Wenn heute um 14.58 im ganzen Land die Sirenen erklingen, sollte man einen Moment innehalten und sich an die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts erinnern. Der Erste Weltkrieg, der sich genau vor hundert Jahren aus einem regionalen Konflikt auf dem Balkan mit den sukzessiven Kriegserklärungen zwischen den Großmächten in den ersten Augusttagen 1914 zu einem Flächenbrand entwickelte, kostete mindestens 15 Millionen Menschen das Leben.
Sie starben in den „Stahlgewittern“ bei Verdun, erstickten bei den Giftgasangriffen bei Ypres, wurden von Hunger und Krankheiten dahin gerafft. Die tausenden Kriegsgräber bei den Schlachtfeldern erzählen von unglaublichem Leid jener, die von der riesigen Kriegsmaschinerie förmlich zermalmt wurden. Ein Leid, das uns durch die vielen fotografischen und filmischen Zeitdokumente über die bestens dokumentierte „Grande Guerre“ vor Augen geführt wird, deren Wunden noch überall zu sehen sind. Nicht nur ganz unmittelbar auf den von Bombentrichtern starrenden Schlachtfeldern, sondern auch auf der Weltkarte: Auch knapp hundert Jahre nach dem Zusammenbruch der habsburgischen und osmanischen Reiche bleiben Balkan und Naher Osten Pulverfässer.
Die, die dem großen Schlachten entkamen, waren tief vom Horror aus den Schützengräben gezeichnet. Für die, die vergeblich zuhause auf die Rückkehr des Familienangehörigen warteten, brach eine Welt zusammen. Viele erholten sich zeitlebens nicht mehr von den allgegenwärtigen Tragödien. Nicht wenige mussten sogar nur knapp 20 Jahre nach dem Frieden von Versailles wieder in den Krieg ziehen, den einer angezettelt hatte, der in Flandern von Granatsplittern und Senfgas getroffen worden war. Die Fronterfahrung war ohne Zweifel ein Schlüsselerlebnis für den Kriegstreiber Hitler, dessen Revanche- und Machtgelüste einen noch viel blutigeren Weltenbrand auslösen sollten, an dem mindestens viermal so viele Opfer wie im Ersten Weltkrieg zugrunde gehen sollten.
Dieses Grauen, es ist, gemessen an der gesamten Menschheitsgeschichte nur einen Wimpernschlag von uns entfernt, die wir Angehörige und Bekannte haben, die in der Zeit des Ersten Weltkriegs geboren wurden und die Konsequenzen des Konflikts miterlebten oder die die Last der Erinnerungen an den Nazi-Terror mit sich herum schleppen müssen. Wenn sie erzählen, erzählen sie auch von der für uns unvorstellbaren Unsicherheit und Zukunftsangst, die die Kriege mit sich brachten. Höchst ungewiss in jenen Jahren, ob ein unabhängiges Luxemburg, in das deutsche Truppen am 2. August 1914 einmarschierten und später wieder am 10. Mai 1940, überhaupt Bestand haben könnte.
Was wäre, wenn die Geschichte anders verlaufen wäre? Was wäre, wenn sich nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs nicht Politiker nach der Devise „Nie wieder!“ daran gegeben hätten, das unvergleichliche Friedensprojekt Europäische Union aus der Taufe zu heben? A propos Frieden. Dass er alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist, zeigt aktuell etwa der Konflikt in der Ukraine, der zu einem Flächenbrand werden könnte. Die Politiker aller betroffenen Nationen sind sich hoffentlich bewusst, dass sie das unbedingt verhindern müssen und nur eine diplomatische Lösung den Frieden dauerhaft sichern kann. Vielleicht hilft es, wenn sie sich die Konsequenzen der letzten Weltenbrände vor Augen führen.


