LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Die guten und die schlechten Seiten von Ungewissheit

Ungewissheit. Das ist etwas, unter dem nur Teenager leiden, wenn sie auf das Ergebnis der Klassenarbeit warten, oder wissen wollen, ob die Schwärmerei für den Banknachbarn erwidert wird. Erwachsene schütteln sie einfach ab. Oder etwa nicht?

Die Suche nach beständigem Glück

Es liegt in der Natur des Menschen, seine Zukunft zu antizipieren. Um glücklich zu sein, reicht ihm eine zufriedenstellende Gegenwart nicht aus. Er sucht nach beständigen Glücksgütern. Das bedeutet aber auch, dass er mit der Ungewissheit leben muss, ob er diese Güter finden wird und ob sie ihm, wenn er sie einmal hat, nicht wieder verloren gehen. Doch nicht nur das: Er strebt immerzu nach Höherem. Nichts macht ihn unglücklicher als Stagnation, als das Gefühl, nicht voranzukommen, nichts mehr erreichen zu können oder schon alles erreicht zu haben, das innerhalb seiner Möglichkeiten liegt. Ungewissheit bedeutet also auch, zu hoffen, dass dieser Moment niemals kommen wird.

Wir können, wenn wir versuchen im Moment zu leben (Stichwort: „Carpe Diem“), unsere Sorge um künftige Entwicklungen zwar für einen kurzen Moment ausschalten, die Ungewissheit über die Zukunft wird uns aber unweigerlich wieder einholen, so sehr wir uns auch darauf konditionieren wollen, uns mit der Glückseligkeit im Jetztzustand zufrieden zu geben.

Unberechenbares Schicksal

Das Problem ist, dass es Ereignisse und Entwicklungen gibt, die nicht in unserer Hand liegen. Selbst dann, wenn wir stets in die Zukunft blicken und dementsprechend zu handeln versuchen, kann uns ein ungeahnter Schicksalsschlag einen Strich durch die Rechnung machen. Die Ungewissheit ist also immer da und gehört zur „conditio humana“. Es sei denn vielleicht, wir glauben an Karma und an ein absolut gerechtes Weltsystem, das uns hinsichtlich unserer Taten immer erwartungsgemäß belohnt oder bestraft. Aber selbst dann bliebe die Ungewissheit darüber, wie die Belohnung oder Bestrafung aussehen könnte.

Doch nicht nur aufgrund der Faktoren, die außerhalb unseres Einflussbereiches liegen, ist es schwer, das Richtige in Hinblick auf unsere Zukunft zu tun. Alle möglichen Konsequenzen und Szenarien durchzuspielen, kann ermüdend, verwirrend und letztlich lähmend wirken. Einiges müssen wir auf uns zukommen lassen, einige Entscheidungen müssen wir auf ein gewisses Risiko hin treffen, weil wir uns nicht ewig damit aufhalten können, das Pro und Kontra gegeneinander abzuwägen, und weil wir nicht mathematisch berechnen können, was passieren wird. Die Welt ist zu komplex, um die Zukunft mittels Wahrscheinlichkeitsrechnungen voraussagen zu können.

Neugierde und Wissendurst

Ungewissheit muss natürlich nicht zwangsläufig etwas mit der Zukunft zu tun haben. Auch in der Gegenwart gibt es vieles, das wir nicht wissen. Beispielsweise haben wir keinen Einblick in die Gedanken und Gefühlswelt unserer Mitmenschen über die Informationen hinaus, die sie uns sprachlich mitteilen. Auch auf die großen Fragen haben wir keine Antwort: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Wie ist die Welt entstanden? Sie lassen uns nie ganz in Ruhe, wir können uns nicht damit zufriedengeben, nicht zu wissen. Wir werden nicht aufhören, nach Antworten zu suchen.

Der Mensch will wissen. Dass wir heute andere Möglichkeiten haben, auf Informationen zuzugreifen und deshalb womöglich fauler werden, uns eigenes Wissen anzueignen, bedeutet keineswegs, dass unsere Neugierde weniger geworden ist – im Gegenteil! Sind wir im Grunde nicht noch ungeduldiger, wenn es darum geht, Daten zu recherchieren und zu überprüfen? Neugierde und Wissendurst sind und bleiben ein primärer Antrieb. Wir wollen nachvollziehen können, was ist, wie es ist und warum es (so) ist. Der eine gibt sich dabei mit theoretischen Antworten zufrieden, der nächste möchte unbedingt alles praktisch ausprobieren und es am eigenen Leib erfahren…

Warum Ungewissheit nützlich sein kann

Es gibt im Grunde also zwei Arten der Ungewissheit: diejenige, die Zukunftsängste und Unsicherheiten heraufbeschwört, und diejenige, die Neugierde weckt. Zweitere erscheint uns reizvoll und inspirierend. Offene Fragen fordern uns heraus, bereichern uns. Dennoch bleibt es das Ziel, Antworten zu finden, die Ungewissheit demnach zu beseitigen, wenn sie ihren Zweck – dass einer Sache intensiv nachgegangen wird – erfüllt hat. Auch wenn die Wahrheit manchmal weh tut: Wer sie kennt, kann mit ihr abschließen. Die Bedingung ist nur, dass sich stets neue Fragen auftun. Immerhin wäre es ganz schön langweilig, wenn es absolut nichts mehr zu ergründen gäbe!

Die erste Art der Ungewissheit ist uns verhasst. Doch paradoxerweise wollen wir gerade sie nicht unbedingt beseitigen. Denn wer würde es schon bevorzugen, seine gesamte Zukunft zu kennen? Angenommen, das wäre überhaupt möglich, würde ihn die Vorhersage aller künftigen Ereignisse seines Lebens zu einer Marionette, einem passiven Beobachter machen und ihm sämtliche Möglichkeiten der aktiven Mit- und Selbstbestimmung nehmen.

Letztlich hat also wohl auch diese Art der Ungewissheit irgendwie ihr Gutes. Sie gibt uns das Gefühl von Handlungsfreiheit und -spielraum sowie den Optimismus, etwas bewirken und verändern zu können, wenn wir genügend Kräfte mobilisieren. Durch sie ist das Leben anstrengender, aber auch spannender und womöglich erfüllender. Und ohne sie gäbe es keine Überraschungen – auch nicht im positiven Sinne!