PATRICK WELTER

Der Generalfeldmarschall ging aufrecht im pelzgefütterten Mantel zu seinem Dienstmercedes. Auf Fotos wirkt er merkwürdig unbeteiligt, als ob Dienstschluss sei und der Chef nach Hause geht. Allerdings brachte ihn der Wagen in die - für ihn kommode - sowjetische Kriegsgefangenschaft. Generalfeldmarschall Friedrich Paulus hatte fertig. Auf den Tag genau vor 75 Jahren. Ein merkwürdiges Ende für „die“ Schlacht des Zweiten Weltkriegs - die Schlacht um Stalingrad. Am 31. Januar 1943 kapitulierte die Führung der 6. Armee vor der Roten Armee.

Dieser Moment wird gerne als Wende des Krieges angesehen: Es war eine Wende in Bezug auf den deutschen Vormarsch, aber Stalingrad war nur eine Zwischenstation von vielen, es sollte noch genau zwei Jahre bis zur Befreiung von Auschwitz dauern. Seit der Wannseekonferenz im Januar 1942 lief die NS-Tötungsmaschine hinter der Front auf Hochtouren - bis zum April 1945. Dabei war seit Ende 1941 klar, dass es nichts werden würde mit dem Deutschen Endsieg. Der Angriff auf die Sowjetunion war schon ein Vabanque-Spiel, die Kriegserklärung Hitlers an die USA zeigte den kompletten Wahnsinn des „Führers“. Ging es gar nicht mehr darum, einen Krieg zu gewinnen, sondern nur noch darum, so viele Menschen wie möglich umzubringen?

Stalingrad war natürlich ein Symbol. Unter den über 130.000 Gefallenen auf Seiten der Achsenmächte waren auch tausende Rumänen, Ungarn und Italiener. Umso leichter war es für Italien, nach der Landung der Alliierten auf Sizilien 1943 die Seiten zu wechseln. In Stalingrad starben auf beiden Seiten vor allem arme Schweine. Auf deutscher Seite geführt von einem Generaloberst, der Hitler so treu ergeben war, dass er lieber zehntausende Soldaten in einer aussichtslosen Schlacht verheizte, als den Ausbruch aus dem Kessel zu wagen. Auf der anderen Seite Rotarmisten, die von den Politkommissaren am Rückzug über die Wolga gehindert wurden.

Der russische „Untermensch“, wie ihn sich die Nazis vorstellten, war dann doch deutlich zäher als erwartet. Es wurde um jeden Häuserblock, jedes Haus, jedes Stockwerk und jeden Keller gekämpft - wenn nichts mehr half, nahm man gefrorene Leichen als Deckung. Die russischen Verluste werden auf über 300.000 Tote geschätzt. Während man auf beiden Seiten jämmerlich verreckte, sendete der Großdeutsche Rundfunk Weihnachten 1942 falsche Weihnachtsgrüße aus Stalingrad. Kurz vor dem Ende forderte Hitler seinen gehorsamen Paulus zum Selbstmord auf: Er beförderte ihn zum Generalfeldmarschall - ein Generalfeldmarschall ergibt sich nicht. Paulus war da anderer Meinung. Er gab den Pontius Pilatus, ließ die Kapitulation von einem Stabsoffizier unterzeichnen und quittierte den Dienst.

Ein Rätsel bleibt der Umgang der Sowjets mit Paulus. Während viele Wehrmachtsoffiziere wegen Kriegsverbrechen in Russland verurteilt wurden und erst 1955 freikamen, wurde Paulus - verantwortlich für bis zu 700.000 Tote - nie ein Prozess gemacht. Der Hitler-Verehrer wurde in Nürnberg zum Zeugen der Anklage, blieb aber bis 1953 in Kriegsgefangenschaft - in einer Villa auf der Krim. Als er 1957 in der DDR starb, wurde er mit militärischen Ehren beigesetzt. Übrigens: 110.000 Mann gingen in Gefangenschaft, 6.000 kehrten später zurück: 90 Prozent der einfachen Soldaten starben an Kälte und Fleckfieber, von den höheren Wehrmachtsoffizieren kehrten 90 Prozent zurück.