FRANKFURT/MAIN
THOMAS MAIER (DPA)

Navid Kermani ist Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels

Navid Kermani und seinem Schaffen kann ein einziger Begriff gar nicht richtig gerecht werden: Der 47-Jährige ist Schriftsteller und habilitierter Orientalist. Er ist der bekannteste muslimische Intellektuelle des Landes - und als Mittler zwischen dem westlichen und nahöstlichen Kulturkreis und den Religionen hochgeschätzt. Außerdem ist er oft auch Reporter. Vor wenigen Tagen hat er die nach Deutschland führenden Flüchtlingsrouten bereist.

Am Sonntag wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt. Kermani, 1967 in Siegen geboren und dort als Sohn einer iranischer Arztfamilie aufgewachsen, mag selbst gerne den Begriff „Les-Schreiber“. Der stammt von seiner Tochter, als sie zwei Jahre alt war. Sehr treffend, findet Kermani. „Ich lese und ich schreibe.“ Und er verfügt über eine Wachheit, die ihn zu einem Solitär als Autor und moralische Instanz in Deutschland macht.

„Es geht in der Literatur darum, dem Chaos, der Zufälligkeit in der wir leben, einen Sinn zu verleihen“, ist sein Wahlspruch. Einer seiner Lieblingsschriftsteller ist der deutsche Dichter Jean Paul (1763-1825), dessen Fabulierlust schon Goethe mit „Tausendundeiner Nacht“ verglich. Ein Epos fast vergleichbaren Umfangs hat Kermani mit seinem 1.200-Seiten-Werk „Dein Name“ 2011 geliefert. Es ist eine Mischung aus Tagebuch, Erzählung und Gesellschaftsanalyse. Der seit langem in Köln lebende Kermani kann aber auch mit leichter Feder Romane schreiben wie „Große Liebe“ , in dem es um die erotischen Abenteuer eines Pubertierenden im pietistischen Siegen geht. Zugleich verknüpft er die Geschichte des Heranwachsenden originell mit der arabisch-persischen Mystik.

Katholische Kirchenkunst

In seinem jüngsten Buch „Ungläubiges Staunen“ outet sich Kermani als großer Bewunderer der Sinnlichkeit der katholischen Kirchenkunst. Evangelische Kirchentage erklärt er nebenbei zum eher unerotischen Ereignis - ein Verständnis, das ihm bei evangelischen Theologen in Rezensionen wenig Sympathien eingebracht hat. Das protestantische Milieu ist dem Kölner Kermani wohl deshalb leicht fremd, weil er das Ungeordnete und Bunte liebt, wie er meint. Seiner Kreativität sind wenig Grenzen gesetzt. Nach den New Yorker Anschlägen im September 2001 hat er über islamische und moderne Gedanken der Selbstopferung geschrieben.

Er hat auch ein Kinderbuch publiziert und dem Rockstar Neil Young in einem Buch gehuldigt. Als Reiseschriftsteller hat er bereits 1989 Syrien mit dem Rucksack bereist und war von der Gastfreundlichkeit der Menschen begeistert. Den Westen sieht er mit einer großzügigen Aufnahme der Flüchtlinge in der Pflicht - und lobt Kanzlerin Angela Merkel für ihren Mut. Er verlangt eine neue europäische Einwanderungspolitik, räumt aber ein, über keine Patentrezepte in der Flüchtlingskrise zu verfügen. Kermanis Eltern kamen 1959 aus dem Iran nach Deutschland. Der Vater, ein Arzt, sprach kein Deutsch und musste die Familie mit Nachtdiensten über Wasser halten.

Kermani selbst hat schon als Jugendlicher immer die alljährlichen TV-Übertragungen vom Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verfolgt. Dass er jetzt selbst morgen mit einer Limousine zur Auszeichnung in die Paulskirche gefahren wird, verblüfft ihn immer noch, wie er sagt. Kermani zieht eine Parallele zu Manuel Neuer, der als Knirps bei Schalke 04 in der Fankurve stand und später dort zum gefeierten Jung-Torwart wurde. Kermani selbst ist aber Anhänger des 1. FC Köln.