CORTE FRANCA/ISEO
PATRICK WELTER

Schwimmende Legenden: Riva-Boote - Edles Holz und feinste Handarbeit beim Restaurator - Einblicke in eine Privatsammlung

Sind wir hier richtig? Nachdem wir über eine Stunde durch das unendliche Industriegebiet rund um Mailand gefahren sind, konnte man hinter Bergamo endlich das Alpenvorland und das schöne Italien erahnen. Jetzt sind wir schon wieder in einem Industriegebiet, nicht als gesichtslose Industriehallen, aber das „Navi“ führt uns immer wieder zur selben Halle zurück. An der Front steht zwar der magische Schriftzug, doch kann das wirklich sein? Eine junge Frau winkt uns zu, sie scheint unsere ratlosen Gesichter gesehen zu haben. „Ciao, ich bin Martina, wir haben telefoniert.“

Also doch, hinter dieser grauen Fassade verbirgt sich die wirklich einzigartige Sammlung der schönsten und vor allem edelsten Motorboote, die bis heute in Italien gebaut wurden - die Mahagoni-Boote von Carlo Riva. Namen wie „Florida“, „Ariston“, „Tritone“ und „Aquarama“ stehen für klassische Eleganz und eine ganz besondere Art von Luxus. Vor allem ist aber jedes Boot ein Denkmal italienischer Handwerkskunst.

Bootsbaulegende

Bevor jetzt das Schwärmen weiter geht, sollte eine Erklärung für alle erfolgen, die in Sachen Boote nicht ganz so verrückt sind wie der Chronist. „Riva“ ist eine Werft am Lago d’Iseo, in der schon vor dem Krieg Sportboote gebaut wurden.

Nach dem Krieg legte der Firmenjunior Carlo Riva (1922 -2017) richtig los und schon Mitte der 1950er waren seine Boote ein Synonym für Luxus. Wir kennen alle die Bilder von Brigitte Bardot auf einer Riva vor St. Tropez, von Gracia Patricia mit der Riva im Hafen von Monte Carlo oder von sportliche Filmsternchen auf Wasser-Ski vor der Kulisse von Cannes. Vor allem steht Riva für die stilvollste Art die oberitalienischen und Schweizer Seen zu durchkreuzen. „Kreuzen“, das ist die Hauptaufgabe einer Riva, fahren, aus Spaß am Fahren, man kann auf ihr sonnenbaden, sie als Badeplattform benutzen und natürlich Wasserski laufen. Die bis zu acht Meter langen Boote sind „Runabouts“- eigentlich der einfachste Sportboottyp. Schon am Kaffeekochen hapert es, übernachten auf dem Deck geht natürlich, aber außer einen winzigen Schlupfkabine bei den größeren Typen gibt es wenig Praktisches an Bord. Auch eine Art von Luxus. Wohlgemerkt, wir sprechen von klassischen Rivas. Heute baut auch die Riva-Werft in Sarnico, aus der Carlo Riva schon in den 1970ern ausschied, große Kajütboote und geräumige Yachten mit allem Komfort - aus Fiberglas. Für Kenner gibt es für eine richtige Riva aber nur einen Werkstoff - Mahagoni.

Um den Stellenwert alter Rivas klar zu machen, lohnt vielleicht der Vergleich mit Rolls-Royce oder Bentley. Obwohl unfassbar teuer, werden diese Autos irgendwann mal für Otto Normalbürger erschwinglich, in Internetbörsen sind etliche „Silver Shadow“ oder „Bentley T1“ für um die 20.000 Euro zu haben, jenseits des Kanals für noch weniger. Eine klassische Riva, egal wie alt und mürbe sie ist, wird fast immer zu einem sechsstelligen Betrag gehandelt werden. Kurzer Blick ins Internet: Eine kleine „Ariston“, Baujahr 1961 für 120.000 britische Pfund, eine größere zweimotorige „Tritone“ Baujahr 1958 für 325.000 britische Pfund.

Quality first!

Jetzt sind wir also hier in Corte Franca, ein paar Kilometer vor dem Iseo-See. Martina öffnet eine der Eisentüren und nach dem Eintreten umfängt uns als erstes der Geruch von Holzspänen und Lack. Nebenan brummt ein Schleifgerät, vor uns liegen ein halbes Dutzend Bootsrümpfe in verschiedenen Restaurierungsstadien. Jetzt sind wir in der Restaurierungswerkstatt, nicht von Riva, sondern von Bellini-Nautica. Wer heute eine klassische Riva im Neuzustand erwerben will, ist hier richtig, sollte aber mindestens 250.000 Euro für den Ankauf bereit haben. Natürlich renoviert Bellini auch im Kundenauftrag.

In der Werkstatt gibt es keinerlei Hektik, die sieben Angestellten kümmern sich mit Hingabe. An der Wand lehnen unscheinbare Bretter oder besser gesagt Planken - Mahagoni aus Honduras. Jeder Rumpf wird aus drei Lagen Mahagoni auf den alten Spanten aufgebaut. Schraub- und Dübellöcher werden mit kleinen Mahagoniblättchen verschlossen und danach muss die Schleifmaschine schleifen, und schleifen und schleifen. Auf meine Frage, ob ein glänzender Bootsrumpf, der direkt neben uns steht, schon fertig ist, schüttelt Martina den Kopf. „Da sind erst zehn Schichten Lack drauf, die wurden mit dem Pinsel aufgetragen, jetzt folgen noch zwanzig (!) Schichten Lack mit der Sprühpistole…“ Macht dreißig Schichten.

Die Motoren, in der Regel Achtzylinder aus dem GM-Regal, werden zur Überholung in Fachwerkstätten gegeben. Schon bei der Werksauslieferung konnte man zwischen verschiedenen Leistungsstufen wählen. Aktuell bietet Bellini mit der „Aquarama Special“ die höchste Leistungsstufe von zweimal 350 PS an - 50 Knoten sind dann kein Problem mehr. Während die Motoren (fast) alle Massenware sind, ist alles andere an einer Riva vom feinsten. Nicht nur beim Holz, auch bei der Polsterung, dem Chrom und den Instrumenten. Legendär ist die Sonnenliege über dem Motorraum der größeren Modelle in weißem oder türkisem Leder. Es wundert nicht, dass die Renovierung einer Mahagoni-Riva rund neun Monate dauert.

Heilige Hallen des Bootsbaus

„Lassen sie uns nach oben gehen“ fordert uns Martina auf. Ein einfaches Treppenhaus mit alten Riva-Plakaten und dann eine schmucklose Industrieetage mit abgehängten Fenstern. Boden, Decke und Wände einfach weiß - mittendrin ein Dutzend der schönsten Mahagoni-Boote von Carlo Riva. Jeweils ein Exemplar (fast) aller Baureihen. Das ist kein Showroom, sondern die private Bellini-Sammlung. Eine Skulpturensammlung, die schwimmen kann. Es erinnert irgendwie an den superreichen Sammler, der seine Monets und Picassos nur ganz alleine für sich haben will - in einem kahlen Raum.

Die Bellini-Sammlung ist nicht wirklich geheim, sie wird auf der Internetseite der Firma sogar beschrieben, aber es verlangt nach Ausdauer und Findigkeit, bis man telefonisch einen der handverlesenen Besichtigungstermine erhält. Alles ist auf die Boote konzentriert. Kein Merchandising kein Catering, nicht mal ein Kaffeeautomat. Riva und sonst nichts.

Ferruccios Sonderwunsch an Carlo Riva

Mittendrin, von vorne kaum von einer anderen „Aquarama“ zu unterscheiden, steht der Heilige Gral aller Riva-Verrückten: Das Privatboot von Ferruccio Lamborghini, das nicht nur „Lamborghini“ heißt, sondern - wie könnte es anders sein - von zwei Lamborghini-Zwölfzylindermotoren angetrieben wird. Nach einer Instandsetzung mit anderen Lamborghini-Motoren als bei der Auslieferung 1968 bestückt. Schätzpreis: 3,5 bis vier Millionen Euro. Nur wird Familie Bellini bestimmt nicht verkaufen wollen.

Eine Mahagoni-Riva ist ein Luxus, den sich kaum jemand leisten kann, aber sie ist immer ein ästhetisches Fest. Es stimmt, was Jeremy Clarkson in einer alten „Topgear“-Folge sagte: „The most beautiful thing in the world.“