LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Der CEO von SGG wurde zur „Persönlichkeit des Jahres“ gewählt, das Unternehmen wächst und wächst. Was ist eigentlich los beim viertgrößten Fondsdienstleister der Welt?

SGG gehört zu den leisen Riesen des Finanzplatzes. Kaum jemand weiß, dass das Unternehmen der viertgrößte Fondsdienstleister weltweit ist und rund 2.500 Mitarbeiter rund um den Globus beschäftigt. Manchem ist aber der runde Büroturm in Gasperich an der A6 schon aufgefallen.  Wir haben mit CEO Serge Krancenblum gesprochen, der erst vor kurzem vom britischen Magazin „Funds Europe“ zur „Persönlichkeit des Jahres“ gewählt wurde. Er plaudert aus dem Alltag einer Branche, die selten im Scheinwerferlicht steht – und erzählt, was ihn als Unternehmer motiviert.

Herr Krancenblum, welchen Effekt hatte die Verleihung des Titels „Persönlichkeit des Jahres“ durch das britische „Funds Europe“-Magazin auf Sie und SGG?

Serge Krancenblum Meine Marketing-Chefin sagte: Am ersten November musst Du in London sein. Ich wusste nicht recht, warum, denn ich selbst habe mich für nichts gemeldet. Das war eine Entscheidung der Redaktion. Aber „Funds Europe“ ist eben das Magazin für die Branche schlechthin. Daher habe ich mich natürlich gefreut, denn für uns ist das auch wichtig. Immerhin ist es das erste Mal, dass ein Fondsdienstleister ausgesucht wurde. Das werte ich als Anerkennung. Und dann ist es schon etwas Besonderes, wenn dieser Titel von einem britischen Magazin an eine Persönlichkeit aus Luxemburg vergeben wird. Wir wissen, wie es um die Konkurrenz steht. Der Titel ist gut für unsere Teams. Richtig erstaunt hat mich aber das, was dann folgte: Ich habe auf LinkedIn über 20.000 Kontakte gehabt und SGG rund 15.000. Das ist eine irre Wirkung, die mich sehr erstaunt hat. Meine Mitarbeiter sind natürlich stolz. Diese Elemente geben unserer Arbeit auch einen Sinn und werten sie auf. Denn oft ist der Job nicht sehr sexy. Wir sind aber ein wichtiger Teil der Fondsindustrie und versuchen, unseren Job so gut wie möglich zu machen.

Was hat sie als Unternehmer gekennzeichnet?

Krancenblum Zwei Dinge: Erstens trifft ein Unternehmer immer Entscheidungen auf der Grundlage unvollständiger Informationen. Das geht auch nicht anders. Er kann nicht auf den perfekten, allumfassenden Lagebericht warten. Zweitens spielt Glück als Element eine Rolle. Damit meine ich die Möglichkeiten, die sich bieten und die man nutzen muss. Diese Dinge unterscheiden uns von anderen. Wir haben die Gunst der Stunde genutzt, auch in negativen Momenten. Ich erinnere mich an die Rede eines großen Unternehmers, der mir seine Geschichte erzählte. An dem Tag, als er Unternehmer wurde, änderte die Regierung das Gesetz, auf dessen Grundlage er in Frankreich tätig sein wollte. Daraufhin ist er nach Polen gegangen und hat noch mal ganz von vorn angefangen. Heute hat er eine weltweite Gruppe. So etwas motiviert mich. Auch wir hatten Pech. Wir starteten 1953 unser Geschäft in Luxemburg. Heute gehört SGG zum größten Teil der Private Equitiy Gruppe Astorg, weitere Anteile halten luxemburgische Fonds und rund 200 private Aktionäre, wobei die Anteile unterschiedlich hoch sind. Ich bin übrigens auch Aktionär.

Haben Sie Ihren Unternehmergeist aus der Familie?

Krancenblum Zumindest war mein Vater das, was man heute einen „serial entrepreneur“ nennt. Er hat mit 15 oder 16 die Schule verlassen und seine Eltern begleitet, die in den Bergarbeiterstädten des lothringischen Kohlebeckens von Haus zu Haus gingen und Schmuck und Uhren verkauften. Dabei war er auch so etwas wie ein Banker, denn viele Bergleute zahlten das in Raten ab und erhielten ergo Kredit von ihm. Die Leute hatten damals noch eine andere Zahlungsmoral und Ausfälle gab es fast nie. Dann hat mein Vater in Getränkeautomaten investiert und später in Investmentprodukte. In den 70er Jahren entstand durch Kontakte zu iranischen Studenten eine Vertretung für ein französisches Unternehmen im Iran, in dessen Auftrag er dort Schulmaterial verkauft hat – mit seinem schlechten Englisch (lacht). Damals war noch der Schah an der Macht und der westliche Einfluss im Iran war sehr stark. Ich denke, dass mich sein Beispiel schon geprägt hat.

In den vergangenen Jahren hat SGG weltweit zahlreiche Unternehmen aufgekauft Warum ist SGG seit Jahren so erfolgreich?

Krancenblum Anfangs war es eine Vision: Wir wollten Unternehmen zukaufen, um uns zu diversifizieren und uns auf die internationalen Geschäftsfelder zu konzentrieren. Wir haben schnell gemerkt, dass der Sektor sich stark konzentrierte, es gab viele Zu- und Aufkäufe. Wir haben beschlossen, dass wir zu den Großen gehören wollen. Für die Aufkäufe brauchten wir Aktionäre, die mitziehen, und eine gute Due Diligence; also eine gute Bewertung der Unternehmen, die wir gekauft haben. Wir hatten von Anfang an ein langfristiges Ziel. Jetzt sind wir die Nummer vier weltweit bei Services für Fonds.

Und Sie wollen die Nummer eins werden?

Krancenblum Das wäre ein logisches Ziel. Aber unsere Branche agiert eher im Schatten der großen Fonds und im Vergleich mit Banken und anderen sind wir relativ klein. Dennoch gehe ich davon aus, dass wir uns in den nächsten fünf Jahren verdoppeln werden. Zurzeit verwalten wir Assets under Managemnt in Höhe von rund 400 Milliarden US-Dollar in 24 Ländern mit 2.500 Mitarbeitern.

Sie sind auf Mauritius, den britischen Kanalinseln, aber auch in Amsterdam oder Singapur präsent. Was ist Ihr wichtigster Markt?

Krancenblum Ganz klar Luxemburg wegen der verschiedenen Kunden, gefolgt von den Niederlanden und dann, wegen der kritischen Masse, den Kanalinseln.

Sie haben gerade Augentius gekauft, als eines von mehreren Unternehmen in diesem Jahr. Wie integrieren Sie so viele unterschiedliche Unternehmen?

Krancenblum Augentius ist einer der größten Verwalter für Fonds im Private Equity-Bereich. Der Erfolg hängt immer von der Führung ab. Wir binden die Chefs der Unternehmen, die wir gekauft haben, in unsere Führungsstruktur und unser Aktionariat ein. So ist beispielsweise der Ex-CEO von „First Names“, Marc Pesco, jetzt bei uns für Kunden zuständig. Das ist ein wichtiges Signal für alle anderen Mitarbeiter. Die Leute merken, dass wir sie nicht erobern und ausnehmen, sondern dass sie Teil des neuen Unternehmens sind. So haben alle Mitarbeiter von Augentius hier Schlüsselpositionen inne.

Kaufen Sie so viel, weil sich das schon rumgesprochen hat und Sie Angebote und Aufforderungen erhalten?

Krancenblum Wir kaufen nicht so richtig, wir fusionieren eher. Das ganze Gerede von den Werten in die Praxis umzusetzen ist nicht so einfach. Aber wir haben einen anderen Ansatz: auf den Kanalinseln sind die Leute oft autark in ihrer Arbeit – und hier auch. Und jeder kennt seinen Geschäftsführer. Wer anerkennt, dass der andere auch Kenntnisse und eine Kultur hat, gibt diesem nicht das Gefühl, das fünfte Rad am Wagen zu sein. SGG Group überprüft im Moment umfassend alle seine Marken. Mehr Details zum Ergebniss diese Prozesses geben wir Anfang kommenden Jahres bekannt. Für uns ist das ein aufregendes Projekt.

Wen wollen Sie denn noch alles kaufen?

Krancenblum Die größten Akquisitionen liegen jetzt hinter uns. Nun sind wir relativ ausgewogen und haben ein super Portefeuille. Wir sind sehr interessiert an Plattformen, wie es sie auf dem US-Markt gibt. Dort sehen wir noch Möglichkeiten. In Asien haben wir zurzeit rund 500 Mitarbeiter, das ist nicht schlecht. Mit Lawson Corner haben wir in diesem Jahr ein auf Compliance spezialisiertes Unternehmen in Großbritannien gekauft. Das entwickelt sich und wird jetzt von der ganzen Gruppe umgesetzt. Wir sind auch sehr interessiert an Private Equity und Real Estate. Neben Hedge Fonds kümmern wir uns noch ein wenig um Venture Capital.

Sie haben Unternehmen in Großbritannien gekauft und sind oft dort. Wie wirkt sich der Brexit auf Ihr Geschäft aus?

Krancenblum Kurzfristig sieht es gut aus für uns, wir haben viele neue Asset-Manager, die nach Luxemburg kommen. Ich denke aber, längerfristig ist das sehr schlecht für die Wirtschaft – und wir leben in Luxemburg ja von der globalen Wirtschaft und dem guten Klima sowie dem internationalen Austausch. Für mich ist der derzeitige Zugewinn daher ein Strohfeuer.

Sie haben auf eigene Kosten in diesem Jahr erstmals die SGG Crossroads –Konferenz durchgeführt, bei der es darum ging, ob die Finanzwelt zu einer besseren Gesellschaft beitragen kann. Warum?

Krancenblum Ja, das war im Juni gemeinsam mit Baker McKenzie, Deloitte, Carne und ING als Partnern sowie Gästen wie Sir Bob Geldof oder Gina Miller. Vielen Managern ist ein ethisch korrekter Ansatz immer wichtiger und unsere Asset-Manager achten darauf. In Einstellungsgesprächen merke ich den Generationswechsel. Die jungen Kandidaten wollen eine Arbeit, die einen Sinn ergibt, die die Gesellschaft voran bringt. Einige fragen ganz direkt, ob wir Geld waschen, weil sie in so etwas nicht hineingezogen werden wollen. Auch bei den Investoren, vor allem bei den Family Offices, merkt man den Unterschied. Die wollen einen ökologischen, gesellschaftlichen oder anderweitig positiven Einfluss mit ihrer Investition erzielen. Große Staatsfonds machen das vor, denken Sie an Norwegen. Andere globale Fonds folgen diesem Weg. Unser Aktionär Astorg achtet jetzt vielmehr auf Gesetze gegen Korruption, Geldwäsche und für gesellschaftliche Verantwortung. Wir haben gerade erst beschlossen, jetzt alle Mitarbeiter in letzterem zu schulen. Die Konferenz war kein Auslöser, aber sie hat einen Schneeball-Effekt. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir etwas Ähnliches nochmal durchführen.