LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Neue Rehaklinik soll Bedürfnissen der Patienten Rechnung tragen

Die Psychiatrie hat hierzulande eine bewegte Geschichte durchlebt. Der Ausdruck, „dee gehéiert op Ettelbréck“, hat weniger mit der Nordstadt an sich zu tun, als vielmehr mit dem dortigen „Centre Hospitalier Neuro-Psychiatrique“ (CHNP). Das Klischee „Geckenhaus“ haftet insbesondere dem 1968 in Betrieb genommenen achtstöckigen Hochhaus, auch noch „Building“ genannt, hartnäckig an. Bezüglich der Psychiatrie im Allgemeinen hat sich ein gewisser Sinneswandel bemerkbar gemacht.

Dies hängt letztlich mit dem Betreuungskonzept zusammen, das sich ebenfalls stark verändert hat. Dieses Konzept soll nun mit dem Bau einer neuen, modernen Rehaklinik am gleichen Standort auch architektonisch umgesetzt werden. Gestern wurde das Projekt vorgestellt.

Weg mit dem „Beton in den Köpfen“

„Die Mission des CHNP hat in den vergangenen Jahren ein deutliches Gesicht bekommen, nun gilt es die Gebäude daran anzupassen“, bemerkte Gesundheitsministerin Lydia Mutsch. Das „Building“ stehe zu sehr für eine repressive Psychiatrie, „wie wir sie heute nicht mehr wollen“, und werde deshalb aufgegeben. Die Architektur der neuen Rehaklinik sei hingegen spezifisch auf die Bedürfnisse der Patienten zugeschnitten, sagte die Ministerin. „Einerseits geht es wohl um das Beton in den Mauern, andererseits aber auch um das Beton in den Köpfen. Der Standort Ettelbrück ist immer noch extrem stigmatisiert“, bedauerte CHNP-Direktor Marc Graas. Dabei habe sich hinter den Mauern der Psychiatrie bereits sehr viel getan. „Wir nehmen jeden Patienten in seinem individuellen Empfinden wahr und bieten ihm eine auf ihn zugeschnittene Betreuung und einen spezifischen therapeutischen Plan“, betonte der Direktor.

Rehabilitation in Wohngemeinschaften

Nach langen Überlegungen sei man zu dem Schluss gekommen, die neue Struktur nicht auszulagern. Auf einem Areal von 3,4 Hektar in unmittelbarer Nähe zum momentanen „Building“ sind kleine Pavillons geplant: Wohngemeinschaften für jeweils zwei Gruppen von acht Patienten. Insgesamt sollen am Ende 154 Krankenhausbetten zur Verfügung stehen, davon 52 für Langzeitpatienten. Was die genaue Planung anbelangt, so soll spätestens bis Mai 2015 ein Architekt gefunden sein, bis Juni eine Machbarkeitsstudie vorliegen, und Anfang 2016 der Kostenpunkt bekannt sein. Die Bagger werden voraussichtlich 2017 anrollen. 2020 könnte dann der Umzug erfolgen.

Düstere Kapitel

Letztendlich gehe es darum, „einer Institution, die es schon lange gibt, eine zeitgemäße Nase zu geben“, betonte Mutsch. Die Geschichte der Einrichtung geht übrigens auf das 19. Jahrhundert zurück und enthält so manches düstere Kapitel. „In Ettelbrück wurde lange Jahre eine Mischung aus Menschen untergebracht, die niemand haben wollte, seien es Sträflinge, alte Personen, Bettler, Behinderte oder junge Mütter“, erwähnte die Ministerin. Die Zustände seien unhaltbar gewesen. 1958 seien 1.000 Patienten dort untergebracht gewesen, um die sich lediglich drei Psychiater kümmerten. Die Betreuungsmöglichkeiten waren begrenzt. Bis 1998 stand das heutige CHNP unter staatlicher Verwaltung, demnach wurden alle Entscheidungen im Gesundheitsministerium getroffen, dann erst wurde der Institution das Statut „établissement public de droit privé“ verliehen. „Das war eine große Chance für dieses Haus, aus dem ein privatrechtlicher Betrieb wurde, der sich einen Verwaltungsrat geben konnte“, bemerkte Fons Mangen, Präsident des Verwaltungsrats. Ein wichtiger Schritt sei schließlich die stufenweise Dezentralisierung gewesen und der Ausbau der ambulanten Behandlungsmöglichkeiten.

„Building“ wird nicht abgerissen

Das Hochhaus, das in Staatsbesitz ist, wird aller Wahrscheinlichkeit nach nicht abgerissen, sondern einer neuen Bestimmung zugeführt. Eventuell wird es in einen Wohnkomplex umgewandelt. „Es laufen bereits Gespräche mit dem Infrastrukturminister und der Wohnungsbauministerin“, sagte Mutsch. Konkret sei aber noch nichts.