CORDELIA CHATON

Die S

Während die Verhaftung der milliardenschweren Finanz-Chefin des chinesischen Telco-Konzerns Huawei in Kanada und die Gegenverhaftung zweier Kanadier in China noch nach diplomatischem Geplänkel aussieht, zog zeitgleich einer hoher FBI-Beamter vor dem Senatskomitee das große Verbalschwert: „Es geht nicht nur um die Zukunft der USA, sondern um die Zukunft der Welt“, sagte er mit Blick auf die Spionage-Aktivitäten, den Cyberkrieg und die hemmungslose Produktpiraterie der Chinesen. So stünde China beispielsweise hinter dem Angriff auf den Hotelkonzern Marriott. Peking habe längst Spione an allen Ecken der Gesellschaft. Sicher weiß der Mann auch, dass seine Regierung Verbündete warnt, ihre 5G-Netze von Huawei ausbauen zu lassen - aus Spionagegründen.

Der Mann steht mit seiner Meinung nicht alleine da. Im Februar diesen Jahres äußerte sich FBI-Direktor Christopher Wray. Er machte klar, dass China die USA als globale Macht ablösen will. Die CIA, die mit dem FBI nicht immer einer Meinung ist, teilt diese Ansicht. Deren stellvertretender Chef Michael Collins hatte auf dem Aspen Forum im Sommer klar gemacht, dass dies eine Neuauflage des Kalten Krieges ist. Und nicht nur US-Geheimdienstexperten glauben das, sondern auch China-Forscher in Europa. Chinas Einfluss sei längst nicht mehr nur auf Ostasien beschränkt, sondern erstrecke sich über die Welt, warnte die Autorin des Berichts „China´s cosmological communism: a challenge to liberal democraties“, Didi Kirsten Tatlow, in ihrem im Juli im Berliner Merics-Institut erschienen Bericht. Freiheitliche Gesellschaften sollten die Idee einer neuen Weltordnung nicht unterschätzen, fügte sie noch hinzu, die Führung von Xi Jinping verfolge keineswegs demokratische Ideale.

Leider ist es auf internationalem Parkett so, dass Donald Trump es selbst eingefleischten Freunden der USA schwer macht, an seiner Seite stehen zu wollen; und sei es nur für ein Foto. Doch jeder, der sich ansieht, wie viel Geld die chinesische Führung in ihren Machtanspruch investiert, kann den Warnern nur Recht geben. Da sind beispielsweise Milliarden für Pakistan, damit die Seidenstraße - jenes knallharte Wirtschaftsprojekt mit dem Schmusenamen - dort ausgebaut wird. Gleichzeitig erschließt sich China Pakistan als Vasallen gegen den Erzfeind Indien. Nach Afrika flossen dieses Jahr allein 60 Milliarden Euro, davon 15 geschenkt. So sichert sich China Rohstoffe und Land für seine wachsende Bevölkerung, jetzt, wo die Zwei-Kind-Familie erlaubt ist.

Und dann gibt es eine angsteinflößende Sicherheit. Selbst in Millionenstädten finden chinesische Behörden auf Wunsch Gesuchte innerhalb von Minuten. Die totale Überwachung macht das möglich. Sicher lobt sich Peking, weil ein Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt wie in Straßburg dort undenkbar ist. Aber der Preis dafür ist, dass ein öffentlicher Protest wie von den Gelbwesten, aber auch von Umweltschützern, Frauenrechtlerinnen, ethnischen Minderheiten oder Künstlern - ebenso unmöglich ist. Kurz: Die Freiheit ist utopisch. China tritt nicht laut und peinlich auf, es lächelt und zückt das Portemonnaie, während das Mikro im Kuli aufzeichnet und sendet. Vor dem Hintergrund des Zollstreits und des offenen verbalen Angriffs auf China sieht die Huawei-Geschichte mit ihren Folgen eher wie ein Stellvertreterkrieg aus, der schwelt.