COLETTE MART

Die Parlamentswahlen vom 14. Oktober bestätigen, dass die traditionellen Volksparteien CSV und LSAP an Einfluss in der Gesellschaft verlieren. Die CSV bekam 2009 noch 38 Prozent aller Stimmen, während sie 2018 lediglich noch 28,3 Prozent für sich verbuchen konnte. Die LSAP ihrerseits fiel von 23,3 Prozent im Jahr 2004 auf 17,6 Prozent im Jahr 2018.

Ein Blick zurück auf die Geschichte offenbart, dass die CSV, die aus der 1914 entstandenen Partei der Rechten hervorging, über das ganze 20. Jahrhundert den Premierminister stellte, allerdings mit einer einzigen Ausnahme, als zwischen 1974 und 1979 der liberale Gaston Thorn die Geschicke des Landes leitete. Als 2013 auf eher unkonventionelle Art und Weise ein zweites Mal ein liberaler Politiker Premierminister wurde, schien es, als würde sich mit Xavier Bettel das Intermezzo der siebziger Jahre wiederholen. Umso größer war die Überraschung, als, aller Prognosen zum Trotz, 2018 kein CSV-Politiker auf den Stuhl des Premierministers gehisst wurde. In diesem Sinne ist „Gambia 2“ ein historischer Moment; Luxemburg beginnt eine zweite Legislaturperiode ohne die CSV, was mit allen politischen Traditionen bricht. Seitens der LSAP wäre zu sagen, dass diese seit ihrer Gründung im Jahr 1902 die sehr breite Arbeiterschicht und allgemein soziale Anliegen in einer Ära der aufstrebenden Stahlindustrie vertrat. Angesichts einer Gesellschaft, die sich in den letzten zwei Jahrzehnten rasant veränderte, in der der Einfluss der Kirche und auch das konservative Denken eher zurückging, in der allerdings auch der industrielle Sektor in der gleichen Form wie vor 50 oder 100 Jahren nicht mehr existiert, stellt sich für die Volksparteien die Frage, wer genau sich noch mit ihnen identifiziert.

Sowohl der CSV als auch der LSAP gelang es über Jahrzehnte, Mitglieder aller sozialer Klassen zusammenzubringen, und sie verdienten in diesem Sinne den Namen der Volksparteien. Während die CSV katholisch-konservative Anhänger in ärmeren, mittleren und reicheren Schichten ausmachen konnte, zählte auch die LSAP neben der traditionellen Arbeiterschaft zahlreiche linke Intellektuelle. Hier und jetzt, wo die Arbeiterklasse vorwiegend ausländisch ist und auch nicht wählt, wo sich in allen Gesellschaftsschichten ein Lebensstil durchsetzte, der keineswegs mehr konservativ ist und die Menschen auch immer weniger in die Kirche führt, kann man feststellen, dass die traditionellen Volksparteien Stimmen des engagierten und umweltbewussten Bürgertums an die Grünen verlieren, dass linke Intellektuelle und auch sozial Benachteiligte sich vielleicht eher in der Linken wiederfinden, und dass die sozialliberale Ausrichtung der DP auch viele Menschen, unter anderem zahlreiche junge Frauen aus allen Schichten überzeugen konnte. Wichtig bleibt bis heute, dass alle Parteien Werte vertreten, die dem Egoismus in der Gesellschaft etwas entgegensetzen, und demnach christlich oder sozial, umweltbewusst, menschenfreundlich und lösungsorientiert sein sollten. Es ergibt Sinn, dass alle Parteien ihren Platz verteidigen und Teil einer lebendigen Demokratie bleiben.