LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Kapuzinertheater: „[ungefähr gleich]“ lebt vom außerordentlichen Spiel seiner Darsteller

Das Stück beginnt als One-Man-Show vor dem Vorhang, gewinnt aber schnell an Fahrt, sobald dieser fällt, und geht schließlich in eine wechselstimmige Spritztour über. In „[ungefähr gleich]“ von Autor Jonas Hassen Khemiri in einer Inszenierung von Stefan Maurer lernt der Zuschauer Schlag auf Schlag unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Geschichten kennen, die doch eines verbindet: das Geld. Oder das Nicht-Geld. Jedenfalls der Gedanken, der sich ums Geld dreht. Wir befinden uns im Heute, in einer Welt, die nun einmal vom Geld bestimmt wird. Gleich am Anfang machen wir einen Zeitsprung ins Jahr 1828. Oder vielmehr springt die Zeit in Person eines gewissen Van Houten zu uns. Fasziniert vom „Van Houten Theorem“ rechnet Mani (Sebastian Herrmann), Universitätsdozent für Wirtschaftsgeschichte, vor, wie viel das Publikum gemeinsam für diesen Theaterabend gezahlt hat, nämlich 200 mal 20 Euro, woraus er schließt, dass die Zuschauer Unterhaltung im Wert von 4.000 Euro erwarten. Kann man das wirklich messen? Das ist eine der vielen Fragen, mit denen die Menschen in den roten Theatersesseln des Kapuzinertheaters an diesem Abend konfrontiert werden.

Fünf Schicksale, ein Gedanken

Das Stück beginnt humorvoll und interaktiv. Auch Peter (Raoul Schlechter) richtet sich direkt an die Zuschauer. Er ist obdachlos und fragt nach Kleingeld. Es ist ein Spiel, das er beherrscht, bei dem er nichts dem Zufall überlässt. Dann taucht Andreij auf (Konstantin Bühler), ein junger Mann voller Tatendrang, mit großen Zielen oder vielmehr Illusionen, überzeugt davon, es nach seiner Ausbildung zu etwas zu bringen. Jeder der Protagonisten erwartet sich vom Geld die große Freiheit, allerdings stellt sich bald die Frage, ob Geld wirklich frei macht. Oder ist man doch erst frei, wenn man frei vom Geld ist? Andreij jedenfalls wird allzu schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, als er erkennen muss, dass man im Jobcenter zwar auf einen Typen wie ihn gewartet hat - Abitur, Diplom, lupenreiner Lebenslauf -, trotzdem aber keine passende Arbeit anbieten kann. Er schreibt Bewerbungen. Viele Bewerbungen. Und noch mehr Bewerbungen. Jedes Mal ist ein Euro für die Briefmarke fällig. Ein teurer Spaß, der ihn samt seiner geplatzten Träume zum Kiosk führt, wo Martina (Catherine Janke) arbeitet. Sie träumt noch. Vom eigenen Biobauernhof und Gemüse, ganz viel Gemüse.

Große Träume, tiefe Stürze

Derweil Andreij seine Erwartungen runterschraubt, ist Martina von diesem Schritt noch weit entfernt, wie nicht zuletzt ihre innere Stimme (Nora Koenig) verdeutlicht, mit der sie immer wieder aneinander gerät. Am Ende findet Andreij als Aushilfe einen Job im Tabakladen, weil Freja (Petra Förster), die wir erst am Ende kennenlernen, entlassen wurde, nachdem Martina sie beim Chef als Diebin bezichtigt hatte, obwohl sie selbst für die leeren Kassen verantwortlich ist. „Ökonomische Umverteilung“, nennt sie das. Das Leben ist ungerecht. Der eine hat alles, der andere nichts. Und der Zuschauer erfährt, wie Menschen vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Ordnungen und Systeme im richtigen Leben handeln.

Kaum Requisiten, minimalistisches Bühnenbild

Das Stück kommt ohne Requisiten aus, zumindest fast. Zwei Bürostühle, eine Murmel, Stifte, ein paar Plastikflaschen. Das war’s. Auch das Bühnenbild kommt beinahe ohne Bühnenbild aus und bietet doch alles, was es für dieses Stück braucht. „Minimalistisch“ könnte man es bezeichnen, wie ein kleiner Kosmos, eine Art Bewusstseinsblase. Breite Papierstreifen hängen halbkreisförmig angerichtet von der Decke. Dazu ein paar wenige Lichteffekte, manchmal kurze Musikeinspielungen. Das Wechselspiel zwischen realen Menschen und Gedankenwelten, schnelle Szenensprünge und Tempo- wie Stimmungswechsel zeichnen diese außerordentliche Inszenierung aus.

Brillante Schauspieler

Das Stück lebt von seinen Darstellern, deren Leistung man ausdrücklich loben muss. Sie bieten ein brillantes Spiel, das sie konsequent über zweieinhalb Stunden durchziehen. Gekonnt springen sie von einer Szene in die Nächste, fungieren mal als Hauptprotagonisten, mal als Nebenfiguren, ohne dass der Zuschauer dadurch verwirrt würde, raschen Kostümwechseln sei Dank. Auch wenn Pausen in Theaterstücken nicht immer förderlich sind, weil sie den Zuschauer aus dem Geschehen reißen, gönnt man sie in diesem Fall doch den Schauspielern. Die Verschnaufpause benötigen sie dringender als das Publikum, das zwar ebenfalls gefordert, zu keinem Moment aber überfordert ist.

Insbesondere der erste Teil ist recht spritzig und schwungvoll, mit flotten kurzweiligen Szenen, beziehungsweise schnellen Durchläufen und nur wenigen kaum nennenswerten Längen. Im zweiten Teil erleben wir traurige Momente, die berühren, temperamentvolle Ausbrüche, die sich oft nur in Gedanken abspielen, und groteske Szenen, die auflachen lassen. Und immer wieder treibt der Autor sein Fragespielchen, ohne aber Antworten zu liefern: Wann ist man eigentlich arm? Und gibt es doch stets andere, denen es noch schlechter geht? Am Ende weiß man nicht einmal, wer die tragischste Figur ist oder ob es nicht vielleicht doch Gewinner gibt. Das sollte man als Zuschauer einfach selbst beurteilen. „[ungefähr gleich]“ wird noch an zwei Abenden gespielt.


Tickets für die Vorstellungen am 4. und 5. Oktober um 20.00 unter www.theatres.lu