Die vergangene Woche war für Luxemburg alles andere als ein Zuckerschlecken. Schwerste Bedenken wurden - keineswegs zu Unrecht - geäußert über die Befindlichkeit des Rechtsstaates, der immerhin die elementare Basis liefert für unser gesellschaftliches, politisches, soziales und wirtschaftliches Zusammenleben. Und ausgerechnet in diese aufgeladene Stimmung hinein erschallt der Aufruf, über die derzeitigen Unstimmigkeiten hinweg nicht die Vorbereitung unserer (gemeinsamen) Zukunft zu vergessen.
Diesen Appell hat der Chefvolkswirt der Handelskammer losgelassen, der damit zwar zum Wiederholungstäter wird, gleichzeitig aber Tugenden wie Verantwortlichkeit und Pflichtbewusstsein offenbart, die augenscheinlich immer seltener werden und sogar befremdend wirken in einem (politischen) Umfeld, das so mit sich selbst beschäftigt erscheint, als dass es für wesentliche Anliegen, die das Land und seine Bevölkerung direkt betreffen, überhaupt noch zugänglich wäre.
Weil mittlerweile offenbar Parteiräson vor Staatsräson zu herrschen hat, erscheint der Aufruf von Carlo Thelen weder sachlich noch zeitlich fehl am Platze. Es könnte - und wir setzen hier sehr bewusst das Konjunktiv, weil Offensichtliches in Luxemburg anscheinend immer länger braucht als anderswo, um als solches erkannt zu werden - sogar sehr gutes Timing sein, gerade zu einem Zeitpunkt der extremen staatsrechtlichen Bedrohung, auch an die wirtschaftliche und soziale Fragilität zu erinnern, mit der sich Luxemburg immer mehr und immer öfter konfrontiert sieht. Als Wiederholungstäter braucht sich der Mann von der Handelskammer übrigens keineswegs allein oder gar einsam zu fühlen. Er genießt mit seinen Einwänden und Bedenken die Gesellschaft von Beobachtern wie der EU-Kommission, der OECD oder des IWF, die dem Großherzogtum zwar gleich lautend immer noch eine relativ günstige Lage bescheinigen, dafür aber, von Jahr zu Jahr eindringlicher, genau so konsequent Veränderungen anmahnen, die nicht unbedingt einfacher werden dürften, je länger man sie offenbar hinauszögern will. Luxemburg krankt ganz eindeutig daran, dass es zu sehr mit der Verwaltung und - elektoralen - Abschirmung des derzeitigen Wohlstandes beschäftigt ist, als dass es überhaupt noch fähig wäre, die Grundlagen für zukünftige Entwicklungen zu planen und zu schaffen. Dabei sind, wie es auch Carlo Thelen unterstreicht, die Voraussetzungen gar nicht mal so schlecht, neue Wachstumspotenziale zu entwickeln, wenn sich alte als nicht unbedingt zukunftsresistent erweisen, die wir zudem auch weitestgehend identifiziert haben. Stichworte sind, neben Diversifizierung der Finanzaktivitäten, auch Innovation, Informations- und Biotechnologie, Logistik...
Juncker und Frieden haben, mit Unterstützung der Kollegen von der roten Fakultät ihre Haut gerettet. Die Rettung und Sicherung des Landes aber überlassen sie mehr und mehr anderen, die weniger von sich selbst als vielmehr von der Notwendigkeit zu unverzüglichem und energischem Handeln überzeugt sind. Stolpersteine sind nicht geeignet für den Bau der sicheren Wege, die man Luxemburg immer noch vorgaukeln will.


