Ein Geheimnis ist doch etwas Schönes! Vertraut man einem guten Freund oder einer guten Freundin etwas an, das einem am Herzen liegt, stärkt dies das gegenseitige Vertrauen; dem- oder derjenigen wird eine besondere Ehre zuteil. Warum das trotzdem mit Vorsicht zu genießen ist, möchte ich im Folgenden erläutern.

Keine Wahl

Wenn wir Verantwortung übernehmen und eine Verpflichtung eingehen, tun wir dies grundsätzlich nur nach eingehender Überlegung. Es obliegt unserer Entscheidung, diesen Schritt zu wagen oder nicht. Bei einem Geheimnis allerdings funktioniert das etwas anders. Denn wenn uns jemand etwas anvertraut, fragt er uns nicht, ob wir es auch hören wollen. Immerhin wäre das absurd, denn er braucht unsere Erlaubnis nicht, um über etwas zu sprechen, und für einen solchen Beweis der Freundschaft sollten wir dankbar sein.

Das Problem ist aber, dass er uns damit diese Verantwortung und Verpflichtung, die ich eben angesprochen habe, einfach aufbürdet, wenn er hinzufügt: „Bitte sag das nicht weiter. Behalt das für dich.“

Entgegen der Tugend

Im Grunde ist es eine moralische Zwickmühle, in die er uns hinein katapultiert. Etwas nicht verraten zu dürfen bedeutet auch, im Dienste der Geheimnisbewahrung  zu lügen, was, je nachdem, worum es geht, nicht gerade ein musterhaftes Verhalten darstellt. Die einzige Möglichkeit, dem zu entgehen, ist die, das Geheimnis eben nicht zu hüten. Das aber ist als Verrat zu werten und mindestens genauso verwerflich wie die Lüge. Streng genommen hat man auch so gelogen, denn ein gebrochenes Versprechen ist ebenfalls eine Form der Lüge.

Hinzu kommt, dass Geheimnisse häufig instrumentalisiert werden für eine Hierarchisierung der eigenen Freunde. Wenn ich nämlich einer Person das Geheimnis früher anvertraue als einer anderen, stelle ich jene damit über sie und qualifiziere sie implizit als den besseren Freund.

Außerdem werde ich als Teilhaber eines Geheimnisses in Angelegenheiten mit hineingezogen, die mich im Grunde nichts angehen. Intime und schmutzige Details in und außerhalb der Ehe zum Beispiel gehören zu den Dingen, die ich weder wissen will noch zu wissen brauche und wenn, dann befriedigt es höchstens die Sensationsgier des Voyeurs in mir und füllt meinen persönlichen Informationsfundus für Klatsch und Tratsch.

Ungeahnte Konsequenzen

Aus all diesen Gründen sind mir Geheimnisse verhasst. Sie bringen Menschen nicht zusammen, sie entfernen sie voneinander. Sie grenzen nicht nur ein, sondern auch aus und verleiten sie zudem zu nicht-tugendhaften Handlungen. Schon ihre bloß potenzielle Existenz ist die Ursache für Misstrauen und Verschwörungstheorien, sie sind die Bedingung für Überraschungspartys aber auch für Verbrechen. Es ist nicht die Freude an Geheimnissen, die dominiert, sondern die Angst vor ihnen. „Geheimnis“, behaupte ich, ist ein Euphemismus für etwas, das bewusst verschwiegen wird, für berechnendes Verhalten. Es ist das Gegenteil von Offenheit und Ehrlichkeit sowie dem nötigen Selbstvertrauen, zu sich selbst zu stehen. „Geheimnis“ klingt so magisch, so unschuldig, ist es aber nicht. Ein „geheimnisvoller“ Mann soll es sein? Ich kann mir nichts Positives darunter vorstellen.

Was überhaupt „geheim“ ist

Eine Welt ohne Geheimnisse sei nicht denkbar, wird man mir entgegnen. Es ist unmöglich, all das zu sagen, was uns im Kopf herumschwirrt. Das, was wir mit Hilfe der Sprache nach außen tragen und preisgeben, ist nur ein Bruchteil dessen, was wir denken, sorgfältig ausgewählt und gefiltert. Ob alles, was unausgesprochen bleibt, aber wirklich als Geheimnis zu werten gilt? Das ist die Frage, die man sich hierbei stellen muss. Das Geheimnis zu definieren ist nämlich gar nicht so einfach. Ich wäre beinahe geneigt, zu behaupten, nur dasjenige sei eines, das wir überhaupt nicht teilen, das überhaupt nicht nach außen getragen wird, sondern in der eigenen Gedankenwelt verweilt. Das wäre dann aber eine andere Art des Geheimnisses als die, von der ich bisher gesprochen habe, es wäre sozusagen die Vorstufe davon.

Unumgängliches Dilemma

Nun würde man sich von mir als Kolumnistin wohl erwarten, dass ich eindeutig Position beziehe und einen Vorschlag mache, wie die Probleme rund um das Pseudo-Geschenk „Geheimnis“ zu vermeiden sind. Allerdings bin ich zwiegespalten. Jeder sollte das Recht haben, sich etwas von der Seele zu sprechen und Studien scheinen zu beweisen, dass es gesundheitsschädlich sein kann, wenn einem diese Möglichkeit nicht gegeben wird. Geheimnisse können also schädlich sein, wenn sie nicht geteilt werden. Wie oben dargelegt, sind sie es aber auch, wenn sie geteilt werden. Ich kann also weder dazu aufrufen, nicht offen und ehrlich zu sein, noch, andere zu verletzen und zur Lüge anzustacheln. Alles, was wir tun können, ist, jeden Gedanken einzeln zu betrachten und abzuwägen, wie er am wenigsten Schaden anrichtet. Vielleicht lautet der Schlüssel auch Selbstdisziplin: Sich derart konzentrieren, dass viele potenziell schädliche Gedanken oder Versuchungen gar nicht erst aufkommen. Womöglich geht es nicht um den Umgang mit anderen als vielmehr um die Arbeit an sich selbst.