GANSBAAI
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Vom sogenannten Washingtoner Artenschutzübereinkommen Cites wird der Weiße Hai bereits als gefährdete Art geführt

Nachdenklich blickt Michael Rutzen von seinem Boot aus übers Meer. Seit 20 Jahren taucht er vor Südafrika mit Weißen Haien. In unmittelbarer Nähe des Küstenortes Gansbaai waren sie fast immer leicht zu finden - seinen Kunden konnte er eine Begegnung daher praktisch garantieren. Nun aber dümpelt Rutzen bloß herum. Schließlich ruft er einen Kollegen an, der seit Stunden Ausschau hält. „Hier ist nichts“, sagt er dann zu seiner Crew. „Wir fahren weiter.“

Gemeinsam mit der Meeresbiologin Sara Andreotti hat der Hai-Taucher das Problem inzwischen auch wissenschaftlich unter die Lupe genommen. Das Ergebnis ihrer Studie ist erschreckend: Die Weißen Haie vor Südafrika sind offenbar auf bestem Wege, zu einer aussterbenden Art zu werden.
Nebenbei leidet auch die örtliche Wirtschaft.

Um Rutzen herum schwimmen etliche weitere Ausflugsboote, die Touristen zum Käfigtauchen herausgebracht haben. Mit Fischblut und Fischöl wird versucht, die Haie anzulocken. Vor nicht allzu langer Zeit war es normal, 15 bis 20 Tiere pro Tour zu sehen. Inzwischen können die Tour-Anbieter von Glück reden, wenn sich wenigstens eines sehen lässt.

Frei mit Weißen Haien geschwommen

Rutzen selbst ist einer der wenigen Menschen, die schon frei mit Weißen Haien geschwommen sind. Seit 1998 nähert er sich den Raubfischen immer wieder auch auf ungesicherte Art, um damit zu zeigen, dass sie nicht die „bösen Monster“ sind, als die sie oft dargestellt werden. Parallel hat er sich in Gansbaai ein einträgliches Geschäft aufgebaut. Im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte hatte er dabei auch manch prominenten Kunden - die Aussicht auf eine „garantierte“ Begegnung mit einem Weißen Hai lockte etwa Schauspieler wie Halle Berry, Matt Damon und Brad Pitt sowie Prinz Harry aus Großbritannien und den König von Jordanien in den kleinen Küstenort.

Doch damit ist offenbar bald Schluss. Die Meeresbiologin Andreotti ist regelmäßig mit Rutzen unterwegs, um die Weißen Haie zu fotografieren und ihnen DNA-Proben zu entnehmen. Nach ihren Schätzungen gibt es in der Region nur noch etwa 333 erwachsene Tiere. Mindestens 500 seien für eine gesunde, wachsende Population aber notwendig, sagt sie. Weitere Weiße Haie gibt es zwar auch unter anderem vor den Küsten von Japan, Australien und den USA. Allerdings gibt es keine Anzeichen dafür, dass direkte Kontakte zwischen den einzelnen Populationen bestehen.

„Der Weiße Hai ist in dem Gebiet vor der südafrikanischen Küste dabei zu verschwinden“, sagt Andreotti. „Das hat massive Auswirkungen auf die Meeresumwelt. Die Weißen Haie stehen an der Spitze der Nahrungskette, ähnlich wie Löwen. Wenn es diese Raubtiere nicht mehr gibt, droht auch dem Rest der Umwelt der Kollaps.“ Erste Folgen sind bereits offensichtlich: In der Region rings um das Kap der Guten Hoffnung ist die Zahl der Robben zuletzt deutlich gestiegen. Dies wiederum wirkt sich negativ auf die Fischbestände und andere Teile des Ökosystems aus.

Über das genaue Ausmaß des Problems sind sich die Experten allerdings noch nicht einig. Die Umweltorganisation WWF warnt ebenfalls, dass die Bestände zurückgehen - und zwar weltweit. Die White Shark Research Group, eine Gruppe von Wissenschaftlern, die alle Küstenabschnitte Südafrikas beobachtet, ist sich dagegen noch unsicher. Die Studie aus Gansbaai gehe davon aus, dass die dortigen Weißen Haie die gesamte südafrikanische Population ausmachten, sagt die Forscherin Alison Cook. „Wir sind nicht überzeugt, dass dies der Fall ist.“ Aus ihrer Sicht sei es möglich, dass die Gesamtzahl der Tiere unterschätzt werde. Unstrittig sei aber, dass die Bestände aufgrund der vielfältigen Einflüsse des Menschen gefährdet seien.

Zunehmende Verschmutzung des Lebensraums

Wichtige Ursachen des Rückgangs sind nicht nur die zunehmende Verschmutzung des Lebensraums der Tiere, sondern auch gezielt mit Ködern bestückte Angelhaken und Netze. „Wir verseuchen die Ozeane. Und als Raubtiere neigen sie dazu, Schwermetalle in ihren Körpern anzusammeln, was im Hinblick auf ihr Überleben sehr schädlich sein kann“, sagt Andreotti. Aber es gebe auch noch ein ganz anderes Problem: „Die Leute wollen den Kiefer eines Weißen Haies in ihrem Pub aufhängen.“

Vom sogenannten Washingtoner Artenschutzübereinkommen Cites wird der Weiße Hai bereits als gefährdete Art geführt. Im September findet in Südafrika die nächste Cites-Vertragsstaatenkonferenz statt. Sowohl Rutzen als auch Andreotti hoffen, dass der Raubfisch dabei auch in die Liste der vom Aussterben bedrohten Arten aufgenommen wird.

Auf dem Wasser vor Gansbaai könnte man meinen, dass die Weißen Haie bereits verschwunden sind - zumindest aus den südafrikanischen Gewässern. Mehrere Stunden haben die Touristen vergeblich darauf gewartet, im schwimmenden Käfig ihren Adrenalin-Kick zu erleben. Auch Rutzen und seine Crew lichten schließlich den Anker. „In drei Jahren wird es vor der Küste von Gansbaai keine Weißen Haie mehr geben“, sagt der Tauchprofi. „Denk an meine Worte.“