NORA SCHLEICH

Das städtische Lycée Athenée bietet zur Zeit die Möglichkeit, eine Ausstellung zum Projekt ‚Weltreligionen, Weltfrieden, Weltethos‘ besuchen zu können. Die Ausstellung umfasst zahlreiche große Tafeln, auf welchen die wichtigsten Merkmale der größten Weltreligionen vorgestellt werden. Es sind unter anderem Informationen zum Hinduismus, Buddhismus, dem Christentum, Judentum, dem Islam, sowie dem Sikhismus und dem Bahaitum zu finden.

Zentrales Anliegen dieses Projekts ist, kurz gefasst, die verschiedenen gewichtigsten Weltreligionen darzustellen und auf die grundlegenden Gemeinsamkeiten, die sie tatsächlich allesamt teilen, hinzuweisen. Ja, es gibt sie nämlich, die sogenannte ‚goldene Regel‘, welche Basis jeder Grundgesinnung ist: Behandele andere so, wie du selbst auch behandelt werden willst. Je nach Religion ist der Wortlaut vielleicht etwas divergierend, der Grundgedanke bleibt aber stets.

Doch nicht nur die Religionen haben dieses Kredo als fundamental erkannt, sondern auch, und dies wird ebenso in der Ausstellung, die das Projekt illustrierend begleitet, hervorgehoben, große Denker befassten sich mit Aufklärung und Erläuterung dieses Prinzips, das als Stütze des friedvollen Zusammenlebens untereinander gelten dürfte. Moral und Weltbürgertum, Respekt, Toleranz und Güte sind die zentralen Schlagwörter, die das Projekt aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.

In diesem Sinne bietet sich die Ausstellung auch dafür an, Gastredner und Experten zu besagten Themen einzuladen. Prof. Sosoe, Philosophieprofessor der Universität Luxemburgs, behandelte die Themen Flüchtlinge, Menschen- und Besuchsrecht und Weltbürgertum in einer in diesem Rahmen stattfindenden Konferenz: „Du réfugié: Le concept de l’hospitalité dans la philosophie moderne du droit cosmopolitique“. Dieses Thema ist zum einen natürlich von höchster Aktualität geprägt, fügt sich zum anderen aber auch nahtlos in den Sinn des Weltethos-Projekts ein.

Dieses Projekt bietet die Möglichkeit, die Interpretationen religiöser Tendenzen und Reflexionen der Intellektuellen vergangener Zeiten zu der eben genannten Problematik einzusehen. Können wir von diesen Gedanken etwas lernen? Es stellen sich ganz grundlegende Fragen: Wann ist jemand ein Flüchtling? Gibt es eine Pflicht zur Hilfe - und wenn ja, wessen? Hat der Flüchtende ein privates Recht auf Aufnahme?

Die Analyse der religiösen Sichtweisen, staatlichen Rechtslagen und, allen voran, die Theorien der Philosophen Grotius, Pufendorf und Kant, die mitunter in der oben genannten Konferenz eine zentrale Rolle spielen durften, bieten Auslegungen und Lösungsansätze an, die zum Teil doch sehr verblüffend sind: Tatsächlich stellt der Konsens um das zentrale Konzept des Weltbürgertums stets im Mittelpunkt und taucht stets als Ankerpunkt in den religiösen, rechtlichen und philosophischen Deutungen auf. So stellen sich neue Fragen, die in einem ersten Moment vielleicht gar trivial erscheinen, und doch von akuter Wichtigkeit sind: Ist dem Flüchtling zu helfen, weil er ein Bedürfnis nach Rettung hat? In diesem Fall würde die Hilfe an die bloße Not des bedürftigen Einzelnen gebunden sein. Oder hat der Flüchtling, als gleichwertiger und freier Bewohner unserer Erde, als Weltbürger wie ein Jeder von uns, ganz einfach ein fundamentales Recht auf Hilfeleistungen seiner Mitmenschen? Trägt jeder Weltbürger eine Verantwortung? Muss oder soll sich jeder zur Pflicht zur Hilfe bekennen, und wenn ja, ist diese Pflicht auf der Rechtslage oder auf unserer humanitären Bestimmung gegründet?

Die gründliche Darstellung der Idee des Weltbürgertums ist Ziel der Ausstellung, und soll das Verständnis um die Freiheit jedes einzelnen Erdbewohners vermitteln. Der Grundgedanke, welcher nicht nur Schlussfolgerung der philosophischen Konferenz war, besteht darin, dass das Recht auf ein freies Leben einer eigenständigen Person und Weltbürger als bindende Grundlage für ein rettendes Besuchsrecht und Hilfeleistungen zu verstehen ist.

Humanistische Bildung kann Konflikte vermeiden, so eröffnete der engagierte Philosophieprofessor des städtischen Lyzeums, Raoul Weicker, die Konferenz. Mit diesem Satz wird am besten beschrieben, wie wichtig es ist, durch Diskussionsrunden, Vorträge, Ausstellungen und internationale Projekte den Menschen das Verständnis des Miteinanders wieder näher zu bringen - ihnen die Perspektiven aufzuzeigen, die eine friedvolle und tolerante Gesellschaft gemeinsam erreichen kann!

An dieser Stelle ist daher ein Dank auszusprechen, nicht nur an die Organisation dieser Konferenz, der Ausstellung oder des Projekts ‚Weltethos‘, sondern an alle, die es sich in diesen doch schwierigen Zeiten zur Aufgabe gemacht haben, ihren Mitmenschen die Notwendigkeit des Mit- und Füreinanders wieder vor Augen zu führen.