LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Pestizide: Drastische Anhebung des Grenzwerts - Wasserschutzzonen fehlen seit 20 Jahren

Man muss dem Bauern, der seinen Anhänger mit 6.000 Litern Metazachlor vor einigen Wochen am belgischen Sauerufer umgeschmissen hat, richtig dankbar sein. Ohne diesen vergleichsweise kleinen Unfall wäre die mittlerweile nachgewiesene Grundbelastung der luxemburgischen Trinkwasserressourcen niemals so deutlich an die Öffentlichkeit gekommen. Genauso wenig haben die Bürger des Großherzogtums realisiert, dass die CSV-geführten Regierungen eine EU-Direktive von 1993 zur Schaffung von Wasserschutzgebieten 20 Jahre lang ignoriert haben.

Umweltministerin Carole Dieschbourg und Staatssekretär Camille Gira (beide „déi gréng“) haben nun alle Hände voll zu tun, dass jahrelang ignorierte Problem aus der Welt zu schaffen. Korrekt ist, dass das Trinkwasser durch die nachgewiesenen Pflanzenschutzmittel nicht toxisch belastet, also für den Menschen ungiftig, ist. Wasser kann also unbedenklich getrunken und genutzt werden. So weit, so schlecht. Jubelrufe, dass das Trinkwasser in Ordnung ist, überdecken das Problem. Dies wurde gestern auf einer gemeinsamen Pressekonferenz der beiden Politiker mit dem stellvertretenden Direktor des Wasserwirtschaftsamtes Luc Zwank deutlich.

Bis zu 14 Jahre Verweildauer im Grundwasser

Nur ein Beispiel: Metazachlor wird nur auf vier Prozent der landwirtschaftlichen Fläche ausgebracht, da es speziell beim Rapsanbau eingesetzt wird. Andererseits steht es aber, nach den neusten Untersuchungsergebnissen, zusammen mit seinen Abbauprodukten quantitativ an der Spitze der im Grundwasser nachgewiesenen Pestizide - eine Erkenntnis die selbst die Experten überraschte. Die Verweildauer derartiger Stoffe im Wasserreservoir des Luxemburger Sandsteins liegt zwischen sieben und vierzehn Jahren.

Am Obersauer-Stausee stellt sich die Situation so dar, dass das Seewasser rund 170 ng/l (Nanogramm pro Liter) enthält, im daraus gewonnen und gereinigten Trinkwasser liegt der Wert noch bei 30 bis 40 ng/l.

In 33 Prozent der Proben wurde der bisher gültige Grenzwert überschritten

Formaljuristisch sind die Gemeinden in der Pflicht die Qualität des Trinkwassers zu überprüfen, eine Aufgabe der sie in der aktuellen Krise bereitwillig nachgekommen sind. Rund 130 Proben wurden durch 49 Kommunen und sieben Syndikate eingereicht. Insgesamt wurden 16 verschiedene Pestizide bzw. deren Bestandteile im Wasser nachgewiesen. Dabei wurde festgestellt, dass in 75 Prozent der Proben mindestens ein Pestizid nachgewiesen werden konnte und in 33 Prozent der Fälle wurde mindestens ein Pestizid entdeckt, das den Grenzwert von 100 ng/l überschreitet.

In der Folge wurden in neun Gemeinden einzelne Quellen vom Netz genommen, dabei handelt es sich um Contern, Grosbous, Kehlen, Luxemburg, Manternach, Niederanven, Schengen, Vianden, Wintger. In Diekirch, Fischbach und Schüttringen musste das Trinkwasser gemischt werden, um den Vorschriften zu entsprechen.

In anderen Gemeinden blieb nur der Verwaltungsweg, um die Trinkwasserversorgung sicher zu stellen. Den Trinkwassersyndikaten SES (Syndicat des Eaux du Sud) und SER (Syndicat d’eau de Remich) sowie den Gemeinden Bech, Befort (Dillingen/Grundhof), Grevenmacher und Manternach (einzelne Häuser in Münchecker), Lintgen, Nommern (Glabach-Cruchten), Preizerdaul (Horas), Reisdorf, Waldbillig (Savelborn-Freckeisen) und Weiler-la-Tour wurde eine Ausnahmegenehmigung erteilt und der Grenzwert, der ansonsten bei 100 ng/l liegt, auf 3.000 (!) ng/l angehoben.

Grundsätzliche Lösung gesucht

Auf politischer Ebene, wie die Ministerin meinte, wurde nun eine interministerielle „Taskforce“ eingerichtet, um eine langfristige Lösung zu finden. Dabei wird die Landwirtschaft direkt mit einbezogen. In drei Arbeitsgruppen geht es um eine nachhaltige Reduzierung des Pestizideinsatzes, um ländliche Entwicklung und um den Schutz des Wassers.

Die Regierung wird umgehend in den Bereichen SES, SIDERE und Junglinster drei Wasserschutzgebiete ausweisen, zehn weitere sind in der administrativen Vorbereitung.