LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Pazifismus, Moral, Sittlichkeit und Gutmenschendasein. In Zeiten wie diesen klingt das alles eher nach romantischer Schwärmerei, der Imperialismus der Moral scheint gleichsam wie der naive Positivismus an Dogmatismus zu grenzen und längst in weiter, idealistischer Ferne zu schweben.

Die Erwartung an eine vollends gerechte und gewaltlose Gesellschaft endet auf dem Scheiterhaufen blinder Blauäugigkeit. Was aber, wenn man dies nun anthropologisch betrachtet und den pazifistischen Gedanken als Leitlinie der menschlichen Bestimmung versteht? In diesem Sinne wäre nicht das Resultat, hier das Erreichen eines harmonischen Zustandes das Ziel, sondern die stete Entwicklung in Richtung dieser Idee. Ist dies wirklich so überholt?

Zunächst erscheint es so, als wäre unsere Zivilisation auf dem direkten Weg sich von dem würdevollen Zusammenleben vernünftiger Wesen, fähig zum Guten und zur Solidarität, meilenweit zu entfernen. Beobachten wir die menschliche Spezies momentan in all ihrer Pracht, begegnen uns zu allen Perversitäten bereite Kämpfer und nach Vernichtung strebende selbsternannte Krieger, welche in Brutalität und Gewaltbereitschaft nicht und vor Habgier nur so strotzende Machthaber, sowie fremdenfeindliche und propagandisierende, erschreckend hasserfüllte Mitmenschen. Gemischt mit Zutaten wie monopolisierten Superkonzernen, einflussreichen, doch an Rücksicht bettelarmen Lobbies, gekrönt von weltweit modrigen und teils äußerst fragwürdigen politischen Systemen, ergibt sich ein Cocktail, dessen Explosivität der einer Bündelung aller Atombomben gleichkommen dürfte.

Wo bleibt da das Bild des seiner selbst würdigen Menschen als einem gesellschaftlichen Wesen, das dem Wunsch des guten Lebens nachzueifern sucht? Wo bleibt das Individuum oder gar die Spezies, die anstrebt, das gesellschaftliche Zusammensein durch persönliches Zutun zu einem lebenswerten und gerechten System zu machen? Ein System, das sich durch Mitglieder auszeichnet, die sehr wohl erkennen können, dass ihre Einstellung und ihr Handeln selbst den Motor zur Annäherung an die Harmonie darstellt. Mitnichten ist sich dem schwärmerischen Gedanken hinzugeben, die Erfüllung dieses Ideals wäre in greifbarer Nähe.

Doch gilt es trotz allem, sich nicht mit dem Status Quo der momentanen Zivilisation zufrieden zu geben. Der Mensch ist dazu fähig, sich an einer moralischen und gerechten Zukunftsvision zu orientieren. Die Mittel dazu stehen bereits parat, so sind dies unter anderem Erziehung, Bildung, Kommunikation und Kultur. Nein, auch dies sind keine leeren Floskeln!

Die IS zerstörte die historische Stadt Palmyra. Wieso wurde diese Aktion der Rebellen auf globaler Ebene so dermaßen verurteilt, sind doch dieses Mal keine menschlichen Leben Ziel der Anschläge gewesen? Jedem dürfte klar sein,
dass nicht die Destruktion eines Mauerwerks oder eines Steingebildes Auslöser der weltweiten Empörung war. Viel eher schockierte das Auslöschen eines historischen Guts der menschlichen Geschichte. Eines Wertes, den wir alle (!) gemeinsam als Teil unserer Entwicklung und Historie ansehen.

So kann man den Aufschrei der nach dem Mord an diesem Symbol der Menschheitsgeschichte zu vernehmen war als manifesten Beweis dafür ansehen, dass wir uns tief in unserem Innersten doch noch dem Sinn einer weltlichen Gemeinschaft gewahr wurden! Ein Beweis dafür, dass wohl doch ein Zugehörigkeitsgefühl tief in uns herrscht, das uns in dieser schweren Zeit daran erinnern soll und kann, dass wir alle, als Bewohner dieser Erde, als Mitglieder einer wertvollen Gemeinschaft, zum Zusammenhalt fähig sind. Nur durch dieses Bewusstsein kann der Weg zum verantwortungsvollen und würdigen Leben miteinander angetreten werden. So grausam das gegenwärtige Geschehen daher auch ist, die manchmal kaum zu vernehmenden, jedoch unumstritten präsenten Reaktionen darauf lassen dennoch hoffen.