NORA SCHLEICH

Erlebnisparks, Erlebnisurlaub, Erlebniseinkauf... Ja, wir wollen die Superlative. Unsere Zeit ist schließlich kostbar, warum sollte man sich mit weniger zufriedengeben, als man haben kann? Normale Spielplätze? Interessiert keinen mehr. Einen Urlaub, bloß um sich zu erholen? Schnee von gestern. Und auch der Einkauf, der eigentlich das Erwerben von Gütern für den Lebensalltag meint, muss mittlerweile mit Attraktionen angereichert werden. Wieder einmal, wie jeden zweiten Donnerstag auf dieser Seite, gilt es der Frage nachzugehen: Warum und weshalb? Was soll durch den zwanghaften Erlebnisdrang zu erreichen sein? Die Idee dahinter ist vielleicht an sich gar nicht so verwerflich: Wir wollen bewusster erleben, und die Wahrnehmung unserer Erfahrungen erhöhen. Leider resultiert das mittlerweile in blinder Konsumgeilheit, die uns doch eigentlich viel weiter von dem, was wir eigentlich erzielen wollten, meilenweit abdriften lässt. Drängt sich nun nicht viel eher die Frage auf: Woher kommt diese Diskrepanz? Warum können wir mit unserem konstruierten Erlebnis nicht das wahrhaft sensationelle Erfahren erreichen, das wir uns doch so wünschen?

Genau hier scheint die Krux zu liegen. Geplante Zeit ist nun mal nicht die Zeit, die aktuell erlebt wird. Fragen wir zur Erläuterung des Verständnisses beider „Zeiten“ den französischen Philosophen Henri Bergson (1859-1941) um Rat. Laut Bergson ist unser alltägliches Verständnis von Zeit nämlich ein ganz anderes, als die eigentliche, wirkliche Zeit, in der wir leben. Wir verstehen Zeit eher als Zeitintervall, sie wird gemessen und sozusagen ‚räumlich‘ zerstückelt, damit sie durch Skalen aus Sekunden, Minuten und Stunden einen greifbaren Charakter erhält. So lässt sie sich auch wunderbar (ver)planen, mittwochs um 15.00 geht es für eine Stunde zum Basketball, samstags ab halb sechs ist das Zeitintervall „Arbeit“ abgeschlossen, und die Spanne der „Frei-Zeit“ fängt an und endet montags um neun.

Die eigentliche Zeit besteht laut Bergson aber aus einer unkategorisierbaren „Dauer“. Das, was dort erlebt wird, steht im direktem Gegensatz zu dem, was nachträglich oder von vornherein messbar ist. Die Dauer beschreibt den einmaligen Augenblick, in dem eine neue und unwiederholbare Erfahrung, die exakt aus eben einem spezifischen momentanen Kontext heraus erlebt wird. So besteht die eigentliche Zeit aus einer Unzahl ineinanderfließender Momente, die vom Subjekt erlebt und gelebt werden, und nicht durch das Subjekt konzeptuell zu Teilabschnitten verarbeitet werden. In diesem Fluss der Zeit ist gar kein Raum für Begriffe wie Vergangenheit und Gegenwart, es ist kein Platz für Gedanken an das, was einmal war oder einmal sein wird. Aufgefasst wird diese Dauer nicht von unserem Verstand, sondern durch unsere Intuition.

Bergson beschreibt diese als Art tiefes Bewusstsein, das durch die zu erlebende Zeit führt. Wir kennen es alle: Wenn ein Prüfungsergebnis aussteht, kommen einem fünf Minuten quälend lange vor. Verbringt man hingegen die Zeit mit einem geliebten Menschen, verfliegen fünf Minuten als wären es Millisekunden. Der Verstand hingegen versucht all die einzelnen Zeitintervalle wieder zu einem Ganzen zu addieren. Der Versuch dabei das eigentlich Erlebte, die Aura des Moments, einzufangen, verursacht eine Illusion der Erlebbarkeit, denn das Exemplarische des just in diesem einen Moment Erlebten kann nicht zurückbehalten werden. Wie meinte Aristoteles bereits: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“.

Im Hinblick auf die eingangs geschilderte Sucht nach sensationeller Erlebniszeit, ist es erlaubt zu behaupten, dass all die Anstrengungen, die Lebenszeit bis aufs Äußerste zu tunen, als wenig zielführend erweisen könnten. Was, wenn uns all die Gier nach erfüllter Zeit vor dem Erleben des eigentlich uns erfüllenden Moments hindert?

Vielleicht sollten wir uns trauen, den Tag nicht vom Zeitplan oder vom Aktivitätenkatalog abhängig werden zu lassen, und nur mit unserer Intuition in das Erleben einer ‚Dauer‘ eintauchen. Gut möglich, dass wir somit um einiges mehr erfahren können, als die beste Strategie eines gekrönten Event-Planers je anpreisen könnte.