sei denn, es zeigt gerade ein Künstler seine Werke in einem der Räume oder eine örtliche Vereinigung organisiert ein Kammermusikkonzert, zu dem in der Regel doch einige Zuschauer sich einfinden. Nun kamen doch jüngst ein paar Musikbegeisterte Zeitgenossen auf die bemerkenswerte Idee, an eben jenem historischen Ort ein internationales Musikertreffen auf die Beine zu stellen. Dumm nur, dass die Gemeindeväter von der Idee alles andere als begeistert gewesen sind, da sie in der Veranstaltung keinen kulturellen Mehrwert sahen und demnach nicht bereit waren, auch nur einen Cent beizusteuern. Das ist prinzipiell ihr gutes Recht, denn beim Ausschütten öffentlicher Gelder soll selektiv vorgegangen werden, oder wie der eine oder andere Politiker zu sagen pflegt: Die Zeiten, in denen Euros nach dem Gießkannenprinzip verteilt wurden sind definitiv passé. Das hier angeführte Beispiel steht aber symptomatisch dafür, wie mancherorts von Gemeindeseite mit Kulturprojekten umgegangen wird. Hat nun auch der letzte Polit-Hinterwäldler erkannt, dass ein pompöser Kulturbau keine Daseinsberechtigung hat, wenn er nicht mit Leben gefüllt wird, so sollte diese Einsicht nicht missinterpretiert werden und von Politmenschen zum Anlass genommen werden, auch noch eine Karriere als künstlerischer Berater anzustreben. Nein, in so einer Gemeinde möchte man nicht leben. Richtig Kopfzerbrechen bereiten mir die fadenscheinigen Argumente, die mancherorts von Gemeindeseite benutzt werden, um sich diese scheinbar lästigen Künstler und Bohemiens vom Leibe zu halten. Das reicht von „Der kulturelle Wert des Projektes ist gleich null“ bis zu „Wenn wir das Projekt X unterstützen, sehen wir uns auch dazu gezwungen Projekt Y zu subventionieren“. Bürgermeister und Schöffen avancieren da schon mal über Nacht zu Kulturwissenschaftlern bzw. Ausstellungskommissaren, die - Daumen hoch, Daumen runter - ein Urteil über die Qualität eines Kulturprojektes fällen. Der Gemeindepolitiker, das kulturelle Multitalent schlechthin, der sich mancherorts auch noch dazu berufen fühlt, dem Volke zu diktieren, was gute Kunst ist. Und ich dachte, diese Zeiten hätten wir hinter uns. Ich glaub, ich lauf lieber noch eine Runde und warte auf den neuen Tag.