Vorbilder führen uns durchs Leben und leiten uns durch die dunklen Tage der Existenz. So seicht und abgestanden diese Aussage sich anhören mag, so ist doch keineswegs von der Hand zu weisen, dass Identifikationsfiguren scheinbar nicht aus der Mode kommen.

War es zu Zeiten des Stürmer und Drängers Johann Wolfgang von Goethe die Romanfigur Werther, die von der Leserschaft als Identifikationsfigur auserkoren wurde, so haben sich sowohl die Zeiten als auch die Geschmäcker, im Zuge der Popularisierung der Kultur und zunehmenden Mediatisierung der Gesellschaft verändert.

Liefen unsere Großväter und -mütter noch Sturm, weil sich unsere Eltern an den britischen „Wilden“ wie einem rollenden Stein Mick Jagger orientierten, so gehören die Koryphäen der ehemaligen Gegenkultur heute längst zum Establishment, das sie vor gefühlten Jahrhunderten aktiv mit ihrer Kunst bekämpften. Nun haben literarische Figuren schon lange als Identifikationsfiguren ausgedient - Lisbeth Salander und Harry Potter stellen womöglich die berühmt-berüchtigte Ausnahme dar. Und Rockmusiker bedienen in Zeiten der Lebensmittelskandale und des Klimawandels nicht mehr die gängigen Klischees . Statt Marihuana werden heute Mentholglimmstängel geraucht, die protzige C02- Schleuder aus Italien musste dem hybriden Familien-Van aus dem Land der aufgehenden Sonne weichen. Wobei der eine oder andere Erziehungsberechtigte es gerne sehen würde, wenn die Tochterfrau oder der Sohnemann sich einen political-korrekten Populärkünstler zur Identifikationsfigur auswählen würde. Kunstschaffende teilen sich heute mehr denn je den Rolle der Identifikationsfigur für junge Menschen mit Hochleistungssportlern. Dass deren Tugenden oftmals schrumpfen, je mehr Nullen hinter dem Betrag des Nettogehalt-Betrags stehen, ist ja keine bahnbrechende Neuigkeit. Was jedoch, wenn Identifikationsfiguren zu Sinnbildern moderner Hypokrisie-Mechanismen werden, sie der Öffentlichkeit ein X für ein U vormachen? Unter Tränen wird die Treue zum Arbeitgeber beschworen, während der Bruch mit diesem bereits beschlossene Sache ist.

Der deutsche Fußballnationalspieler und angehende Superstar Mario Götze aus Dortmund hat mit seinem vor wenigen Tagen verkündeten, durchaus spektakulären Transfer zum deutschen Rekordmeister Bayern München ein weiteres Mal unter Beweis gestellt, dass Verträge die Tinte nicht mehr wert sind, mit denen sie aufgesetzt wurden. Nun wäre es falsch, den jungen Sportler als Buhmann einer zunehmend verlogenen Sportwelt auszumachen.

Dennoch senden sie mit ihren Wechselspielchen das falsche Signal an jene, denen sie als Identifikationsfigur diene sollen: Seht her, Verträge sind da, um gebrochen zu werden. Was im Big Business des Sports zwecks ausgeklügelter Ausstiegsklauseln und juristischer Schlupflöcher durchführbar ist, ist im wahren Leben oftmals null und nichtig. Dessen sollen sich junge Menschen vielleicht bewusst sein, wenn sie sich demnächst ihre Identifikationsfigur an die Wand ihre Bude pappen.