LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Da war er, der Satz des Grauens, der mich zutiefst entsetzt hat und dennoch mit größtem Freudestrahlen und Stolz verkündet wurde: „Wir Männer bleiben heute länger Kind!“. Als ich den ersten Schock verdaut und alle Horrorvorstellungen, die solche Genderklischees nur wecken können, aus meinem Kopf beseitigt hatte, fühlte ich mich in der Lage, rational darüber nachzudenken, was es denn eigentlich bedeutet, erwachsen zu sein und auf der anderen Seite Kind zu bleiben.

Pure Action

Es ist eigentlich paradox. Wenn sie volljährig werden, freuen viele sich am meisten darauf, endlich alt genug zu sein, um (rechtmäßig) eine Diskothek zu besuchen und Alkohol zu konsumieren. Gleichzeitig scheint mir Feiern die Sache zu sein, die sie am ehesten mit „Kindbleiben“ in Verbindung bringen. Dabei kann es gar nicht ums Ausgehen an sich gehen, weil ein Kind das nun einmal nicht tut, sondern, auf einer höheren Abstraktionsstufe, sich amüsieren zu können und sich diese Freiheit auch zu nehmen.

Ich weiß noch, dass ich mich als Kind nie gelangweilt habe. Alles war neu, spannend und aufregend und ich konnte mich mit fast allem beschäftigen, sogar mit einer kopflosen Barbiepuppe oder einem Plüschhund namens „Pipi Max“, der Leitungswasser urinieren konnte und wenn ich kein Spielzeug zur Hand hatte, dann redete ich eben ungeniert mit mir selbst. Als Erwachsener ist man da schon etwas anspruchsvoller. Schon einige ablenkungsfreie Sekunden erscheinen uns unerträglich.

Kind ist also, wer es mit sich selbst aushält und „Spaß“ hat, ohne sich dafür anstrengen zu müssen.

Unschuldige Unwissenheit

Kind ist auch, wem heute noch Geschichten einfallen, wenn er vor einer Kiste mit Legosteinen oder Playmobilfiguren steht und der Spielwelt sowohl Leben als auch Realität zuschreibt.

Heute fühlt es sich anders an, wenn ich eine Kurzgeschichte schreibe oder ein Märchen lese. Ich sehe weniger als mit meinen Kinderaugen und meine Vernunft steht mir oftmals im Weg. Wenn ich heute „Hänsel und Gretel“ lese, dann frage ich mich, ob es unmoralisch ist, dass die böse Hexe verbrannt wird und ob das Lebkuchenhaus nicht viel mehr aus Nüssen und Obst bestehen sollte. Aber wer sich solche Fragen stellt, wer immer tiefer graben möchte und in allem eine Lehre sieht, der verdirbt sich die Lektüre, die eine gewisse Naivität und Unbefangenheit erfordert. So sehr ich es mag, Dinge in Frage zu stellen und über etwas nachzudenken, so gerne würde ich manchmal den Philosophiestudenten in mir zum Schweigen bringen und das Gefühl, dass mir alles irgendwie schon bekannt vorkommt. Was ich will, ist die alte, allumfassende Neugierde. Was ich will, ist, mir Walt Disneys „Schneewittchen“ anzusehen und dass mir das und nur das in dem Moment ausreicht. Was ich will, ist, die Liebe zu ihrem Prinzen zu verfolgen, ohne das Erlebnis automatisch auf meine eigenen Erfahrungen zu projizieren.

Normen und Alltagsregeln

Damit bin ich auch schon bei dem in meinen Augen entscheidendsten Unterschied angelangt: Wer Kind ist, darf lachen und weinen, wann immer ihm danach ist. Wer erwachsen ist aber, der schaltet seine Gefühle aus, vergräbt sie im Alltag tief in seinem Inneren und übt sich darin, einen möglichst neutralen aber dennoch freundlichen Gesichtsausdruck aufzusetzen. Das professionell-nüchterne Erwachsenengesicht eben.

Es kann natürlich sein, dass wir uns gar nicht mal anstrengen müssen, unsere Emotionen in den Hintergrund treten zu lassen, sondern dass wir einfach mit zunehmendem Alter abstumpfen. Immerhin erfreut sich ein Kind an Dingen, die es ein paar Jahre später kaum mehr beeindrucken können: Zuckerwatte, Mensch-ärgere-dich-nicht, Bescherung an Heiligabend und so weiter. All das wird nie wieder denselben Reiz haben, den es einst für uns gehabt hat. Werden wir erwachsen, wird plötzlich alles kompliziert, dann denken wir über die Kalorien in der Zuckerwatte nach oder die Personen, die an Weihnachten nicht mehr mit am Esstisch sitzen können.

Apropos Familie: Ihr und insbesondere unseren Eltern dürfen wir nicht mehr zeigen, wie wichtig sie uns sind und wie sehr wir sie brauchen, denn wir müssen ja auf eigenen Beinen stehen und dürfen nicht mit Mama und Papa gesehen werden, denn das gehört sich einfach nicht, wenn man erwachsen ist, und immerhin achten wir heute sehr darauf, was sich gehört und was nicht.

Intuitive Selbsterkenntnis

Erwachsene beugen sich Konventionen und schrecken nicht davor zurück, sich in manchen Momenten zu verstellen, um gut dazustehen, so dass sie sich am Ende spirituelle Bücher kaufen und sich selbst „suchen“ müssen. Ein Kind muss sich nicht suchen, es weiß, wer es ist und entwickelt sich nur weiter. Zumindest kann ich da für mich sprechen und behaupten, als Kind sehr genau gewusst zu haben, wie ich mir mein Leben vorstellte und welchen Beruf ich ausüben wollte. Irgendwann stellte ich diese intuitive Erkenntnis in Frage, versuchte mich in anderen Dingen und stellte fest, dass ich genau richtiggelegen habe.

Es mag sein, dass wir als Erwachsener weniger Fehltritte begehen, weil wir uns im Voraus mehr Gedanken machen und das sollte auch so sein. Nur machen wir uns hin und wieder auch das Leben schwer und sind mithin kaum noch in der Lage, Entscheidungen zu fällen.

Ja, manchmal wünschte ich, ich wäre Kind. Aber das behaupte ich in solchen Momenten des ruhigen In-mich-Gekehrtseins und nicht, wenn ich auf einer Party einen Toast ausspreche.