LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Mit der Villa Vauban gibt es derzeit ein „Museum für alle“ in Luxemburg - Direktorin Danièle Wagener über die Erfahrungen und Zukunftsvisionen

In der aktuellen Ausstellung „Der Lauf des Lebens“ werden in der Villa Vauban rund 80 Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen diverser Kunstepochen gezeigt, die den menschlichen Lebenszyklus darstellen, darunter Gemälde von Adriaen van de Velde und Eugène Delacroix. Eine ganz normale Schau also? Keineswegs, bei dieser Ausstellung bietet sich nämlich die einzigartige Gelegenheit, die Kunstwerke auf ungewohnte Weise - oft spielerisch - zu entdecken und zu verstehen, was gerade für Personen mit speziellen Bedürfnissen besonders interessant ist.

Die Ausstellung wird ihrem Motto „Ein Museum für alle“ zweifelsohne gerecht und steht somit ganz im Zeichen der Inklusion und der Zugänglichkeit für alle: eine Initiative, die zumindest in diesem Ausmaß Seltenheitswert in Luxemburg hat. Auch für die Villa Vauban war es eine erste Erfahrung, dafür aber eine äußerst wertvolle, wie Danièle Wagener, Direktorin der „2 Musées de la Ville de Luxembourg“, im Gespräch mit dem „Journal“ betont. Um diese Erfahrung mit anderen zu teilen und ihr Interesse für ähnliche Initiativen möglicherweise zu wecken, hat die Villa Vauban ein zweitägiges Kolloquium unter dem Thema „Des musées pour tous? État des lieux: Luxembourg et ses voisins européens“ organisiert.

Welches Ziel verfolgen Sie mit der aktuellen Ausstellung?

DANIÈLE WAGENER Uns geht es darum, eine Ausstellung zu bieten, die sich an alle Alterskategorien richtet, an Menschen mit ganz unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und mit verschiedenen Bildungsgraden. Andererseits möchten wir ein Zielpublikum mit bestimmten spezifischen Bedürfnissen erreichen, beispielsweise Menschen mit einer Behinderung, die die Bewegung betrifft, die Seh- oder die Hörkraft. Es gibt anfassbare Skulpturen und speziell angefertigte Tastmodelle sowie detaillierte Reliefbilder von bedeutenden Gemälden. Bilder, die an der Wand hängen, können anhand dieser Modelle durch Ertasten entdeckt werden. So wird Personen mit einer Sehbehinderung das bessere Verständnis der Werke durch die Hände ermöglicht. Außerdem bieten wir Besichtigungen in Gebärdensprache. Vergrößerungsgläser oder Begleittexte in größerer Schrift gehören ebenso dazu wie die Veröffentlichung eines Katalogs in einfacher Sprache.

Die Ausstellung dauert noch bis zum 28. Januar, welche erste Bilanz können Sie auf halber Strecke ziehen?

WAGENER Die Resonanz ist sehr gut. Die Besichtigungen in Gebärdensprache sind immer ausgebucht, genau wie die „Tic-Tac-tile“-Führungen für Sehbehinderte. Im Großen und Ganzen kam das vielfältige und an spezielle Bedürfnisse angepasste Rahmenprogramm bisher sehr gut an. Wir konnten noch dazu viele Familien mit Kindern empfangen, die insbesondere die Tastmodelle oder den Spielteppich für Babys sehr schätzten. Übrigens bieten wir auch eine geführte Besichtigung für Eltern mit Babys, die jedes Mal komplett ausgebucht ist. Wir konnten zudem relativ viele Touristen begrüßen. Sehr gefreut haben wir uns auch über die vielen Gruppen aus Altersheimen. Die Bilanz könnte bislang kaum positiver sein.

Wird es also weitere Ausstellungen dieser Art geben?

WAGENER Wir haben tatsächlich vor, nächstes Jahr ein anderes Kunstthema auf ähnliche Art und Weise zu vermitteln. Die Realisierung dieser Ausstellung war eine große Herausforderung. Alleine das Umschreiben des Katalogs in leichte Sprache in Zusammenarbeit mit der „Agence Klaro“ war sehr viel Arbeit. Auch die Anfertigung der Tastmodelle durch eine französische Firma hat eine gewisse Zeit in Anspruch genommen und viel Mailkontakt erfordert. Dadurch haben wir selbst übrigens viel hinzugelernt. Verschiedene Aspekte sind übertrieben dargestellt, im Endeffekt spiegeln sie aber genau das wider, was der Künstler in seiner Malerei unterstrichen hat. Es wäre schön, wenn wir andere Museen dazu ermutigen könnten, ein ähnliches Angebot anzustreben. Diese Absicht steckt auch hinter diesem Kolloquium. Wir möchten unsere Erfahrungen weitergeben.

Aus dem „Musée d’Histoire de la Ville de Luxembourg“ wurde vor kurzem das „Lëtzebuerg City Museum“, das seither auch über eine neue Dauerausstellung - „The Luxembourg Story“ - verfügt. Warum wurde während der Planungs- und Umbauphase nicht in eine ähnliche Richtung gedacht?

WAGENER Das „Lëtzebuerg City Museum“ ist komplett barrierefrei und trägt deshalb wie die Villa Vauban auch das „EureWelcome Label“. Es wurde aber in der Tat nicht so systematisch wie jetzt im Fall der Ausstellung „Der Lauf des Lebens“ in diese Richtung geplant. Uns fehlte damals noch die Erfahrung und diese wollten wir erst einmal auf konzentrierterem Niveau sammeln. Es besteht aber kein Zweifel, dass wir jetzt auch im „City Museum“ von dieser Erfahrung profitieren werden. Wir möchten dort ähnliche Wege gehen.