JUNGLINSTER
JEFF KARIER

Biosymposium von „Bio Lëtzebuerg“ bot zahlreiche Denkanstöße

Nachdem „Bio Lëtzebuerg“ im vergangenen Jahr erfolgreich ein Biosymposium organisierte, fand gestern die zweite Auflage statt. Sie stand unter dem Titel „Von der Agrarkultur zur Ernährungskultur“. Wie Daniela Noesen, Direktorin von „Bio Lëtzebuerg“ im Vorfeld der Veranstaltung dem „Journal“ gegenüber erklärte, sei der Dialog zwischen den Landwirten, Verarbeitern, Vermarktern sowie Konsumenten gestört. „Die Prozesse haben sich immer weiter voneinander entfernt und die Ansichten sind somit auch sehr verschieden geworden“, meinte Noesen.

Um den Dialog wieder zu stärken und eine Brücke zwischen den verschiedenen Gruppen zu schlagen, lud „Bio Lëtzebuerg“ mehrere Sprecher ein, die aus verschiedenen Bereichen stammen, aber alle mit dem Thema Landwirtschaft und Ernährung verbunden sind. Angefangen bei Landwirtschafts- und Verbraucherschutzminister Fernand Etgen, der einige Begrüßungsworte an die Teilnehmer des Symposiums richtete, über Karl Huober, Geschäftsführer der Firma „Huober Brezel“ und den Biobauern und Molkereigründer Josef Jacobi, bis hin zu der ehemaligen deutschen Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, Renate Künast.

Kein Naturgesetz

Huober, der neben Volkswirtschaft auch Philosophie studierte, appellierte vor allem an die Moral. Er beklagte, dass die Menschen den Markt wie ein Naturgesetz behandeln, dem man sich unterwerfen müsse, obwohl man ihn verändern könne.

Auch forderte er einen fairen Preis für Bauern, sprach über ein Umdenken bei der Preisgestaltung und nahm hier auch die Verbraucher in die Verantwortung. Denn diese hätten die Macht, das System etwa durch den Kauf von Produkten, die den Produzenten faire Bedingungen bieten, zu verändern.

Kritik übte er auch an der kalten Logik der Wissenschaft, die verheerende Folgen haben könne. Als Beispiel nannte Huober etwa die BSE-Krise, deren Wurzel die Verfütterung von Überresten von Tieren, wie etwa Schafskadaver, war. Hier habe laut Huober die Überlegung „Eiweiß ist Eiweiß“ gelautet, obwohl doch schon der klare Menschenverstand einem sagen müsse, dass es nicht gut für die Kühe ist, ihnen tierisches Eiweiß ins Futter zu geben. Auf diese Idee sei vor 100 Jahren niemand gekommen.

Fehlende Transparenz

Künast, die seit 2014 dem Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz im Deutschen Bundestag vorsitzt, wurde kurz nach dem Ausbruch der BSE-Krise Bundesministerin. Ihr sei während ihrer Zeit als Ministerin klar geworden, dass viel mehr Akteure in den Bereichen Landwirtschaft und Ernährung beteiligt sind, als man zunächst annehmen könnte, wodurch auch weitere Interessen zu berücksichtigen seien, um Änderungen herbeizuführen. „Mir wurde klar, dass alles miteinander verwandt und verschwägert ist“, meinte Künast. So habe sie Personen getroffen, die in den verschiedenen Verbänden und Gremien saßen, um dort die immer gleichen Interessen zu verteidigen, die jedoch nicht etwa die der Bauern oder Molkereien entsprachen.

Hier fehle es auch heute noch oft an Transparenz und Unabhängigkeit, um die verschiedenen Interessen auch entsprechend zu vertreten. Man müsse dort weiterhin ansetzen, um überhaupt eine Veränderung zu erreichen. Denn die Agrarindustrie breite sich global aus, wodurch es auch weiter zu Interessenskonflikten kommt, wie etwa der Fall „Bayer“ und „Monsanto“ zeige, deren Verschmelzung Künast sarkastisch als „Baysanto“ bezeichnete. Falls es zu diesem Konzern kommen sollte, würde dieser ihrer Ansicht nach neben dem Saatgut auch gleich die passende Chemie, und im Fall von Krankheiten die entsprechenden Medikamente, liefern. „Absurd“, bezeichnet sie diese Vorstellung, die jedoch Wirklichkeit werden könnte.

Auch den Widerspruch zwischen dem weltweiten Hunger und der zugleich hohen Lebensmittelverschwendung sprach Künast an sowie auch das Problem der steigenden Zahl an Übergewichtigen. Hieran erkenne man doch, dass die Kapazitäten da seien und niemand Hunger leiden müsse. „Wir leben über die Verhältnisse von anderen“, stellt die ehemalige Bundesministerin fest und bezieht sich dabei auch auf Länder wie etwa Argentinien, in denen gutes Agrarland für unsere Futtermittelproduktion verwendet wird. Oder auch Asien mit den vielen Palmölplantagen.

Von den Städten ausgehend

„Es gibt Pflänzchen der Veränderung“, meint Künast. Beispiel hierfür seien etwa Urban Gardening sowie das wieder aufkommende Bewusstsein für regionale und saisonale Lebensmittel. „Aber noch ist der Mainstream so, dass wir uns den Boden unter den Füßen wegziehen, im wahrsten Sinne des Wortes.“ Man müsse also verstärkt in neuen Strukturen denken und einen umfassenderen Blick auf die Thematik werfen. Für Künast stehe etwa fest, dass wir für eine Agrarwende eine Ernährungswende brauchen und die gehe von den Städten aus, da hier der Großteil der Weltbevölkerung lebt.

Das waren nur einige Punkte, die die am Biosymposium beteiligten Sprecher ansprachen. Die Veranstaltung zog sich bis in den späten Nachmittag und beinhaltete auch eine offene Diskussionsrunde. Sicherlich wurden bei vielen der Teilnehmer Impulse ausgelöst und sie gingen mit neuen Ideen und Gedanken Heim.