LUXEMBURG
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Es ist ein malerischer kleiner - wenn auch künstlich angelegter - Wasserfall an der Schwarzen Ernz. Das Wasser schießt in drei Strömen über eine Felskante in ein darunter liegendes Felsbassin, um dann seinen Verlauf in Richtung der Ortschaft Müllerthal fortzusetzen. Wer kennt ihn nicht, den Schiessentümpel mit der charakteristisch schmalen Steinbrücke? Jedes Schulkind, ganz gleich aus welcher Gegend des Landes, wird wenigstens einmal auf einem Ausflug ins Müllerthal dort gewesen sein.

Denn ohne Zweifel ist der Schiessentümpel das bekannte Symbol des Müllerthals, sogar ein Symbol des luxemburgischen Tourismus, weiß auch Sandra Bertholet, Geschäftsführerin des „Office régional du tourisme de la région (ORT) Müllerthal“, „mit der idyllischen selbsttragenden Brücke aus Stein und Holz, den umliegenden Felsen und der üppigen Vegetation ist der Schiessentümpel zu einem der beliebtesten Ausflugsziele in der Region Müllerthal - Kleine Luxemburger Schweiz geworden. Und dies bereits über 140 Jahre“, wie Bertholet weiß. War es doch im Jahr 1879, als mit dem Bau der markanten Brücke begonnen wurde. „Und zwar durch Jean-Pierre Prommenschenkel in Trockenmauer-Bauweise“, sagt Bertholet über das Werk von Prommenschenkel, der 1842 in Christnach zur Welt kam.

Foto: Editpress/Didier Sylvestre - Lëtzebuerger Journal
Foto: Editpress/Didier Sylvestre

Prommenschenkel, Maurer und Schnitzer

Prommenschenkel erhielt von Baukonstruktor Dondelinger aus Echternach den Auftrag, eine Brücke über den Schiessentümpel zu bauen, „die sich der Umgebung anzupassen hatte“, wie einer Festschrift von Michel Scholtes zu entnehmen ist.

Prommenschenkel habe die Pläne selbst gezeichnet und auch die Arbeiten vor Ort geleitet, die von dem damaligen „Cantonnier“ Weyland aus Christnach und seinen Arbeitern ausgeführt worden seien.

Gebaut wurde mit Dampfkalk, was bedeutet, dass der Kalk mit Wasser gemischt wurde, sodass er sich erwärmte und dampfte. Diese Masse wurde mit Sand zugedeckt, damit die Hitze nicht entweichen konnte, bis zu dem Moment, wo der Kalk zur Verarbeitung gebraucht wurde.

Prommenschenkel war nicht nur ein tüchtiger Maurer, er besaß auch große Fähigkeiten im Holzschnitzen. So finden sich auch heute noch geschnitzte und bearbeitete Teile in Steinen der Brücke, unter anderem ein Krokodilskopf, ein Schneckenhaus, ein Wiesel und Teile anderer Figuren.

1879 gelang es so erstmals, die Naturschönheit des Müllerthals durch das Anlegen eines breiten und sehr bequemen Fußweges dem reisenden Publikum zugänglich zu machen, „was auch unterschiedlichen Schriften und Dokumenten zu entnehmen ist“, sagt Bertholet. Da sei eine Staatsstraße durch das Müllerthal angelegt worden, vom Grundhof her erreichte diese Straße dann im Jahr 1880 die Brücke in Müllerthal.

Sehr frühe Reisereportagen

Bereits kurz nach dem Bau der Brücke wird die Wander- und Tourismusattraktion Müllerthal in einem Reisebericht im „Algemeen Handelsblad“ aus Amsterdam vom 30. Juli 1879 beschrieben. Drei Tage vorher beschrieb ein holländischer Journalist im „Nieuwe Amsterdamsche Courant“ das touristische Highlight wie folgt (übersetzt aus einem Beitrag von Jean-Luc Schleich): „ An der äußersten Stelle, …, hat der Fluss einen Wasserfall gebildet (Schéissendëmpel), der mit tosender Gewalt herunterfällt und über den eine schmale Steinbrücke zu einer Anhöhe führt. Hier hat man einen wunderbaren Rastplatz geschaffen, der von vielen Touristen genutzt wird, wo diese gerne verweilen möchten, bevor sie die Rückfahrt antreten.“

Die Tourismus-Väter von damals hätten schon ein gewisses Auge für die Schönheit der Region gehabt, sagt Bertholet, „sie haben erkannt, wie wichtig der Schiessentümpel für die Region ist, einen gewissen Blick für die Landschaft haben sie bewiesen.“ Die Anziehungskraft der Natur habe so vor über 140 Jahren funktioniert - „es funktioniert auch heute noch“, sagt Bertholet. „Zwar sind es nicht die Niagara-Fälle, aber immerhin. Es ist ein ‚Wander-Sehnsuchtsort‘, der begeistern kann“, so Bertholet. Nicht zuletzt gibt es in Luxemburg sicherlich noch viele Gemälde in den heimischen Wohnzimmern, die diesen Ort der Sehnsucht als Motiv aufweisen.

Über 300.000 Besucher im Jahr

Heute ist dies immer noch eine solche Stätte. „Wir wissen, dass rund 160.000 Wanderer am Schiessentümpel vorbeikommen, ist er doch eine markante Stelle auf dem Trail“, sagt Bertholet. Hier kreuzen sich die Routen 2 und 3, „was auch die Wichtigkeit für den Ort dokumentiert.“ Doch nicht nur das: „Auch im Rahmen der Rad- und Oldtimer- sowie Bustouren ist der Schiessentümpel als touristische Attraktion vermerkt“, sagt Bertholet. Man könne davon ausgehen, dass so im Jahr weit über 300.000 Besucher im Müllerthal an diesem Punkt gezählt werden könnten.

Froh ist Bertholet, dass nach den schlimmen Unwettern aus dem Jahr 2018 der Schiessentümpel und vor allem auch die Brücke nicht allzu schwer in Mitleidenschaft gezogen wurden. „Teilweise ist durch die Wassermassen der Hang abgerutscht, da waren und sind noch Wiederherstellungsmaßnahmen im Gange. Aber an der Brücke selbst ist kein Schaden entstanden.“

Nationales Kulturerbe: Schiessentümpel soll klassiert werden

Um den Schiessentümpel in Ruhe zu betrachten, gibt es zwei Möglichkeiten: „Entweder über einen kurzen Fußmarsch von knapp einem Kilometer Länge ab dem Touristcenter Heringermillen über die lokalen Wanderwege oder über einen kurzen Fußmarsch ab dem nahe gelegenen größeren Parkplatz zwischen der Ortschaft Müllerthal und der Kreuzung an der Breidweiler Brücke auf der Straße CR121. Der Parkplatz ist etwa 500 Meter vom Wasserfall entfernt. Man kann an der Straße entlang gehen oder über die Route 3 vom Müllerthal Trail Richtung Müllerthal.

Übrigens: Die Gemeinden Waldbillig und Consdorf arbeiten daran, dass der Schiessentümpel klassiert und somit dem Nationalen Kulturerbe zugerechnet wird. „Es ist eine Bauwerk, das nun bereits seit 140 Jahren existiert und immer noch Einheimische wie Touristen in seinen Bann zieht“, sagt die Bürgermeisterin von Waldbillig, Andrée Henx-Greischer, im Gespräch mit dem „Journal“, daher sei es nicht mehr als richtig, diese Stätte zu klassieren, „auch wenn es sicherlich noch etwas dauert.“

„Ganz schnell auf einen grünen Zweig kommen“

Kulturministerin will Klassierung des Schiessentümpel als Nationalmonument voran treiben

Ich denke, dass alle Kriterien des neuen Denkmalschutzgesetzes erfüllt sein dürften und dass wir ganz schnell auf einen grünen Zweig kommen werden“, meinte Kulturministerin Sam Tanson am Sonntagmorgen bei ihrer Rede zum 140. Jubiläum des Schiessentümpel im Müllerthal. Zuvor hatte Andrée Henx-Greischer, die Bürgermeisterin von Waldbillig die anwesenden Regierungsmitglieder Sam Tanson, Carole Dieschbourg (Umwelt, Klima und nachhaltige Entwicklung) und Lex Delles (Mittelstand und Tourismus) an den Antrag der Gemeinden Waldbillig und Consdorf zur Klassierung des Wahrzeichens als nationales Monument erinnert. Zu Dutzenden waren Politiker, Mandatsträger aus den Anrainergemeinden und dem Umland sowie eine Menge Einwohner des Müllerthals gekommen, um bei der Zeremonie dabei zu sein, die mit einem musikalisch umrahmten „Cortège“ ab dem Tourismuszentrum Heringermillen begann, wo übrigens den ganzen Tag über Aktivitäten stattfanden und man sich über das Erholungsgebiet Müllerthal-Kleine Luxemburger Schweiz informieren konnte, das in Europa auch wegen der Vielfalt seiner Flora und Fauna einen ganz besonderen Platz einnimmt.
Auf 256 Quadratkilometern lädt hier ein Natur- und Geopark mit ausgezeichneten Wanderwegen zum Verweilen ein. Fast 200.000 Besucher aus dem In- und Ausland kommen jährlich ins Müllerthal, das einst als verlorene Wildnis galt, in der sich selten Touristen verloren. Heute ist die dicht bewaldete Gegend mit ihren charakteristischen Felsformationen ein Aushängeschild Luxemburgs, in dem noch sehr viel Potenzial stecke, wie Tourismusminister Lex Delles unterstrich. Ein Wermutstropfen bei der Feier war die Nicht-Aufnahme in diesem Frühjahr des Natur- und Geoparks in das „UNESCO Global Geoparks“-Programm. Man habe bei diesem Prozess allerdings „enorm viel gelernt“, sagte die Kulturministerin, die nicht daran zweifelt, dass es im zweiten Anlauf klappen wird. Ein Highlight der Feier bildete die außergewöhnliche Kunstperformance von Noa Nies und Caroline Mierkes an der Brücke des „Schiessentümpel“. Die integrale Sequenz ist auf der „Journal“-Facebook-Seite zu sehen.”