Wird bald schon Schluss sein mit der Spitzenposition, die sich das Großherzogtum Luxemburg über Jahrzehnte hinweg gegenüber seinen europäischen Nachbar- und Partnerstaaten in den Bereichen Lebensqualität und Sozialwesen erringen konnte? Diese Frage stand am vergangenen Mittwoch im Mittelpunkt der Überlegungen von Jean-Claude Reding, Präsident der „Chambre des Salariés Luxembourg“ (CSL), im Rahmen des Neujahrsempfanges der Berufskammer der Arbeitnehmer. Über einen resoluten Kampf gegen den internationalen Terrorismus und dessen Wurzeln hinaus müsse generell für eine gerechtere Welt, mehr soziale Absicherung und Chancengleichheit, sowie für den Respekt der sozialen Rechte aller Weltbürger gekämpft werden, so lautete die genau so einfache wie umfassende Forderung des CSL Präsidenten, der in diesem Zusammenhang eben auch festhielt, dass sich Luxemburg im Sozialbereich nicht nur gegenüber der eigenen Wirtschaftsentwicklung, sondern mit seinen Sozialleistungen im Vergleich zu anderen EU-Ländern auf einem absteigenden Gleis befinde.
So drastisch und dramatisch, wie Reding die Entwicklung der letzten Jahre glauben machen wollte, war diese doch nicht ganz, wenngleich für viele - zu viele - Familien in Luxemburg die Situation im Verlauf der letzten Jahre deutlich härter und schwieriger geworden ist, als sie es vor und während den ersten Krisenjahren gewesen war. Dass er sich als überzeugter und konsequenter Gewerkschafter nicht mit einem Sparpaket anfreunden mag, das auch von Arbeitnehmern Einbußen und Verzicht verlangt, ist gewiss nicht außergewöhnlich, besonders wenn man wissen muss, dass sich die Einkünfte der reichsten Bürger des Landes auch in den Krisenjahren deutlich besser entwickelten als die der unteren Einkommensgruppen.
Nicht genügend in Betracht gezogen wird dabei jedoch vielleicht, dass es auch in der Arbeitnehmerschaft immer noch ein wachsendes Gefälle gibt zwischen ganz oben und ganz unten. Ziemlich bezeichnend in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass die meisten Kritiken und Proteste gegen die angekündigten Sparmaßnahmen der Regierung ausgerechnet aus jenen Schichten stammen, die bislang von den Auswirkungen der Krise am wenigsten betroffen waren, wirft dann aber doch ein schiefes Licht auf Forderungen nach dem absoluten Erhalt der „Sozialrechte“ für alle Arbeitnehmer, ungeachtet ihres Vermögens- und Sozialstatus‘. Gerade innerhalb der Arbeitnehmerschaft müsste doch das Solidaritätsgefühl, das historisch in den „höheren Kreisen“ nie so recht Fuß fassen konnte, doch stärker ausgeprägt sein. Neben zahlreichen Politikern bekennt sich auch der Präsident, und mit ihm die ganze Salariatskammer, zum Prinzip, dass breite Schultern mehr Last tragen können als schmale.
Die Annäherung an den Abgrund für das luxemburgische Sozialwesen könnte nämlich durchaus von Leuten beschleunigt werden, die offenbar Probleme haben mit einer korrekten Interpretation des Begriffs der sozialen Bedürftigkeit, die sie wie selbstverständlich auch für sich in jedem Fall in Anspruch nehmen wollen, auch wenn das auf Kosten der wirklich Bedürftigen geht.


