LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Die Logistikbranche Europas tauscht sich aus - und wartet auf Lockerung

Kaum eine Branche ist im Moment so in aller Munde wie die Logistik. Dort sind Grenzen ein Hindernis. So horchten viele auf, als die EU-Innenkommissarin Ylva Johansson am Sonntag sagte, die Lage könne sich schon bald normalisieren. „Ich hoffe, dass wir nach Ostern Schritt für Schritt an den Grenzen wieder zu vollständiger Normalität zurückkommen“, sagte Johansson dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Immerhin gebe es das neuartige Coronavirus in allen Mitgliedstaaten, genauso wie Regeln zum Abstand halten. „Da machen Grenzkontrollen nicht viel Sinn“, sagte die EU-Kommissarin.

Was sie damit anspricht, ist die Crux nationaler Gesetzgebungen. Genau darum ging es diese Woche bei einer Telefonkonferenz der „Union europäischer Industrie- und Handelskammern“ (UECC), an der das „Journal“ teilnahm. Die 1949 gegründete UECC ist ein Zusammenschluss aus Industrie- und Handelskammern aus Deutschland, Frankreich, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz. Sie vertritt die Interessen von rund 2,5 Millionen europäischen Unternehmen im Einzugsgebiet von Rhein, Rhône, Donau und Alpen. Dort sind die Bedingungen jeweils sehr unterschiedlich.

„Dramatische Situation in Österreich“

UECC-Präsident Christian Moser gab einen Überblick über die Lage in seiner Heimat Österreich. Es gebe zwar einen Stillstand an neu Infizierten nach rund 12.000 Erkrankten. „Aber die Auswirkungen auf die Wirtschaft sind beträchtlich, teils dramatisch“, sagte Moser. Die Maßnahmen ähneln denen anderer Länder. So seien nur Lebensmittelläden auf. Deren Versorgung leide. „Viele Lieferketten sind unterbrochen, da fehlt es teils an Ware aus Osteuropa“, hielt Moser fest. Die Regierung habe ein großes Paket aus Stundungen, Überbrückungskrediten und der Übernahme von bis zu 75 Prozent der Unternehmensfixkosten geschnürt. Ab kommenden Dienstag komme dann die Lockerung. Doch die ist nicht einfach. Österreich hat acht Nachbarländer und Grenzen seien ein heikles Thema. „Im Güterverkehr warten Züge teilweise eine Stunde, teils mehr“, sagte Moser. Das größte Problem betreffe jedoch die Arbeitnehmerfreizügigkeit, da vor allem Tschechien für Unsicherheit sorge. „Wenn Mitarbeiter dort wohnen, kann es sein, dass sie nicht mehr zur Arbeit kommen dürfen. Die Grenzposten lesen Handys und Fahrerkarten aus und verweigern teils die Einreise. Jeder Grenzbeamte scheint seinen eigenen Kurs zu fahren“, bedauerte Moser. Auch in Richtung Italien herrsche viel Unsicherheit, vor allem im Zusammenhang mit Montagefahrten. „Wir glauben, dass europäische Lösungen gefragt sind“, insistierte der UECC- Präsident. Moser bedauerte die Abwesenheit der EU-Verkehrsministerin.

Entscheidung zur Lockerung in den Niederlanden Ende April

Auch in den Niederlanden warten alle auf eine Lockerung, wie Hartmut Rososwski von der Deutsch- Niederländischen Handelskammer in Düsseldorf berichtete. Ein Vorschlag zur Grenzschließung sei jedoch abgelehnt worden, daher seien die Grenzen weiter auf. Es gelte ein „intelligenter Shutdown“, der ein weitgehendes Kontaktverbot vorsieht, bei dem die Menschen zu Hause arbeiten. „Die Bevölkerung hält sich daran“, berichtete Rosowski. Schulen und Gewerbe seien geschlossen. Vorerst gelten die Maßnahmen bis zum 28. April. In der Woche davor werden weitere Entscheidungen erwartet. Ab Mai sind Treffen von bis zu fünf Personen erlaubt.

„In den Niederlanden ist gesamter Einzelhandel, also auch Nonfood, weiter geöffnet, aber die Frequenz ist wesentlich geringer“, hielt Rosowski fest. Verantwortlich dafür seien unter anderem Produktionseinschränkungen oder Stopps für Automobilsektor. Auch der Blumenhandel liege still und Messen seien untersagt. Der Rotterdamer Hafen, ein wichtiges Drehkreuz auch für die Schiene, erwarte einen Rückgang von 20 bis 30 Prozent. Die Verzögerung ergibt sich daraus, dass Containerschiffe sechs Wochen unterwegs sind. Die Regierung hat ein Paket über 30 Milliarden Euro geschnürt, das neben Kurzarbeit auch die Erstattung von bis zu 90 Prozent der Personalkosten je nach Umsatzausfall vorsieht. Die Niederlande arbeiten in einer Task Force, in die alle Ministerien eingebunden sind, mit Belgien und Deutschland zusammen.

Kosten wie bei der deutschen Einheit

In Deutschland bleibt bis nach Ostern erstmal alles auf Stopp. „90 Prozent der Unternehmen rechnen mit negativen Auswirkungen, 80 Prozent mit Umsatzeinbrüchen und jedes vierte immerhin mit der Halbierung des Umsatzes“, erzählt Holger Bentz von der Industrie- und Handelskammer Koblenz. Das produzierende Gewerbe sei größtenteils offen. „Aber wegen der Produktionsketten herrscht oft Stillstand.“ Die Regierung habe 1,137 Billionen Euro zur Verfügung gestellt. „Das entspricht den Kosten der deutschen Einheit“, betonte Bentz. Dennoch bliebe eine „Mittelstandlücke“ ungeklärt, die Unternehmen betrifft, die zwischen 30 und 250 Mitarbeiter haben. Im Transport stehe ein Großteil der Fahrzeuge mit Ausnahme des Baugewerbes. Manche suchten Fahrer, andere meldeten Kurzarbeit für ihre Mitarbeiter an. „Wie es weitergeht, weiß niemand. Die Bundeskanzlerin ist sehr verhalten“, resümierte er. Realistisch sie eine Lockerung Mitte Mai.

Die Lage in der Schweiz

In der Schweiz rechnet Rainer Füeg nach Ostern mit einer Entscheidung. Bislang sei die Lage außerordentlich und die Regierung könne daher Maßnahmen einfach beschließen. Derzeit sind nicht alle Grenzen offen. Sie werden kontrolliert. Grenzgänger können ins Land. Maßnahmen der Regierung und der Kantone wie Kurzarbeit und Garantien greifen und kosteten bislang für über 75.000 Unternehmen mehr als 15 Milliarden Franken. Der Flughafen läuft auf Sparflamme. Fahrverbote wurden nur da gelockert, wo es wirklich notwendig war“, hielt Füeg fest. Malik Zeniti vom Luxemburger Cluster for Logistics meint, dass die Wirtschaft hier im Land abwarte. „Unternehmen sind nervös und fragen sich, wie es weitergeht.“ Laut ihm hoffen die Unternehmen auf einen gestaffelten Start ab Mitte April. Luxemburg spreche sich mit anderen Ländern beim Vorgehen ab. Und die Krise habe einen Vorteil: „Logistik wird als systemrelevant anerkannt“, unterstrich Zeniti.

www.uecc.org