LUXEMBURG
ANNETTE DUSCHINGER

Neueste Umfrage zur Chancengleichheit - Zwei Drittel für Quoten als Übergangslösung

Noch hat Lydia Mutsch ein Problem: Nur sieben Prozent können spontan angeben, dass sie Chancengleichheitsministerin ist. Bei ihrer Vorgängerin Françoise Hetto (CSV) waren es 2012 immerhin 19 Prozent, aber an die 30 bis 32 Prozent von Marie-Josée Jacobs kam auch sie lang nicht heran. Seit 2006 lässt das Chancengleichheitsministerium (MEGA ) alle zwei Jahre von TNS/ILRES eine Umfrage zu Gleichstellungsfragen durchführen. „Die Chancengleichheit bleibt ein Randthema in der öffentlichen und politischen Debatte“, stellt man als Ergebnis fest.

Wenig geändert, sogar eher leicht rückläufig zeigt sich bei der neuesten nun veröffentlichten Umfrage der Bekanntheitsgrad des Ministeriums: Jeder dritte kennt das MEGA nicht, wobei mit 70 Prozent die Männer besser informiert sind als die Frauen (62 Prozent). Wie bei den vorherigen Umfragen auch, können zwei Drittel der Befragten weiterhin spontan kein Aktionsfeld des Ministeriums angeben.

Eine Mehrheit von 61 Prozent (69 Prozent der Frauen, 52 Prozent der Männer) findet, dass sich bei der Gleichstellung von Männern und Frauen noch vieles verbessern müsse. Nur die jungen Leute zwischen 15 und 24 meinen zu 65 Prozent, dass die Gleichheit eine Realität ist. Mit 18 Prozent am wenigsten ausgeprägt ist diese Meinung bei den 45- bis 54-Jährigen. Je länger die Lebenserfahrung, umso bewusster sei man sich der gesellschaftlichen Ungleichheiten, schlussfolgern die Forscher daraus

Drei Viertel der Leute sind der Ansicht, dass nur bei Gesetzen und in der Schule Gleichstellung erreicht wurde. In allen anderen Bereichen, wie bei Gehältern, Zugang zu Posten mit Entscheidungsgewalt, politischen Mandaten oder Vereinbarkeit von Familie und Beruf bestehen Ungleichheiten hauptsächlich zu Ungunsten der Frauen mehr oder weniger ausgeprägt weiter.

Jede vierte Frau, aber nur jeder 16. Mann fühlt sich benachteiligt

Dass wir noch weit von einer gerechten Gesellschaft entfernt sind, zeigen die Zahlen zur Frage über die Benachteiligung durch das Geschlecht. Jede vierte Frau gibt an, wegen ihres Geschlechts Nachteile zu erfahren, bei den Männern sind es sechs Prozent. Insgesamt gesehen sagen zwei Drittel der Befragten, dass sie weder Vor- noch Nachteile durch ihr Geschlecht haben. Frauen fühlen sich hauptsächlich in der Berufswelt benachteiligt (23 Prozent), während es bei Männern am ehesten die Scheidung ist (sieben Prozent).

Schulen werden als größter Motor für Gleichstellung empfunden. Eine Mehrheit meint, dass die jungen Menschen dort das gleichgestellte Leben erlernen. Doch wie sieht es in den Familien aus? Interessant ist, dass 36 Prozent der Meinung sind, den Kindern werde in den meisten Familien das traditionelle Familienbild vermittelt, 32 Prozent meinen, die Erziehung finde im Geiste der Gleichstellung statt, 26 Prozent sind unentschieden und der Meinung, es überwiege mal der eine mal der andere Ansatz.

Vom Staat beziehungsweise der Regierung wird sich am meisten erwartet, wenn es um das Ausmärzen von Ungleichheiten geht. Bei der Aufteilung der Hausarbeit scheint sich dagegen die Situation in Richtung einer gerechteren Aufteilung zu verbessern, stellen Frauen und Männer gleichermaßen fest.

Die 55-Plus-Jährigen zeigen starken Mentalitätswechsel

Die Einführung von 40-Prozent-Quoten für die drei Bereiche Verwaltungsräte von börsennotierten Unternehmen, Führungsposten beim Staat sowie Wahllisten treffen auf die Zustimmung bei einer großen Mehrheit der Bevölkerung beziehungsweise dem Wahlvolk - vorwiegend, wenn die Quoten nur als eine zeitlich begrenzte Maßnahme in Betracht gezogen werden. Zwei Drittel unterstützen die Quoten, wobei es rund ein Drittel mehr Frauen sind als Männer. Aber immerhin: Nur 39 Prozent der Männer lehnen sie deutlich ab.

Insgesamt zeigen sich bei der Einstellung gegenüber Geschlechterrollen nur ganz langsam Fortschritte - erstaunlicherweise am meisten bei der Altersgruppe der Über-55-Jährigen. Dort waren die Personen mit auf Gleichstellung ausgerichteten Positionen bei der ersten Umfrage im Jahre 2006 noch mit 38 Prozent deutlich in der Minderheit. Heute liegen sie bei 57 Prozent.