KLEINBETTINGEN
CORDELIA CHATON

Die Kleinbettinger Mühle: Ein Industriebetrieb, der auf eine lange Tradition zurückblickt

Als Jean Muller ein kleiner Junge war, fiel ihm auf, dass sein Vater immer sehr glücklich von der Arbeit nach Hause kam. „Ich habe damals nicht genau verstanden was er macht, aber schien im Spaß zu machen. Da habe ich zu erste Mal darüber nachgedacht einmal in seine Fußstapfen treten zu wollen. “, erzählt der 34-Jährige, der seit sechs Jahren die Geschäfte zusammen mit seinem Vater Edmond Muller führt.

Muller heißt nicht nur so, sondern ist auch Müller. Er ist Chef der Kleinbettinger Mühle, eines Traditionsbetriebes. „Wir haben seit 1704 Müller in unserer Familie. Und diese Mühle hier geht auf eine erste Mühle zurück, die 1894 gebaut wurde“, sagt er. Damals waren es die Familien Fribourg und Wagener, die noch mit Mühlsteinen mahlten. 1912 übernahm dann Edmond Muller, Urgroßvater von Jean Muller, die Mühlen in Arlon und Kleinbettingen zusammen mit seinem Bruder. Seither wiederholen sich die Vornamen. „Mein Urgroßvater und mein Vater heißen Edmond, mein Großvater und ich Jean“, lächelt Muller. Es hätte auch Müllerinnen geben können, denn Jean hat zwei Schwestern. „Aber sie wollten lieber andere berufliche Wege gehen“, sagt er. Niemanden in den Beruf drängen ist bei den Mullers ein Teil des Erfolgsrezepts.

Jean Muller ist schlank und trägt weder eine Schürze noch hat er bemehlte Hände. Moderne Müller brauchen andere Fähigkeiten als zu Zeiten von Max und Moritz. Jean Muller studierte Wirtschaft in Lausanne und sammelte drei Jahre lang Erfahrungen bei Schweizer Finanzhäusern, vor allem im Bereich der Restrukturierung von Unternehmen die in Schwierigkeiten sind. „Damals habe ich viel gelernt, das mir jetzt weiterhilft, ich habe viele Unternehmen gesehen“, sagt er. Das hilft ihm heute, die verschiedenen Prozesse im Unternehmen kritisch zu hinterfragen. „Es war mir sehr wichtig Erfahrung im Ausland zu sammeln und bin heute noch überzeugt dass es die richtige Entscheidung war. Es gab mir eine gewisse Legitimierung“, unterstreicht der Geschäftsführer.

Nach drei Jahren in der Schweiz kündigte sein Vater Edmond ihm seinen Besuch an. Seine rechte Hand war in Pension gegangen. „Ich werde Dich fragen, ob Du ins Geschäft kommen willst“, sagte er eine Woche vor seinem Besuch. Jean sagte Ja. „Ich habe mich natürlich sehr gefreut“, meint Edmond Muller. Sein Sohn lernte erst mit ihm – und beschloss dann, noch eine Lehre als Müller zu absolvieren. „Ohne die hätte ich nie mit unserem Produktionsleiter auf einer professionellen Ebene diskutieren können. Ich hatte keine Ahnung von der Müllerei“, meint er. Heute ist das ganz anders.

Die Kleinbettinger Mühle mahlt rund 120.000 Tonnen Getreide pro Jahr. Rund die Hälfte ist Hartweizen, der vor allem zu Pasta weiterverarbeitet wird. Die andere Hälfte ist Weichweizen, der zu Mehl gemahlen wird. Auch in Luxemburg finden die Produkte Absatz, beispielsweise in der „Nuddelfabrik“ und im Großteil der Bäckereien. Viele Kunden sitzen auch in angrenzenden Ländern, kaum einer steht für mehr als fünfzehn Prozent Umsatz. 85 Prozent der gemahlenen Körner werden exportiert. „Wir sind die einzige industrielle Mühle in Luxemburg“, stellt Jean Muller fest. Die Mühle in Dieschbourg konzentriere sich eher auf Spezialprodukte. Heute dreht sich kein Mühlstein mehr, sondern zwei vollautomatische Mühlen. Die eine stammt von 1974, die andere von 2007. „Sie war bei ihrer Einrichtung die modernste Industrie-Mühle Europas. Dort steuert ein Mann dreißig bis vierzig Einzelmaschinen, die auch das letzte Gramm Mehl aus der Schale holen“, sagt Muller. Er erklärt, dass ein Korn aus rund 80 Prozent Mehl und 20 Prozent Schale besteht.

„Produit du terroir“

Den Weizen erhält die Kleinbettinger Mühle vor allem aus Luxemburg. Während Lothringen aufgrund des Regens mit Ernteausfällen von bis zu 40 Prozent zu kämpfen hat, stehen die Bauern in Luxemburg besser da. „Das liegt am Programm ‚produit du terroir‘, das mein Vater 1999 gemeinsam mit der Landwirtschaftskammer initiiert hat“, erläutert der Müller. „Wir erhalten jedes Jahr 18.000 Tonnen Weizen aus Luxemburg in sehr guter Qualität.“ Das Geheimnis des Programms: Die Landwirte verwenden wenig Pestizide, über die Jahre wurden resistente Sorten angebaut, die mit dem Klima gut zurechtkommen. „Wir zahlen den Bauern auch diverse Prämien für Qualitätsweizen“, sagt Muller. Das Programm zahlt sich aus. Während Weizen mit einem Proteingehalt von elf Prozent als gut gilt, hat der Luxemburger Weizen einen Gehalt von 13 Prozent. „Wir haben durchschnittlich den besten Weizen in ganz Europa“, versichert der Experte. Muller selbst setzt auch bei der Lagerung keine Chemie ein: „Wir blasen Luft in die Silos.“ Die Zusammenarbeit mit den Bauern ist so erfolgreich, dass Muller mittlerweile Delegationen aus Frankreich und Belgien empfängt, denen er das Geheimnis des luxemburgischen Erfolgs erklärt. „Die Kunden sind heute viel informierter und wollen wissen, was sie essen“, ist Muller überzeugt.

Dann führt er in den kleinen Verkaufsraum, den die Kleinbettinger Mühle vor Ort betreibt. Dort stehen Plastikverpackungen mit Schraubverschluss, in denen sich Mehl befindet. Einige tragen die Aufschrift großer französischer Supermarktketten. „Wir haben die Verpackung des Mehls revolutioniert“, freut sich der Müller. „Ewig gab es nur Papiertüten, die immer staubten und Mehlmotten anzogen. Jetzt müssen Kunden das Mehl nicht mal mehr umfüllen.“ Die neue Idee heißt „Farin‘Up“ und ist seit 2010 ein voller Erfolg.

Muller hat aber noch mehr Pläne. In Zukunft will er Bio-Produkte anbieten. „Schon jetzt ist der Großteil unsere Mehle ohne Zusatzstoffe. Nur für verschiedene Kunden werden Zusatzstoffe für spezielle Applikationen beigegeben“, erzählt er und blickt aus dem Fenster. Im Hof stehen rund zehn weiße Lastwagen. Kleinere Transporte bis 100 Kilometer übernimmt die Mühle selbst.

Die Kleinbettinger Mühle ist Mitglied der Handelskammer und des Industrieverbandes Fedil. Dorthin hat der Senior sehr gute Kontakte. „Er ist jemand, der sehr für die gute Arbeitsatmosphäre hier verantwortlich ist und als Ehrenmann gilt“, lobt sein Sohn. Viele der 54 Mitarbeiter in Kleinbettingen sind seit 25 Jahren und mehr dabei. Aber nicht nur für sie ist der Familienbetrieb wichtig.

„Die meisten unserer Kunden sind Familienunternehmen, bei vielen auch in mehreren Generationen. Da habe ich dann mit dem Sohn oder der Tochter des Geschäftsführers zu tun, der früher mit meinem Vater geredet hat“, beobachtet Muller. Er selbst ist noch nicht Vater. Wenn es mal so weit ist, sollen seine Kinder selbst entscheiden. Vielleicht sind aber auch die Kinder seiner Schwestern interessiert. „Wir sind keine Monarchie“, betont Muller. Um die Familienangelegenheiten gut zu regeln, haben die Eignerfamilien eine Charta ausgearbeitet.

Mullers Tag geht zu Ende. Meist beginnt er gegen 8.00 und endet gegen 19.00. Der Müller merkt das kaum. „Ich sehe Mehl ganz anders, seit ich hier arbeite“, sagt er. „Man glaubt gar nicht, wieviel Arbeit dahinter steht.“ Immerhin einen kleinen Einblick kann er geben: Am 15. September macht die Kleinbettinger Mühle mit beim „Tag der offenen Tür“.